Berlin : Lenin und die Zauneidechsen

Nach der Wende wurde das Lenin-Denkmal in Berlin abgerissen.
Nach der Wende wurde das Lenin-Denkmal in Berlin abgerissen.

Der Kopf der Statue wird Ende August für eine Ausstellung geborgen / Bis dahin müssen noch Reptilien umgesetzt werden

svz.de von
03. April 2015, 09:00 Uhr

„Irgendwann bringe ich den Typen noch um“, sagt Zitadellen-Chefin Andrea Theissen. Es ist natürlich Galgenhumor, denn Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin ist schon 91 Jahre tot. Selbst sein Konterfei aus ukrainischem Marmorgranit vom Berliner Platz der Vereinten Nationen ist seit 1991 im Köpenicker Forst verscharrt. Die Kulturamtsleiterin aus Berlin-Spandau will zumindest den 3,5 Tonnen schweren Kopf ausgraben lassen, um ihn mit anderen Denkmälern in einer Ausstellung zu zeigen.

Doch den russischen Revolutionsführer wieder auferstehen zu lassen, scheint im Berlin des Jahres 2015 nicht so einfach. Erst waren es politische Diskussionen, die Theissen Nerven kosteten. Schließlich hatte man dem Kommunistenführer in Berlin-Friedrichshain nach der Wende nicht ohne Grund „Goodbye“ gesagt. Viele Senatsmitglieder hätten den Granit-Lenin gerne weiter in der Verbannung gelassen. Nur Gregor Gysi setzte sich dafür ein, den Urvater aller Revolutionäre gemeinsam in einer Reihe mit Marmorgrößen aus der ehemaligen Siegesallee zu zeigen. Eine Schau, die auch die Zerstörung, Vernachlässigung und Umgestaltung von Denkmälern im Wandel der deutschen Geschichte beleuchtet, fand die Ausstellungschefin Theissen und kämpfte weiter um ihre Hauptattraktion.

Waren die politischen Streitereien irgendwann beigelegt, ging es nun darum, den Standort ausfindig zu machen. Der wurde damals schon geheim gehalten, damit der Wald nicht von Nostalgikern umgepflügt würde.

Doch die Mitarbeiter der Spandauer Zitadelle machten sich auf Spurensuche, wälzten Akten, befragten Zeitzeugen, besahen Fotos – und machten einen Hügel in der Seddiner Heide aus. „Eine schöne sonnige Plattform, die sich die Zauneidechsen erobert haben“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsumweltverwaltung. Lenins „Grab“ sei nun einer der wenigen Orte in Berlin, an dem die bedrohte Tierart wieder heimisch geworden sei. Die grünen, etwa zehn Zentimeter langen Reptilien nehmen bei schönem Wetter gerne ein Sonnenbad, um ihren wechselwarmen Organismus auf Touren zu bringen und hatten den künstlichen Schuttberg deshalb zu ihrem Biotop auserkoren.

Eine neue Hürde, höher als jede politische Debatte. „Es war ein langer Prozess, das Bergungskonzept mit der Naturschutzbehörde auszuarbeiten“, sagt Andrea Theissen etwas erschöpft. Die Förster wollten nicht, dass ihr Wald durchwühlt wird. Die Grünen und die Piraten forderten, dass die Echsen erst im Oktober umgesiedelt werden, wenn sie ihre Jungen großgezogen haben. Die Naturschützer verwiesen darauf, dass die possierlichen Tierchen Winterschlaf in Lenins Nasenhöhle halten. Selbst Baggergeräusche könnten sie dann nicht wecken.

Die wird es allerdings auch nicht mehr geben. Nach vielen Beratungen einigte man sich darauf, das Lenin-Figur natur- und denkmalfreundlich per Hand auszubuddeln. Das rund vier Quadratmeter große Areal für den Eingriff wurde allerdings noch einmal erweitert. „Es musste noch Platz für die vielen Journalisten eingeplant werden, die dem Spektakel beiwohnen wollen“, sagt Rohland.

Doch bevor wieder alle Lichter auf den Granit-Lenin gerichtet werden, müssen erst einmal die Echsen umgeleitet werden. Und zwar ganz im Verborgenen. Der Standort wird weiter streng geheim gehalten. „Nicht, dass die Spaziergänger zu Ostern im Köpenicker Forst statt Eiern Lenin suchen“, erklärt Kulturamtsleiterin Theissen. Sie ist erleichtert, dass die „Sondergenehmigung zur Verbrämung der Zauneidechse“ in dieser Woche erteilt wurde.

„Lenins Bergung kann dann Ende August erfolgen“, freut sich Theissen. Vielleicht doch noch rechtzeitig zur Eröffnung der Denkmal-Ausstellung im sanierten ehemaligen Proviantmagazin der Zitadelle. Die wurde nämlich auf Oktober verschoben. Das habe aber gar nichts mit Lenin zu tun, beteuert Theissen. Sondern mit Problemen bei der Sanierung einer historischen Decke aus der Nazi-Zeit.

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