Historie : La Guerillera aus Eisenhüttenstadt

Berliner Studenten haben sich mit der fast vergessenen Revolutions-Legende Tamara Bunke beschäftigt

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31. Juli 2015, 12:16 Uhr

Der Name Tamara Bunke war in der DDR sehr präsent. Mehr als 200 Schulen, Kollektive und Straßen trugen ihren Namen. Heute ist die Kampfgefährtin Che Guevaras hierzulande fast vergessen. Nun haben ein Professor und Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) eine Ausstellung konzipiert.

„Wussten Sie schon“, wird in dem Ausstellungskatalog gefragt. Und dann erfahren wir folgendes. „Ihren Kampf- und Decknamen Tania wählte sie nach ihrem Vorbild: Soja Anatoljewna ‚Tanja‘ Kosmodemjanskaja, ermordet als Partisanin im deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.“ So wurde aus der 1937 in Buenos Aires geborenen Tamara Bunke, der späteren Eisenhüttenstädterin, „Tania la Guerillera“. Später war sie auf Kuba. Das ist alles fast vergessen.

Aber warum beschäftigt sich ein in Hamburg sozialisierter Professor für Museumskunde und Museumsmanagement mit einer kommunistischen Revolutionärin, die in Fürstenberg (Oder) bzw. Stalinstadt bzw. Eisenhüttenstadt zur Schule ging und mit 29 Jahren in Bolivien erschossen wurde? „Mich haben immer die im Westen randständigen Themen interessiert“, sagt der Professor. Er ging in Westdeutschland auf eine Schule, in der er Russisch lernen konnte. „Davon gab es ungefähr eine pro Bundesland, damit die Flüchtlingskinder aus der DDR auch in diesem Fach ihr Abitur beenden konnten.“ Er sei viel in der DDR gewesen, erzählt Oliver Rump. Auch mal in Leningrad. Eine frühe Beziehung zum Osten. Eine Beziehung mit Folgen.

Als Rump in Berlin-Oberschöneweide Professor an der HTW wurde, entwickelte er das Projekt „mugocu - „Museology goes Cuba“. Er bekam dadurch Kontakt zu „Cuba Si“, einer Arbeitsgemeinschaft in der Linkspartei, die sich auch 2014 im Bericht des Bundesverfassungsschutzes wiederfand. Als „offen extremistische Gruppierung“. Der Grund: „Eine kritische Auseinandersetzung mit Menschenrechtsverstößen der kubanischen Regierung findet in der Regel nicht statt.“

Oliver Rump ist nicht sonderlich beeindruckt. Wer stand nicht schon alles im Verfassungsschutzbericht. Viel wichtiger ist für ihn: Im Keller von „Cuba Si“ lagerte der Nachlass von Tamara Bunke. Ihre Mutter Nadja Bunke hatte ihn der Rosa-Luxemburg-Stiftung übergeben. Aber niemand interessierte sich in Deutschland dafür. Deshalb wollte der Altlinke Hans Modrow den Nachlass nach Kuba bringen. Doch noch zuvor bekam der HTW-Professor Wind von der Sache. „Da habe ich die Reißleine gezogen“, sagt er lächelnd. „Das ist doch deutsches Kulturgut.“ Rump konnte den Abtransport vorläufig stoppen und durfte den Nachlass sichten. Zusammen mit seinen „Studenten-Brigaden hat er den Bestand ausgewertet und teilweise digitalisiert. Interviews wurden auf Kuba und in Deutschland geführt und die verschiedenen Biografien auf ihre Fakten hin überprüft. Schließlich wurde die Ausstellung entworfen.

In Rumps Hochschulbüro steht eine Büste. Geschaffen hat die Büste der iranische Künstler Ahmad Barakizadeh. Ende August wird sie zusammen mit dem Rest der Ausstellung auf Kuba zu sehen sein. Auf der Insel ist Tamara Bunke Teil der Revolutionsgeschichte. Eine mythische Frau aus Deutschland.

Vier Wochen seines Urlaubes wird Oliver Rump für die Betreuung des Projektes und der mitreisenden Studenten auf der Zuckerrohrinsel opfern. Die Studenten müssen größere Teile der Kosten selbst tragen. Franz Mattuschka, der Kommunikationsdesign-Student, war schnell mit an Bord. „Ich hatte vorher noch nie von Tamara Bunke gehört“, sagt der 29-Jährige, der in Dahlewitz (Teltow-Fläming) aufwuchs Jetzt weiß er eine Menge. Dass sie 1952 mit ihren Eltern aus Argentinien in die DDR kam. Nach langen Jahren des Exils, in das die kommunistischen Eltern Tamaras flüchteten. Vom Heimweh nach der Übersiedelung in die Musterstadt Eisenhüttenstadt. Und darüber, wie die glühende junge Sozialistin 1960 in der DDR Che Guevara traf. Danach wollte sie nach Kuba.

Im Mai 1961 türmte sie. Über Prag. Niemand hat sie geschickt. Die Stasi wusste nichts. Oliver Rump hat die Akten gesehen. Bunke hat nicht für das MfS gearbeitet. Auch nicht für den KGB. „Für den kubanischen Geheimdienst schon“, sagt Rump. „Als Kundschafterin.“ So kam sie nach Bolivien. Und als Che Guevara die Revolution auch nach Bolivien tragen wollte, wurde sie dort im Urwald von Soldaten erschossen.

Zusammen mit dem toten Che wurde Tamara Bunke zur Legende. Der Zwergplanet 2283 heißt Bunke. Und im Che Guevara-Film von Steven Soderbergh hat Franka Potente die Rolle Bunkes gespielt. Noch bevor der Film gedreht wurde, zeigte sich der „Berliner Kurier“ begeistert. „Frappierend, diese Ähnlichkeit! Beides Kämpfertypen, beide aus Deutschland.“ Das Blatt nannte Bunke „Che Guevaras Dschungelbraut.“ Tamaras Mutter Nadja hat bis ins hohe Alter gegen dieses Klischee gekämpft. Mit Erfolg. Eine Biografie über ihre Tochter wurde vom Markt genommen.

Von Tamara Bunke gibt es nur Schwarz-Weiss-Fotos. Franz Mattuschka recherchierte zusammen mit einer Kommilitonin so lange, bis unter anderem klar war, welche Augenfarbe Tamara hatte. Die Studenten schufen ein Farbbild. Tanias Augen waren blau.

Wenn die Ausstellung aus Kuba zurückkommt, gibt es schon die nächsten Interessenten. In Buenos Aires. In Berlin. In Frankfurt am Main. Eine Studentin aus Eisenhüttenstadt hat den Kontakt zum dortigen DDR-Museum hergestellt. Die nächsten Semester wollen mit der Ausstellung auch in Schulen gehen.

Denn Professor Rump und seine Studenten sind fasziniert von der Legende. „Ich habe sogar schon einmal von Tamara geträumt“, sagt Rump. Kritisches? „Sie war ganz schön naiv.“ Und Mattuschka sagt: „Seine Ideen mit Waffengewalt durchzusetzen, halte ich für falsch.“ Leise fügt der Professor hinzu: „Sie hat ja nie jemanden umgebracht.


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