Interview : Historikerin klärt Schicksale auf

Ines Reich ist Leiterin der Gedenkstätte des früheren KGB-Gefängnisses.
Foto:
Ines Reich ist Leiterin der Gedenkstätte des früheren KGB-Gefängnisses.

Das frühere KGB-Gefängnis in Potsdam birgt noch viele Geheimnisse. Recherchen führen bis nach Moskau und Washington.

svz.de von
29. März 2014, 12:48 Uhr

Fünf Jahre nach Eröffnung unterstützt die Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam immer mehr Menschen bei Klärung des Schicksals von Angehörigen. „Die zweite und dritte Generation fängt an, nach den Wurzeln der Familie zu forschen“, sagte Leiterin Ines Reich im Gespräch mit Marion van der Kraats.

Was können Sie für die Angehörigen tun?

Ines Reich: Wir können ihnen bei der Schicksalsklärung helfen, indem wir sie bei den Recherchen begleiten und unterstützen, Dokumente für die Suche auszufüllen. Diese gehen dann an die zentrale Dokumentationsstelle in Dresden. Diese nimmt Kontakt mit Moskau auf. Bis heute ist aber ein Großteil der Schicksale der Menschen, die hier inhaftiert waren, ungeklärt. Bis Mitte der 1950er Jahre waren im Untersuchungsgefängnis nach bisherigen Schätzungen zwischen 900 bis 1200 Menschen inhaftiert. Für die Zeit danach fehlen jedoch bisher Quellen und Anhaltspunkte zu Zahlen. Der Militärgeheimdienst hielt hier zunächst Deutsche und Sowjetbürger fest, ab 1955 bis zur Auflösung des KGB 1991 ausschließlich sowjetische Militärangehörige. Hier wurden zahlreiche Todesurteile durch ein sowjetisches Militärtribunal verhängt, die dann in Moskau vollstreckt wurden.

Was konnten Sie bislang erreichen?

Die Dauerausstellung, die im April 2012 eröffnet wurde, präsentiert nach knapp zwei Jahren Vorbereitungszeit Ergebnisse der neueren wissenschaftlichen Forschung zur Geschichte des Ortes und zum Schicksal der Inhaftierten, die bis nach Washington und Moskau geführt haben. Im vergangenen Dezember konnten wir auf die ausstellungsbezogene Forschung aufsatteln und ein elektronisches Haftbuch vorstellen. Dies dokumentiert mehr als 420 Einzelschicksale und gibt den Inhaftierten ihre Namen zurück. Damit ist es uns gelungen, die Zahl der namentlich bekannten Häftlinge zu vervielfachen. Als wir hier angefangen haben, waren es lediglich 60. Die Aufarbeitung der individuellen Leidensgeschichte wird weiterhin einer der Schwerpunkte unserer Arbeit sein. In diesem Jahr wollen wir die Namen derjenigen ermitteln, die von hier aus ins Speziallager im sächsischen Torgau kamen. Davon erhoffen wir uns viel. Im Moment gehen wir von etwa 300 Namen aus.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass dieser Ort als Gedenkstätte erhalten ist?

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass der Evangelisch-Kirchliche Hilfeverein (EKH) als Eigentümer das Gebäude zur Verfügung stellte, dass sich Bund und Land für dieses Projekt entschieden und dann rund 2,5 Millionen Euro investiert haben in den Erhalt. So können wir das ehemalige Gefängnisgebäude und seine besondere historische Rolle für die Nachwelt erhalten. Möglich wurde das alles erst in dem Moment, als die sowjetischen Streitkräfte abgezogen sind. 20 Jahre nach dem Truppenabzug wollen wir in den kommenden Monaten auch besonders daran erinnern. Darum widmen wir unsere Themenwoche im Mai diesem Thema. Denn in dem Moment des Truppenabzugs begann auch das bürgerschaftliche Engagement, das durch den EKH begleitet und unterstützt wurde.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen