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Was wäre, wenn der Zweite Weltkrieg anders ausgegangen wäre? : Hitlergruß und Deutschlandlied

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein arisch-blondes Mädel mit geflochtenen Zöpfen, knielangem Rock und weißer Bluse weist den Zuschauern die Plätze an. So beginnt die Handlung des Stücks „Lepszy swiat – Eine bessere Welt“, das im Theater Zielona Góra uraufgeführt wurde.

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erstellt am 10.Okt.2014 | 11:05 Uhr

Ein arisch-blondes Mädel mit geflochtenen Zöpfen, knielangem Rock und weißer Bluse weist den Zuschauern die Plätze an. Auf ein Kommando, das von der Bühne ertönt, haben sich alle zu erheben und tatsächlich wird dazu „Deutschland, Deutschland über alles“ angestimmt, die so unheimliche erste Strophe der deutschen Hymne. Doch wir schreiben den 1. September 2019, Germania blüht, und die deutsche Nation feiert den 80. Jahrestag eines Krieges, der mit dem Angriff auf Polen begann und mit einem Sieg für den Hitlerstaat endete.

So jedenfalls beginnt die Handlung des Stücks „Lepszy swiat – Eine bessere Welt“, das im Theater Zielona Góra uraufgeführt wurde. Während einzelne polnische Besucher bei der Hymne noch in Gelächter ausbrechen, fühlt man sich als Deutscher in seiner politischen und historischen Korrektheit peinlich berührt. „Natürlich werden die Zuschauer von uns manipuliert, aber Theater soll doch Gefühle auslösen und gewohnte Gedankengänge verlassen“, sagt Jakub Roszkowski. Der 30-jährige Warschauer ist Regisseur des Stückes, das als Produkt einer Werkstatt junger Theatermacher im Ostseeort Sopot entstand.

Die Inszenierung wirkt einerseits beklemmend, andererseits grotesk. Da muss sich ein verzweifelter Fußballer Robert Lewandowski vor einer Kommission rechtfertigen, weshalb er im Spiel des polnischen Generalgouvernements gegen die deutsche Nationalelf den Siegtreffer erzielte. Doch all seine Erklärungsversuche, dass dies nur ein Versehen war, nutzen nichts – er wird erschossen.

Eine beliebte 70-jährige Schauspielerin erklärt ihrem arischen Publikum beim letzten Auftritt, weshalb sie dem Volk nicht mehr mit ihrem Alter zur Last fallen will und deshalb Selbstmord begeht. Doch die Tat ist mit der Aufforderung an andere Ältere verbunden, es ihr gleich zu tun. Erst allmählich wird dem Zuschauer bewusst, dass es hier nicht nur um einen fiktiven Verlauf der Geschichte geht, sondern um die Frage, wie anfällig die Gegenwart für totalitäre Tendenzen ist.

Namensspiele deuten darauf hin – der Generalgouverneur im Stück etwa heißt Hans Adolfski Kazinski, was an den aktuellen Politiker Jaroslaw Kaczynski erinnert, und auch ein Parlamentarier namens Tysk taucht auf – da ist es bis zum polnischen Regierungschef Donald Tusk nicht weit.

„Interessanterweise haben viele Besucher der ersten Aufführungen auch Parallelen zu Wladimir Putin entdeckt und das Stück als eine Allegorie auf die Bedrohung durch ihn empfunden, viel mehr als durch die historische Figur Hitler“, sagt der Direktor des Theaters, Robert Czechowski. Er hat dem Warschauer Regisseur ganz bewusst seine Bühne und deren recht junge Schauspieltruppe für das Stück angeboten. Einerseits, weil das Theater in Zielona Góra tatsächlich noch das gleiche ist, das 1931 im damals deutschen Grünberg eröffnet wurde. „Viele Besucher, die aus östlicheren Teilen Polens zu uns kommen, sagen, dass man hier die deutsche Vergangenheit deutlich spüren kann“, berichtet der Theaterleiter.

Andererseits sucht Czechowski seit Jahren den Austausch mit deutschen Bühnen. Gerade erst hat er in Chemnitz eine Aufführung von Büchners „Leonce und Lena“ inszeniert und am Staatstheater Cottbus ein Stück von Witold Gombrowicz. „Es wäre auch spannend zu sehen, wie das deutsche Publikum auf die ‚Bessere Welt‘ reagiert“, sagt er und will mit deutschen Bühnen über Gastspiele verhandeln.

Natürlich bleibt das fiktive Stück offen und hinterlässt vor allem einen rätselnden Zuschauer. Am Ende gibt es aber eine berührende Szene, in der ein junger polnischer Dissident einen alternativen Geschichtsverlauf aufzeigt: Deutsche, Polen und andere Völker haben nach dem Krieg gemeinsam Frieden geschlossen und eine Europäische Union gegründet. Seine Anmerkung: „Trotzdem aber wussten die Polen nicht, ob sie oder die Deutschen den Krieg gewonnen hatten“, lässt in die Befindlichkeit unserer Nachbarn blicken.

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