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Film „nach Wriezen“ : „Ich bin ein Gefühlsmensch“

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Daniel Abma porträtierte in seinem Film „nach Wriezen“ ehemalige Gefangene / Die Brandenburger Jugend beschäftigt den Regisseur immer wieder

svz.de von
erstellt am 22.Dez.2014 | 16:20 Uhr

Lange Gefängnisflure, eine hohe Mauer um einen Hof und ein Ball, der einsam im Stacheldraht liegt: Die Tristesse der Gefangenschaft markiert den Anfang des Films. Mittendrin drei junge Männer kurz vor ihrer Entlassung. Als der Tag gekommen ist, trägt Imo einen Karton mit seinen Habseligkeiten nach draußen. „Freiheit“, sagt der Justizvollzugsbeamte, der ihn vor die Tür begleitet. „Freiheit, ja. Erstmal eine rauchen“, antwortet Imo lakonisch. Seine Freiheit beginnt mit einer Zigarette. Und was nun? Neuanfang? Oder ein kurzes Intermezzo, ehe er wieder im Gefängnis landet?

Für den Kleinkriminellen Jano ist die Lage klar. „Bist du ein Kunde?! Klar habe ich was gelernt.“ Er lümmelt mit Kumpels auf dem Sofa herum und erzählt, dass er nicht wieder ins Gefängnis will. Wie um diesen Vorsatz zu bekräftigen, erzählt er von dem Döner, den er nach seiner Entlassung gegessen hat. „Leckerstes Essen seit einem Jahr oder so.“

Für den dritten Protagonisten des Dokumentarfilms „nach Wriezen“ beginnt die Freiheit idyllisch. Seine Freundin erwartet ihn sehnsüchtig. Sie kannte ihn von früher aus der Disko, aber dann war Marcel plötzlich weg. Sie besuchte seine Eltern, erfuhr die Wahrheit und schickte ihm Briefe.

Ausgangspunkt für seinen Film war die Beobachtung, dass viele Entlassene wieder in der JVA landen, erzählt Daniel Abma. Der Regisseur, der gerade sein Studium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf beendet, hat früher in Wriezen eine Video-AG mit Gefangenen geleitet. So bekam er Einsicht in eine Welt, die den meisten Menschen fremd ist. Das hat ihm Türen geöffnet. Denn nicht nur die Gefangenen fassten Vertrauen, sondern auch Mitarbeiter und Leitung der JVA.

In der Theater-AG, die eine Freundin leitete, fand er seine Protagonisten. Zu Anfang war nicht klar, wo die Reise hinführen würde. Drei Monate waren für das Projekt eingeplant. Am Ende sind daraus drei Jahre geworden. Jahre, in denen die Nähe allmählich wuchs. „Das Vertrauen ist wichtig“, sagt Abma. „Nach einer Weile wird man nicht mehr weggeschickt.“ Vorsichtshalber hatte der Regisseur den Dreh mit fünf jungen Männern begonnen.

Drei von ihnen sind dabeigeblieben, obwohl es nicht immer danach aussah. Eine Szene des Films zeigt das Kamerateam vor Imos verschlossener Haustür in Berlin-Neukölln. Niemand öffnet. Dann bekommt Abma eine SMS: „Wir haben keinen Bock auf Kamera und euch“. Erst, als es Imo besser geht, er eine Arbeit gefunden hat, meldet er sich wieder. Das Kamera-Team ist immer dabei. Bei alltäglichen und bei dramatischen Szenen.

So zeigt Abma, wie Marcels Freundin Julia ihm einen Zeitungsartikel vorliest. Der Mörder von Potzlow sei wieder frei, heißt es darin. Dieser Mörder ist Marcel. Er hat 2002 gemeinsam mit anderen Rechtsradikalen einen Jugendlichen stundenlang gequält und anschließend brutal getötet. Als seine Freundin wissen will, ob das stimmt, bestätigt Marcel ihr die Fakten.

