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Geraubtes Kind : Schau zu DDR-Zwangsadoptionen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine Cottbuser Schau will den unzähligen Opfern eine Stimme geben / Bessere Forschung zum Thema gefordert

svz.de von
erstellt am 20.Sep.2014 | 15:42 Uhr

Als Andreas Laake nachts mit seiner schwangeren Ehefrau in einem Schlauchboot auf der Ostsee sitzt, glaubt er noch, dass sein Fluchtplan aus der DDR aufgeht. Der Kutter ist schon in Sichtweite, als plötzlich grelle Lichter aufleuchten. Grenzpolizei. „Ich hab’ mich nur noch leer gefühlt“, schildert der 53-Jährige seine Fluchtgeschichte aus dem Jahr 1984.

Die Beziehung sei kurz darauf zerbrochen, seinen damals noch ungeborenen Sohn habe er 2013 erstmals gesehen – nach einem Fernsehaufruf. „Er wurde in der DDR zwangsadoptiert, als ich im Gefängnis saß“, sagt Laake. Das Schicksal, das der Leipziger schildert, ist kein Einzelfall. Wie viele DDR-Bürger betroffen waren, ist unbekannt. Viele fordern eine bessere Forschung. Eine neue Dauerausstellung in Cottbus will für das Thema sensibilisieren.

Knapp 25 Jahre nach dem Mauerfall spricht die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur von einer schwierigen Faktenlage. „Die Zahl von Zwangsadoptionen in der DDR aus politischen Gründen und zum Zweck der Repression ist schwer zu benennen“, sagt Geschäftsführerin Anna Kaminsky. Akten und Unterlagen zu den Verfahren seien heute oft nicht mehr auffindbar. „Weitere Forschungen zu diesem wichtigen Kapitel der Geschichte des Unrechts in der DDR sind deshalb unbedingt notwendig.“ Das fordert auch der Verein „Hilfe für die Opfer von DDR-Zwangsadoptionen“, dessen Gründerin Katrin Behr die neue Schau initiierte. Seit vergangenem Donnerstag hängen an der Auffahrt zum ehemaligen DDR-Gefängnis Zuchthaus Cottbus etwa 320 Suchanzeigen und Plakate. Die Ausstellung gleicht mehr einer Installation. Auf weißen Schildern stehen Namen, Geburtsdaten und Geburtsorte. Gesucht werden Eltern, Geschwister und Kinder.

Die Daten hat Behr von der Internetseite des Opfervereins zusammengetragen. Über ein Formular können dort Suchanzeigen aufgegeben werden. Ob die Gesuchten noch leben, ist völlig unklar. „Wir wollen mit der Dauerausstellung zeigen, dass es sich bei Zwangsadoptionen um Schicksale handelt und nicht um irgendwelche Akteneinträge“, sagt Behr. Sie selbst sei zwangsadoptiert worden, beschreibt sie auch in einem Buch. Sie schätzt, dass es bis zu 10 000 Opfer geben könnte. „Viele wissen wahrscheinlich gar nichts von ihrem Schicksal.“


Plötzlich war das eigene Kind weg


Andreas Laake befestigt am Eröffnungstag eines der Plastikschilder an einem Zaun, der zum Ex-Gefängnis führt. Dort saß er selbst nach seiner Flucht ein, wie er angibt. Mehrere Jahre sei er in verschiedenen Haftanstalten gewesen. Von der Adoption seines Sohnes habe er über einen Erzieher erfahren. Was er fühlte? „Man läuft nur noch leer.“ Er ist sich sicher, dass man ihm sein Kind wegnahm, weil er ein Gegner der DDR gewesen sei. „Ich hätte ihn ja infiltrieren können, sie wollten sichergehen.“

Laut Bundesfamilienministerium können Zwangsadoptionen durch die DDR-Behörden oder -Gerichte nicht mehr aufgehoben werden. Mögliche Opfer sollten sich an die zuständige lokale Adoptionsvermittlungsstelle wenden, die die Suche nach den leiblichen Eltern begleiten könne, rät das Ministerium.

Der Ort für die neue Ausstellung ist gut gewählt. Das ehemalige DDR-Gefängnis ist heute eine Gedenkstätte des Menschenrechtszentrums Cottbus. Der Verein wurde 2007 von früheren politischen Gefangenen gegründet. Mit Hilfe öffentlicher Mittel und privater Spenden wurde das Areal gekauft. Die geschäftsführende Vorsitzende, Sylvia Wähling, sagt: „Wir wollen den Opfern der politischen Repression eine Stimme geben.“

Wenn Laake vom ersten Wiedersehen mit seinem Sohn in Leipzig berichtet, schießen ihm Tränen in die Augen. Seine Stimme stockt, er atmet tief durch. „Ich wusste auf dem Parkplatz sofort, dass er es ist, obwohl dort viele Menschen waren.“

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