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Lesestoff im Gefängnis : „Gelesen wurde hier immer“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Um in diese Bücherei zu gelangen, müssen viele Schlösser geöffnet werden. Durch lange Gänge und um viele Ecken kommt der Besucher der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brandenburg/Havel in die Abteilung „Bildung und Freizeit“.

Dort ist Burghard Neumann der Oberlehrer. So lautet seine korrekte Berufsbezeichnung, die er nicht besonders mag. Seit 25 Jahren ist der gebürtige Brandenburger im Justizvollzug angestellt.

Neumann weiß, wovon er redet. Seine Sätze sitzen, und obwohl er gutmütig wirkt, merkt der Gesprächspartner die jahrzehntelange Erfahrung mit „Drinnen“ und „Draußen“ sofort. Wenn Besucher wie durch einen Zoo durch die Anstalt gehen, weist er sie aus Überzeugung in die Schranken: „Die Menschen hier drinnen können gestern ihre Nachbarn gewesen sein und es morgen wieder werden.“

Die Anstaltsbibliothek, hat 12 900 Bücher im Bestand und kann jährlich 2500 Euro für Neuerwerbungen ausgeben. Es gibt Kriminalromane, Agententhriller und andere spannende Literatur – auch mit gewalttätigem Inhalt. Jeder Gefangene kann in seinem Haftraum Mord- und Totschlag im Fernsehen sehen – warum sollte dann die Auswahl der Bücher eingeschränkt sein?

Der Raum, in dem diese und einige wenige CDs mit Hörspielen oder Musik aufbewahrt werden, sieht aus wie eine literarische Werkstatt. In schmucklosen Metallregalen stehen Buch an Buch – aber nur ein Mensch ist dort zu sehen. Der ist selber Strafgefangener und betreut das Leihsystem, das im Gefängnis mittels „Medien-Bestellformularen“ die Kommunikation zwischen den Gefangenen und ihrer Bücherei regelt.


Untersuchungshäftlinge werden bevorzugt


„Mit einer Bestellung kann man drei Bücher ausleihen, die Frist beläuft sich auf 14 Tage und darf dreimal verlängert werden“, erzählt der Mann mit den traurigen Augen, der selber gerne liest. Ausnahmen gebe es bei „Studenten“, der Status bezeichnet Menschen in Ausbildung, die ihre Fachliteratur auch länger ausleihen können als üblich. Besonders schnell werden Untersuchungshäftlinge mit Literatur versorgt, sagt er. Sie hätten weder Fernseher noch Radio in ihrem Haftraum, und ihr Drang, die Zeit zu überbrücken, sei besonders stark.

Was wird nun in dieser speziellen Bibliothek besonders gerne ausgeliehen? Die Antwort verblüfft: Den ersten Platz in der Bestsellerliste der JVA Brandenburg hält das „Koch- und Backbuch von Dr. Oetker“. Die hohe Nachfrage erklärt sich der Mann vor Ort mit der Tatsache, dass die ausschließlich männlichen Insassen der JVA vor ihrer Inhaftierung vielleicht nicht gerade zu den Spitzenköchen des Landes zählten.

An zweiter Stelle folgen – weniger überraschend – Gesetzbücher, und auf dem dritten Platz liegt Unterhaltungsliteratur. Die umfasst Belletristik wie Science-Fiction, Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ ist genauso gefragt wie erotische Literatur, zum Beispiel der „Venezianische Reigen“, oder aktuelle Titel wie Wladimir Kaminers „Mein deutsches Dschungelbuch“. In den Regalen stehen Werke von Hedwig Courths-Mahler mit Sehnsüchte weckenden Titeln wie „Durch die Liebe erlöst“ oder „Da sah er eine blonde Frau“ neben der Bibel in verschiedenen Sprachen – schließlich kommen die Gefangenen aus vielen Ländern. Deshalb finden sich auch diverse Wörterbücher hier. Besonders die vom Langenscheidt-Verlag müssen nach ihrer Rückgabe immer genau auf Vollständigkeit kontrolliert werden, weil häufig Seiten herausgerissen werden: Das dünne Papier wird zum Zigarettendrehen zweckentfremdet. Als mit dem Bau der damals modernsten Haftanstalt Europas 1927 begonnen wurde, war in den Plänen bereits eine Bibliothek vorgesehen. Sie wurde eingerichtet, als das Gefängnis 1935 – zwei Jahre nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten – in Betrieb genommen wurde.

Zu DDR-Zeiten war die Gefangenenbücherei zum Teil besser ausgestattet als Buchläden draußen. „Die Gefängnisse wurden vom Militärbuchhandel versorgt. So gab es dort Werke von Karl May, die draußen schwer zu kriegen waren. Auch der Verlag Neues Leben und der Urania-Verlag waren gut vertreten“, erzählt Neumann, der resümiert: „Gelesen wurde in Brandenburg immer“.

Aber nicht alles. Bestimmten Einschränkungen unterliegt das Angebot doch. Rechte Literatur steht auf dem Index, auch Werke, die sich mit Scientology beschäftigen, gibt es nicht zu lesen. „Bestimmte Eletronikbücher bieten wir auch nicht an, etwa ,Wie störe ich den digitalen Funkverkehr‘“, sagt Neumann und grinst.

Ansonsten aber bemühe man sich, den rund 340 Gefangenen, die derzeit in Brandenburg ihre Strafen absitzen, vielfältige Angebote zu machen. In der alle paar Monate erscheinenden Gefängniszeitung gibt es zum Beispiel eine Rubrik mit Lesetipps der Anstaltsbibliothek.

Froh sei seine Abteilung auch über jede Bücherspende, sagt Neumann. Die werden von ihm katalogisiert und können dann ausgeliehen werden.

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