Der Regisseur kommt seinen Protagonisten nahe, ohne sie zu verurteilen, aber auch, ohne ihre Taten zu verklären. Abma schafft das, indem er die jungen Männer für sich sprechen lässt. Von Hause aus ist der 36-Jährige, der aus den Niederlanden stammt, Grundschulpädagoge. Direkt nach dem Studium aber fühlte er sich zu jung, um zu unterrichten. So kam er nach Berlin, studierte eine Zeitlang Kulturwissenschaften und machte beim Offenen Kanal ein Praktikum im Bereich Medienpädagogik. Und er begann zudem, Workshops zu leiten.

Seine erste Station in Brandenburg war ein Ausbildungszentrum für schwierige Jugendliche in Königs Wusterhausen. Eigentlich war die Provinz für ihn kein Neuland. „Ich bin ein Landei“, sagt Abma und lacht. Auch in den Niederlanden sei das Leben auf dem Dorf rau. „Aber Brandenburg ist schon ein bisschen krasser.“ Doch das schreckte ihn nicht. Immer wieder beschäftigte er sich mit Jugendlichen, die zum rechten Milieu tendieren. Ausgerechnet. Doch Abma, der eine herzliche und fröhliche Art hat, mit Menschen umzugehen, fand einen Draht zu ihnen. „Ich war überrascht von der Offenheit“, sagt er heute. Dass er selbst Ausländer ist, fand er gerade spannend. Damit könne man spielen, erzählt er.

Lange leitete er andere an, Filme zu drehen. Doch irgendwann kam er – auch durch den Rat von Freunden – auf die Idee, etwas Eigenes zu machen und sich an der Filmhochschule zu bewerben. Obwohl er inzwischen ein stiller Beobachter hinter der Kamera ist: Der Pädagoge steckt immer noch in ihm. Ihn treibt der Glauben an seine Protagonisten an. „Man muss sie auf gewisse Art lieben“, sagt er. „Ich bin ein Gefühlsmensch.“

Schon während des Studiums ein Projekt in Spielfilmlänge zu realisieren, ist etwas Besonderes. Den Plan habe er gar nicht gehabt, erzählt Daniel Abma. Das Ganze sei einfach passiert. „Weil wir so viel Energie hatten und das machen wollten.“ Das Ende der Dreharbeiten habe sich dann von selbst ergeben. „Es lag so in der Luft.“

Nun ist „nach Wriezen“ seine Visitenkarte. Der Film lief in den letzten zwei Jahren auf Festivals rauf und runter und hat inzwischen einen Verleih gefunden. Im November hat ihn der RBB ausgestrahlt; seit Kurzem ist er auf DVD im Handel erhältlich. An dem Erfolg dieses Films habe es gelegen, dass er Förderzusagen für sein nächstes Projekt bekommen hat, sagt Abma, der mit seinem Team gerade auf Kuba dreht – wieder mit Johannes Praus an seiner Seite, dem Kameramann von „nach Wriezen“.

Dieses Mal geht es allerdings um etwas ganz anderes: Im Mittelpunkt stehen zwei niederländische Ärzte, die auf Einladung der Präsidententochter ins Land kommen, um Transgender zu operieren – Menschen, die sich nicht mit ihrem Geschlecht identifizieren. Die Präsidententochter setze sich für sie ein, erzählt Abma. „Dabei war das dort immer ein großes Tabu.“

Auch, wenn das Milieu ganz anders zu sein scheint: Die Herangehensweise bleibe dieselbe, sagt Abma. „Transgender auf Kuba haben ja auch Konflikte, an denen sie arbeiten. Alle kämpfen mit irgendeinem Problem.“ Wen er auch vor sich hat: Wichtig sei, sich sensibel zu nähern.

Abma bleibt dran an den Menschen und ihren Themen. Auch die schwierigen Jugendlichen in Brandenburg werden ihn so schnell nicht loslassen. „Ich denke, dass das bleibt“, sagt er. Neulich habe er im Kino das Mutter-Sohn-Drama „Mommy“ gesehen. Sofort habe ihn die Geschichte gepackt. „Da sitzt man im Kino und es kribbelt.“

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