Guben-Gubin : Große Pläne für zerstörte Villa Wolf

Zerstörtes Juwel: Das Gelände der einstigen Villa befindet sich auf einer Anhöhe parallel zum Neißeufer. Die Front des Hauses war nach Westen ausgerichtet. Von dort konnte man einen weiten Blick auf das Flusstal genießen.
Zerstörtes Juwel: Das Gelände der einstigen Villa befindet sich auf einer Anhöhe parallel zum Neißeufer. Die Front des Hauses war nach Westen ausgerichtet. Von dort konnte man einen weiten Blick auf das Flusstal genießen.

Eine Initiative will das moderne Erstlingswerk des weltbekannten Architekten Mies van der Rohe in Guben-Gubin wieder aufbauen

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04. Januar 2016, 09:26 Uhr

Lange hatte sich niemand mehr für die im Krieg zerstörte Villa Wolf in Guben-Gubin interessiert. Nun gibt es Pläne für den Wiederaufbau des Hauses, das als modernes Erstlingswerk des berühmten Architekten Mies van der Rohe gilt.

Der Arbeitstisch ist meterlang, und doch ist kein Fleckchen Platz mehr frei. Dicht an dicht liegen die ausgebreiteten Baupläne – es sind Abzüge originaler Entwurfszeichnungen von Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969), aber auch am Computer erstellte Ansichten einer Villa, die es schon lange nicht mehr gibt.

Seit anderthalb Jahren erforschen Architektur-Studenten und -Dozenten von der Fachhochschule Potsdam das Haus, das Mies Mitte der 1920er Jahre für den Tuchfabrikanten Erich Wolf im damals noch ungeteilten Guben (Spree-Neiße) bauen ließ, und mit dem er zum ersten Mal einen seiner radikal modernen Entwürfe realisierte. Wichtigste Grundlage für die Arbeit der Studenten sind die Reproduktionen von Mies’ alten Entwürfen, die das MoMA (Museum of Modern Art) in New York verwahrt und ihnen zur Verfügung stellt. Anhand der Dokumente haben die Potsdamer inzwischen ein erstes Arbeitsmodell aus Pappkarton gefertigt. Unklar ist allerdings, ob es dem Original tatsächlich in jedem Detail gleichkommt.

Zwar existieren auch noch ein paar historische Schwarzweiß-Fotografien, die den Klinkerbau von außen und innen zeigen, aber die wenigen Aufnahmen reichen nicht aus, um festzustellen, was tatsächlich realisiert wurde.

Ivan Brambilla, der das Projekt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Architekturfakultät begleitet, spricht von einem Zwischenstand. Jetzt werde deutlich, wo noch offene Fragen sind, sagt er. Unklar ist zum Beispiel, welche Backsteine Mies verwendete. Ob er auf Massenware zurückgriff oder die Steine extra anfertigen ließ. Ebenso fraglich ist noch, wie dick die Wände waren. Mies hatte mehrere Entwürfe erarbeitet. Der entscheidende letzte Bauplan zur Ausführung aber ist verschwunden. Auch die Bauakte sei im Krieg verloren gegangen, erzählt Annegret Burg. Die Professorin für Architektur- und Stadtbaugeschichte ist Dekanin im Fachbereich Architektur und Städtebau. Sie betreut das Forschungsprojekt, das der Idee folgt, die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Villa an ihrem einstigen Standort im heute polnischen Teil der Doppelstadt Guben-Gubin eins zu eins wieder aufzubauen.

Vater der Idee ist der Berliner Architektur-Kenner Florian Mausbach. Er ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Architekturpreis Berlin und war früher Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Mausbach schwebt vor, ein Mies-van-der-Rohe-Museum in der neuen alten Villa unterzubringen. Ein solches Projekt würde Architekturfans aus der ganzen Welt locken, meint er.

Als der namhafte Gubener Tuchfabrikant und Kunstliebhaber Wolf für den Bau seines Wohnhauses Mies van der Rohe gewinnen konnte, war der Architekt noch wenig bekannt. Erst mit dem innovativen Klotz in den Bergen über der Neiße sollte das Schlüsselwerk für das spätere Schaffen des weltberühmten deutsch-amerikanischen Architekten der Moderne entstehen. Dennoch ist die Villa Wolf eines der am wenigsten bekannten Gebäude des späteren Bauhaus-Direktors von Dessau. Für Wolf und seine Familie verwirklichte er einen Flachbau mit mehreren asymmetrisch verschachtelten Kuben aus rot-schwarzem Backstein auf einem terrassenartig angelegten Grundstück. Im Innern der Villa mit ihren mehr als 1000 Quadratmetern Wohnfläche verteilt auf vier Etagen setzte Mies um, was er unter räumlicher Freiheit verstand: offene, fast wandlose Raumfolgen.

Und das in einer Zeit, in der Wolfs Nachbarn in verspielten Gründerzeitvillen mit Türmchen, Erker, Nischen und Balkonen residierten. Auf sie muss das Haus wie von einem anderen Stern gewirkt haben. Bis vor wenigen Jahren hat sich kaum jemand für die Villa interessiert. Erst mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land (2000 bis 2010) rückte sie wieder in den öffentlichen Blickpunkt. Damals gelang es einem deutsch-polnischen Projekt, Teile des Keller-Geschosses im Boden aufzuspüren.

Auch Mies-Experte Mausbach versteht die Wiederaufbau-Pläne als deutsch-polnisches Versöhnungsunternehmen. Er hat neben den Potsdamern inzwischen weitere wichtige Mitstreiter für das Projekt gewinnen können. So würde an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und an der Technischen Universität in Posen bereits die fachmännische Ausgrabung, Vermessung und Sicherung der Keller und Fundamente vorbereitet, erzählt er. Für den 11. März hat Mausbach in Berlin eine Auftaktveranstaltung seiner Initiative mit Fachleuten aus aller Welt vorgesehen. Bis jetzt gibt es allerdings noch keine Finanzierung für den Wiederaufbau. Ursprünglich war die Fertigstellung des neuen alten Hauses schon für das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum 2019 anvisiert.

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