Erstmals Öffentlich Zugänglich : Reise in die verbotene Zone

Auf den Spuren des Ingenieurs Wernher von Braun: Ralf Kaim vom Förderverein Versuchsstelle Kummersdorf vor einer Anlage, in der ab den 1920ern Raketenmotoren für das deutsche Heer getestet wurden.
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Auf den Spuren des Ingenieurs Wernher von Braun: Ralf Kaim vom Förderverein Versuchsstelle Kummersdorf vor einer Anlage, in der ab den 1920ern Raketenmotoren für das deutsche Heer getestet wurden.

Das militärische Sperrgebiet bei Sperenberg soll nach und nach für die Bürger geöffnet werden.

svz.de von
20. Juli 2014, 06:55 Uhr

Eigentlich sollte in Sperenberg (Teltow-Fläming) der neue Großflughafen entstehen. Deshalb lag das frühere Militärgebiet lange Zeit wie unter einer Käseglocke im Wartestand. Doch jetzt soll es erschlossen werden. In dieser Woche präsentierte das Finanzministerium die Fläche erstmals der Öffentlichkeit.

Damit sich Besuchergruppen im Auto einen Eindruck von dem 15 mal zehn Kilometer großen Gebiet verschaffen können, mussten Landesbedienstete zuvor drei Tage lang die Wege von Geäst freischneiden. Es ist ein einziger Dschungel, 30 Kilometer Luftlinie von der südlichen Berliner Stadtgrenze entfernt. Ein Dschungel voll mit 4000 Ruinen, baulichen Zeugnissen längst untergegangener Militärtechnik.

Seit 1875 hat das deutsche Heer hier alles Mögliche testen lassen – Raketen, Gewehre, Geschütze, Granaten, Sprengstoffe, mobile Eisenbahnbrücken und sogar Sohlen für Soldatenstiefel. Übrig geblieben sind massive Unterstände, Bürogebäude, Wohnhäuser, ein pittoresk zugewachsenes Zeughaus, das Offizierskasino und vieles mehr. Ralf Kaim kann darüber herrliche Geschichten erzählen. Er ist der Chef des Fördervereins Versuchsstelle Kummersdorf.

Da ist zum Beispiel diese 400 Meter lange Festung in französischer Bauart, auf Befehl des Kaisers 1884 innerhalb eines halben Jahres errichtet. Ziel des Projekts: Testen, was deutsche Granaten so anrichten können. „Hätte ja blöd ausgesehen, in Friedenszeiten nach Frankreich zu fahren und dort probeweise Granaten auf Festungen zu werfen“, merkt Ralf Kaim bei der Führung über das verwunschene Gelände an. So habe man die im Wald errichtete Festung innerhalb eines Tages mit 152 Granaten zerlegt. Die moosbewachsenen Überreste ragen seit nunmehr 130 Jahren in die Landschaft.

Ähnlich spektakulär sind jene Anlagen, in denen Wernher von Braun und andere Ingenieure Raketenmotoren etwa für die berühmte V2 getestet haben. „Noch am 28. April 1945 wurde hier geforscht, bis an diesem Tag Soldaten aus dem Halber Kessel ausbrachen und auf ihrer Flucht die Versuchsanstalt erreichten“, erzählt Ralf Kaim.

Nach dem Krieg übernahm bis 1994 die Rote Armee das Gelände, errichtete in Sperenberg einen Flugplatz, über den vor allem Luftfracht lief und im Jahre 1991 der zu dem Zeitpunkt mit Haftbefehl gesuchte Ex-Staatschef der DDR, Erich Honecker, von russischen Streitkräften ausgeflogen wurde. Abfertigungsgebäude, Hangars, den Tower, all das gibt es noch, wenn auch größtenteils von Bäumen überwuchert.

Im Jahre 2012 nun hat der Bund das Areal an das Land Brandenburg übertragen. Es hier nun doch noch einmal mit einem Flughafen zu versuchen, sei „außerhalb jeder Diskussion“, stellte Brandenburgs Finanzstaatssekretärin Daniela Trochowski am Donnerstag klar. In jüngster Vergangenheit war immer wieder darüber spekuliert worden, ob Sperenberg für eine eventuelle Erweiterung von Schönefeld infrage komme.

Stattdessen schwebt dem Land vor, dass Sperrgebiet nach und nach für die Bürger zu öffnen. Ein „Museum in der Natur“ solle das Areal werden, so Trochowski. Außerdem könnten Solar- und Windkraftanlagen errichtet werden. Details soll eine Machbarkeitsstudie liefern, die Anfang September vorgestellt werden soll. Streit mit Denkmal- und Naturschutz um die wirtschaftliche Nutzung ist jedoch bereits programmiert. Unklar ist auch, woher das Geld für die Erschließung kommen könnte.

Am wichtigsten sei zunächst, das Gelände zumindest teilweise zugänglich zu machen, betont die Staatssekretärin. Auch das kein leichtes Unterfangen, ist der Boden doch nicht nur kontaminiert, sondern auch mit Munitionsresten belastet. „Aber die größte Gefahr ist, beim Waldspaziergang in ein tiefes Loch zu fallen“, warnt Ralf Kaim. Das Heer habe seinerzeit auch unterirdisch viel getestet. Und so bleibt das Areal zwischen Sperenberg und Kummersdorf vorerst eine verbotene Zone. Nur Ralf Kaim darf hin und wieder Führungen über das Gelände machen.

Kontakt für Führungen des Fördervereins: Tel. 0337 0377 048 oder im Internet unter www.museum-kummersdorf.de.



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