Spektakulärer Abschied : Ein Leben für die Kunst

Brigitte Rieger-Jähner betreut die vielleicht wertvollste Kunstsammlung in Deutschland.
Brigitte Rieger-Jähner betreut die vielleicht wertvollste Kunstsammlung in Deutschland.

Nach fast 40 Jahren geht Brigitte Rieger-Jähner, die Direktorin des Frankfurter Kunstmuseums, in den Ruhestand.

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29. Juli 2014, 11:30 Uhr

2446 Kunstwerke – das ist ihre Bilanz. So viele Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen hat Brigitte Rieger-Jähner, Direktorin des Frankfurter Museums Junge Kunst, in ihrer Amtszeit für ihr Haus erworben und das, obwohl die Stadt seit langem kein Geld für Ankäufe mehr hat. Norbert Bisky ist dabei und auch der Maler A. R. Penck, dessen Werk in ihrem Büro hängt. Heute eröffnet ihre spektakuläre Abschiedsausstellung – gut 300 Werke von Salvador Dali. Im Herbst geht die dann 65-Jährige in den Ruhestand. „Irgendwann ist es auch mal gut“, sagt sie.

Fast 40 Jahre hat die Tochter des Kunstbuchverlegers Horst Jähner an der Oder gelebt und gearbeitet. Geplant war das nie. Nach ihrem Studium hatte die junge Frau mit den guten Noten eine Traumstelle in Weimar in Aussicht – bis ihr eine interne Beurteilung Ausreisepläne andichtete. Es blieb nur das Frankfurter Kunstmuseum, wo sie 1975 anfing. „Nach 14 Tagen hatte ich mich aber eingewöhnt“, erinnert sie sich. „Es gab so viel Spannendes, das ich machen konnte. Und ich hab sehr gern gearbeitet. Das konnte ich hier“, sagt sie.

Seit 1990 leitet sie das Haus und hat es zu einem über die Grenzen des Landes profilierten Museum gemacht. Im Museumsführer von „Die Zeit“ steht: „Nicht in Berlin oder in München, sondern in Frankfurt (Oder) findet sich die wertvollste Kunstsammlung der Republik.“ Und dass, obwohl kurz nach ihrem Amtsantritt zehn wissenschaftliche Stellen gekürzt und der Etat zusammengestrichen wurde. Außer ihr gibt es heute nur noch ihren Stellvertreter Armin Hauer, den sie sehr schätzt. Die vielen Widrigkeiten hätten den Kampfgeist geweckt, sagte sie einmal.

Ihr Plan für einen Ausbau der Sammlung ohne Geld klang verwegen: Ausstellungen von überregional bedeutenden Künstlern mit Bezug zum Osten kuratieren – und zwar so gut, dass die Künstler im Anschluss Bilder zur Verfügung stellen. In vielen Fällen hat sie deren  Gesamtwerk gesichtet und sortiert. Beliebige Schenkungen habe sie nie angenommen, darauf legt sie Wert, sondern stets selbst ausgewählt. Falls sie ihr „Spitzenwerk“ nicht so bekam, fand sie Sponsoren dafür. Sie habe eine „überzeugende und unkonventionelle Art, sich für die zeitgenössische Bildende Kunst einzusetzen“, würdigt Kulturministerin Sabine Kunst (parteilos) die Museumschefin. „Sie hat an der überregionalen Sichtbarkeit des Hauses ganz großen Anteil. Dass man hier ausschließlich und fast lückenlos die ostdeutsche Kunst findet, ist ihr Verdienst.“

Wenn Rieger-Jähner in rasendem Tempo ihre Projekte und Aufgaben herunterrattert, glaubt man, sie müsse einen Stab von Mitarbeitern haben: Sie hat über 150 Ausstellungen kuratiert, zuletzt die von Lutz Friedel im Landtag, und sich dabei buchstäblich um alles gekümmert – von der Sponsorensuche über das Konzept zur Hängung der Bilder und Führungen bis zum Wein für die Vernissage. Ihr Vater habe immer gesagt: „Wenn du noch Kraft zum Jammern hast, dann biste noch nicht ausgelastet.“ Angesichts des Pensums ist es wohl kein Wunder, dass sie so schnell spricht. Und die mit einem Arzt verheiratete Frühaufsteherin kennt viele Tricks, um sich wach zu halten – etwa Tabasco aufs Butterbrot. Kochen kann sie nicht.

Schon als sie ein Kind war, drehte sich im Ost-Berliner Haus der Familie – beide Eltern waren Kunsthistoriker – alles um Kunst.  Kollegen und Künstler gingen ein und aus. Mit 15 führt Brigitte an den Wochenenden durch die Gemäldegalerie in Dresden – und kauft vom Verdienst ein Bild.

Auch heute steht selbst in ihrer knappen Freizeit Kunst im Mittelpunkt. Erst hat sie an den Wochenenden ihre Habilitation „durchgezogen“, nach der Wende ist sie dann durch Deutschland gefahren und hat sich Museen angeguckt. Seit 1998 lehrt sie als Honorarprofessorin an der Europa-Universität Viadrina. Seit 2001 ist sie zusätzlich Direktorin des Stadtmuseums.

Neben ihrem Spezialthema Ost-Kunst hat sie auch Kataloge zur Frankfurter Bilderbibel und zu Andreas Dresens „Halbe Treppe“ gemacht – und Kunst von Größen wie Max Beckmann und Otto Dix an die Oder geholt. Vor allem Sponsoren wie der Fabrikant Reinhold Würth haben das ermöglicht. „Das sind Menschen, die Kunst lieben und sich intensiv mit ihr auseinandersetzen. Zu denen hab ich einen Draht.“ Mit dem gleichen Respekt spricht sie von ihren Mitarbeitern – etwa dem Hausmeister des Museums.

Frankfurt (Oder) will die begnadete Netzwerkerin auch im Ruhestand treubleiben. Sie könne sich vorstellen, sich künftig in der Kommunalpolitik zu engagieren, sagt sie.

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