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Interview : „Ich sollte erwürgt werden“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Preise in der DDR, Bundesverdienstkreuz und Brandenburger Verdienstorden – jetzt bekommt Künstler Wieland Förster ein Museum.

Oranienburg (Oberhavel) widmet dem seit 40 Jahren im Ortsteil Wensickendorf lebenden Künstler jetzt ein Wieland-Förster-Zimmer im Amtshauptmannshaus, Breite Straße 1. Es wurde am Wochenende eröffnet. Besichtigungen sind nach Voranmeldung in der Tourismus-Information möglich. Über sein künstlerisches Schaffen, sein Leben und die Bedeutung seines Wohnorts sprach Friedhelm Brennecke mit dem 84-jährigen Wieland Förster.

Sie haben sich schon als Jugendlicher, der unschuldig im sowjetischen Speziallager Bautzen einsaß, geschworen, den Opfern politischer Willkür durch Mahnung und Gedenken ein Weiterleben zu sichern. Wussten Sie da, dass Sie Künstler werden wollten?

Wieland Förster: Wer den tausendfachen Tod im Speziallager erlebt und überlebt hat, den kann das nicht kalt lassen. Die Sowjets haben dort auf elegante Weise, ohne dass ein Schuss fiel, die meist unschuldigen Leute unter die Erde gebracht. Hunger und Krankheiten kamen ihnen dabei gelegen. Ich erkrankte dort wie viele an Tuberkulose und habe deswegen nur noch eine halbe Lunge. Für mich mit meiner antifaschistischen Überzeugung, stand damals fest, das dort Erlittene darf nicht der Vergessenheit anheimfallen. Ich kam schnell zu dem Schluss, dass sich dies für mich auf künstlerische Art und Weise am besten vermitteln lässt.
Gibt es ein Thema, das Sie in Ihrem künstlerischen Schaffen geleitet, Ihr Werk wie ein roter Faden durchzogen hat?

Ja, das sind die Themen Liebe und Tod. Mit denen habe ich mich Zeit meines Lebens beschäftigen müssen, schon als Kind bei der Bombardierung Dresdens und als Jugendlicher im sowjetischen Speziallager. Der „Große Trauernde Mann“, der am Albertinum in Dresden steht, ist ein Denkmal für die Opfer der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945. Und die Skulptur „Namenlos – ohne Gesicht“ auf dem Münchner Platz in Dresden ist den zu Unrecht Verfolgten nach 1945 gewidmet.
Sie waren unter anderem Meisterschüler bei Fritz Cremer, von dem „Die Anklagende“ auf dem Oranienburger Schlossplatz stammt. Wie war Ihr Verhältnis zu Cremer?

Cremer und ich waren Antipoden. Cremer hat mit Helfern gern große Auftragsarbeiten ausgeführt. Ich habe aus innerem Auftrag gehandelt und nur zweimal Aufträge entgegengenommen. Cremer stand für das Pompöse, wie sein Buchenwald-Denkmal zeigt, das ich, gelinde gesagt, nicht gelungen finde. Fünf und mehr Meter große Mahnmale sind eher ein Zeichen von Diktaturen. Hätte er nicht eine ganze Gruppe, sondern nur den Gestürzten, der die Arme hochreißt, monumental dargestellt, wäre die Aussage glaubwürdiger. Der hätte dann auf dem Ettersberg stehend bis nach Hessen sichtbar sein dürfen.
Zu DDR-Zeiten durften Sie zeitweise nicht ausstellen und Ihre Kunst nicht verkaufen. Wie haben Sie das überstanden?

Das waren harte Zeiten. Ich durfte zwar arbeiten, hatte also kein Berufsverbot wie viele Künstler während des Nationalsozialismus, aber ich sollte doch regelrecht erwürgt werden. Dank der Unterstützung durch Konrad Wolf, der Präsident der Akademie der Künste war und mich in die Akademie holte, und der Hilfe des Bürgerrechtlers Rudolf Tschäpe konnte ich meine erste große Werkausstellung erst in den 1970er-Jahren in Potsdam machen. Durch Wolfs Zutun wurde ich fünfter Vizepräsident der Akademie und für die Ausbildung von Meisterschülern verantwortlich. 1985 wurde ich auch zum Professor ernannt. Ich halte aber nicht viel von solchen Titeln.
Seit wann leben und arbeiten Sie in Wensickendorf?

Als ich wegen meiner künstlerischen Arbeit in Berlin mehr und mehr behindert wurde, sah ich mich im Umland um. Zunächst wurde ich Ende der 1960er-Jahre in Summt fündig. Wenige Jahre danach ergab sich die Gelegenheit, in Wensickendorf ein sehr großes Grundstück zu erwerben. Seit Anfang der 1970er lebe ich hier und schätze die Weite, die man als Bildhauer für seine Arbeit braucht. Alle großen Sandsteinskulpturen sind hier im großen Garten entstanden. Ich habe viele davon aus der Ferne betrachtet und dabei oft erst gesehen, dass sie keinen „Anflugpunkt“ hatten. Der musste dann natürlich noch geschaffen werden. Den braucht schließlich jede Biene, um einen Baum zum Bestäuben anzufliegen.
Bis 2007 haben Sie auch noch ihr kleines Ladenatelier in der Greifswalder Straße in Berlin betrieben, wo ihr plastisches Spätwerk entstanden ist, darunter Porträts vieler bekannter Künstler. Wer ist Ihnen davon noch besonders in Erinnerung?

Das ist Bernhard Minetti. Der war zwar so etwas wie ein Diktator, der immer bestimmen wollte, wann er mich nach einer Sitzung im Atelier zum Essen einladen wollte. Ich habe ihm gesagt, hier bestimme ich. Das ist wie beim Zahnarzt, wo sie sich als Patient auch fügen müssen. Das Essengehen war dann aber auch schön, weil ich die Zeit immer nutzte, mir meine Skizzen von Minetti zu machen. 50 bis 60 sind dabei bestimmt zustande gekommen. Die waren dann die Grundlage für meine Arbeit an seinem Porträt.

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