Sei dein eigener DJ : Radio für Einzelkämpfer

Live aus dem Oderbruch: Radiomacher Alexander Lehmann aus Seelow (Märkisch-Oderland) hat in einem Zimmer der elterlichen Wohnung ein kleines Studio eingerichtet.
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Live aus dem Oderbruch: Radiomacher Alexander Lehmann aus Seelow (Märkisch-Oderland) hat in einem Zimmer der elterlichen Wohnung ein kleines Studio eingerichtet.

In Brandenburg gibt es nur wenige nichtkommerzielle Sender. Doch das Internet bietet Nischen.

svz.de von
23. Juli 2014, 12:31 Uhr

Viel brauchte Alexander Lehmann nicht, um seine Radiostation zu betreiben. Eine Anmeldung bei der Gema war schnell erledigt, Server-Computer wurden in Hessen angemietet, die entsprechende Software für das Abspielen von Musik und Nachrichten programmierte der 17-jährige Seelower teilweise selbst. Ein kleines Studio richtete er in der Wohnung ein.

Seit mittlerweile anderthalb Jahren sendet Lehmann, der nach absolvierter Schulzeit jetzt auf einen Ausbildungsplatz wartet, in der Kreisstadt. Ein in Nordrhein-Westfalen wohnender Bekannter hat die Produktion der Nachrichten übernommen, jeden Sonntag gibt es Sendungen zu einem bestimmten Thema. Dann werden auch Hörer zugeschaltet. Zur Fußball-WM wurden die Spiele analysiert.

Letztlich funktioniert das Radio des jungen Betreibers wie ein Baukastenprinzip, Beiträge werden von verschiedenen Orten eingespeist. „Im Großen und Ganzen bin ich Einzelkämpfer“, sagt Lehmann. Seine Mutter unterstützt ihn nicht nur finanziell, sondern gestaltet selbst einige Sendungen. Das Do-it-yourself-Radio hat sich ein kleines Publikum erarbeitet: Bis zu 500 Seelower schalten ein. Morgens werden Schlager für die ältere Generation abgespielt, nachmittags geht es poppiger bei „Radio Seelow“ zu. Über einen kleinen Funksender, der die Größe eines USB-Sticks hat, ist das Radio über die Frequenz von 90,6 Megahertz in Teilen von Seelow zu empfangen, weltweit im Internet.

„Mehr Reichweite ist vorerst nicht möglich, einen Platz im Kabel muss man finanzieren können“, sagt Lehmann, der seinem werbefreien Radio einen Regenbogen als Logo verpasst hat. Als bekennender Schwuler tritt er auch über den Äther gegen Homophobie im ländlichen Raum ein. „Da gibt es noch viel zu tun“, sagt Lehmann.


Die Szene ist überschaubar


Nicht nur Internetradios sind in Brandenburg bislang rar – auch die Szene der Freien Radios, bei denen Bürger ein Programm ohne Vorgaben gestalten, ist absolut überschaubar: Es gibt nur einen Sender in Potsdam, der sich mit Berliner Initiativen die UKW-Frequenz 90,7 teilt. „Das braucht hier im Land noch etwas Zeit“, sagt Eric Bentsch, einer der Macher des Freien Radios Potsdam. Dabei bieten derartige Projekte aus seiner Sicht einen großen Raum für Meinungsfreiheit. „Wer ein Thema hat, findet hier immer einen Sendeplatz. Man kann hier unbefangen agieren.“

Für Hörer wiederum gebe es Überraschungen, sagt Bentsch, der als Medienpädagoge arbeitet. „Das Programm kann sich schon kurzfristig ändern, hier sind ja keine Profis am Werk.“

Zu Spitzenzeiten erreicht der Potsdamer Sender 15 000 Hörer auf der UKW-Frequenz, bis zu 10 000 im Internet. Vor allem abends sind die Sendeplätze oft von Bands und DJs aus der Landeshauptstadt belegt, auch Senioren und Studenten sind regelmäßig on Air. Rund 50 Mitstreiter zählt das Radio.

Mit deutlich weniger Potenzial muss Radio Slubfurt aus Frankfurt (Oder) auskommen, das seit drei Jahren sendet – ausschließlich im Internet. „Man kann sich austoben, kreativ sein, aber die zur Verfügung stehende Zeit setzt Grenzen“, sagt Matthias Dörr, der mit fünf weiteren Enthusiasten das Programm gegründet hat.

Eine ausführliche Sondersendung über die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP, Interviews mit osteuropäischen Bands oder Reportagen aus der Stadt – alles ist möglich, wenn die eigenen Kapazitäten reichen.

„Es ist mühselig. Wir könnten viel mehr Unterstützung gebrauchen, aber Frankfurt ist klein“, sagt Dörr. Aus seiner Sicht sind weitere terrestrische Frequenzen für Bürgerradios notwendig. „Die Landesmedienanstalt sollte mehr Raum schaffen. Das funktioniert woanders besser“, sagt Dörr.

Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg verweist dagegen auf mehrere Ausschreibungen, die es in brandenburgischen Kommunen für Radiofrequenzen gegeben hat. „Einen Platz finden wir immer, aber es hängt an der Finanzierung“, sagt der Referent Steffen Meyer-Tippach. Eine direkte Förderung der Projekte sei vom Landesgesetzgeber allerdings nicht vorgesehen.

Der Experte Michael Richter räumt reinen Internetsendern nur wenig Chancen ein. „Die Euphorie ist anfangs groß, aber Kosten und Zeitaufwand zwingen viele zum Aufgeben“, sagt der Leiter der Plattform „Digitaler Rundfunk“. Auch in Brandenburg hätten manche Online-Sender schnell wieder aufgegeben.

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