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Brandenburg : Pendler zwischen Welten

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Für ihn könnte das Wort Kosmopolit erfunden worden sein: Der gebürtige Brite Howard Griffiths hat lange in der Türkei gelebt. Heute hat der Dirigent ein Haus in der Schweiz und arbeitet in Brandenburg

Fast wäre die Musiker-Karriere schon früh zu Ende gewesen: Zwei Jahre Klavier- und Geigenunterricht bei seinem Vater ließen den achtjährigen Howard die Lust verlieren. „Nach ein paar Monaten wollte ich doch wieder spielen – unter der Bedingung, dass ich einen anderen Lehrer haben kann“, erzählt der heutige Generalmusikdirektor des Brandenburgischen Staatsorchesters in Frankfurt (Oder), Howard Griffiths. Seitdem bestimmt Musik sein Leben.

An der Oder kämpft der 64-Jährige zusammen mit Intendant Peter Sauerbaum engagiert um den Erhalt des einzigen A-Orchesters des Landes. Daneben dirigiert er Klangkörper in Deutschland, der Türkei und Spanien.

Seine größte Leidenschaft ist aber wohl die Vermittlung: Griffiths bildet Dirigentennachwuchs aus, initiiert Bildungsprojekte und hat ein Kinderbuch über die Instrumente eines Orchesters geschrieben.

Seine Frau hat Griffiths während der Ausbildung am Royal College of Music (London) kennengelernt. Um die Heimat der Bratschistin zu begreifen, ging er anschließend mit ihr in die Türkei. Inzwischen spricht er ihre Sprache fließend.

An die Oder kam der Brite 2007 eigentlich bloß für ein Gastkonzert, wie der lebhafte Brite erzählt, dabei ab und an ins Englische springend. „Und die Chemie mit Musikern und Intendant hat sofort gestimmt.“ Seither pendelt er zwischen zwei Welten: der brandenburgischen Grenzstadt mit hoher Arbeitslosigkeit und seinem Haus in einer wohlhabenden Gegend Zürichs.

Bevor er das Dirigieren zum Beruf machte, hatten Griffiths und seine Frau dort an der Oper Engagements. Die beiden Kinder sind in der Schweiz aufgewachsen. Griffiths stammt aus einer Musikerfamilie; auch sein Sohn Kevin ist inzwischen Dirigent. Wenn er sich in Frankfurt aufhält, wohnt der Maestro im Hotel. „Das ist auch ein Zuhause, aber ich muss keinen Abwasch machen“, sagt er und lacht. Die Stadt sei nicht auf Anhieb „sein Traumort“ gewesen. Mittlerweile aber liebe er die Oder und die Schönheit der Landschaft.

Die Stadt hat den Vertrag mit Griffiths schon zum dritten Mal verlängert, bis 2018. „Unter seiner Leitung hat der inzwischen weltweit bekannte Klangkörper deutlich an Renommee, Ausstrahlung und Profil gewonnen“, lobt Oberbürgermeister Martin Wilke (parteilos).

Das von Stadt und Land getragene Frankfurter Orchester spielt 20 Prozent seiner Einnahmen selbst ein – etwa mit Musik für TV-Filme und Computerspiele. Das ist mehr als andere Orchester schaffen.

Brandenburgs Finanzknappheit – gerade im Vergleich zur Schweiz – sei schon eine „große Herausforderung“, räumt Griffiths ein. Vor drei Jahren hatte das Orchester deswegen eine geplante Tournee durch China absagen müssen. Ohne einige Großsponsoren wären viele Projekte nicht mehr machbar.

„Ich bin dankbar, dass die Stadt hinter dem Orchester steht“, sagt der Wahl-Frankfurter. Die bekomme dafür viel zurück – angefangen von Lunchkonzerten an der Universität über die Auftritte von Bands und Gruppen, zu denen sich Musiker zusammenschließen, bis hin zum großen Symphoniekonzert.

Seit Griffiths den Taktstock schwingt, tritt das Orchester außerdem regelmäßig auf dem Land auf, so in Seelow oder Neuenhagen. „Das stand für mich fest: Wir müssen auch dahin, wo es sonst keine Musik gibt.“ Ebenso finden regelmäßig Familien- und Schulkonzerte in der Provinz statt. „Bildungsprojekte sind Pflicht. Jedes Orchester sollte das machen.“

Wie ansteckend seine Begeisterung für Musik ist, spürt man in den Kinderkonzerten des Dirigenten: Da stehen dann Fünfjährige Schlange, um auf einem Stück Gartenschlauch Trompete zu blasen. Dass in Schulen immer weniger Musikunterricht stattfinde, macht Griffiths traurig: Man brauche im Leben nicht nur Mathe, sondern auch „Hirn und Gefühl“.

Zwei große Bildungsprojekte mit jeweils rund 300 Schülern hat das Orchester zuletzt gestemmt. 2015 steht die Kinderoper „Orchestermäuse“ an.


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