Garnisonkirche : Ein Gotteshaus als schweres Erbe

Eine Passantin läuft am Standort der ehemaligen Garnisonkirche vorüber.  Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und 1968 gesprengt. Nach bisheriger Planung soll bis 2017 zunächst der Kirchturm errichtet werden.
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Eine Passantin läuft am Standort der ehemaligen Garnisonkirche vorüber. Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und 1968 gesprengt. Nach bisheriger Planung soll bis 2017 zunächst der Kirchturm errichtet werden.

Seit fast 50 Jahren fehlt die Potsdamer Garnisonkirche im Stadtbild der einstigen Preußenresidenz. Doch allgegenwärtig ist sie trotzdem.

svz.de von
19. März 2014, 15:00 Uhr

Der zu DDR-Zeiten endgültig abgerissene Bau ist wegen seiner Geschichte umstritten. Seit vielen Jahren erinnert ein Glockenspiel mit der Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“ an das schwere Erbe. Es ertönte früher vom Kirchturm.

Die Garnisonkirche gilt als Symbol der Verbindung von Preußentum und Nationalsozialismus. Schon deshalb verläuft der geplante Wiederaufbau nicht konfliktfrei. Während Befürworter um Spenden werben, um die klaffende Wunde im Stadtbild zu schließen, sammeln Gegner Unterschriften, um das zu verhindern. Ein einhelliger Wille der Bürger wie im Falle der im Krieg zerstörten Dresdner Frauenkirche fehlt an der Havel.

Der DDR-Bürgerrechtler und Pfarrer Friedrich Schorlemmer fürchtet, dass alter Ungeist hier wieder eine Heimstatt sucht. „Der Ort verkörpert die unselige Allianz der monarchistischen und militaristischen Tradition Preußen-Deutschlands“, sagt er.

Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. ließ die Kirche 1735 errichten. Am 21. März 1933, dem „Tag von Potsdam“, reichten sich Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler dort demonstrativ die Hände. 1968 wurde die Kriegsruine gesprengt. Bis zum Reformationsjahr 2017, dann wird an den Anschlag der Thesen von Martin Luther vor 500 Jahren erinnert, soll die Kirche wieder die Stadtsilhouette komplettieren. Zu der gehört seit kurzem auch das neu entstandene Schloss, wo heute Brandenburgs Landtag residiert.

Im vergangenen Sommer gab es eine kräftige Initialzündung für den Wiederaufbau des Gotteshauses: Die Bundesregierung stellt für dieses und das nächste Jahr insgesamt zwölf Millionen Euro bereit.


Platzeck und Stolpe werben für das Projekt


Der Wiederaufbau wurde 2004 in Angriff genommen. Der ehemalige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) war einer der Initiatoren. Die Kirche sei wichtiger Teil der wechselvollen deutsch-preußischen Geschichte, sagt er. „Damit müssen wir uns auseinandersetzen, um für Gegenwart und Zukunft gewappnet zu sein.“

Auch Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) wirbt für das Projekt: „Das barocke Potsdam ist erst wieder heil mit dem Landtagsschloss und dem Garnisonkirchturm.“ Die Stadt brauche einen markanten Ort, der zur Auseinandersetzung mit Rassismus, Fremdenhass, Gewalt und Intoleranz aufrufe. Die Kirche werde deutlich als Gedenkort gestaltet sein, sagt der Kuratoriumsvorsitzende und frühere EKD-Ratsvorsitzenden und Berliner Altbischof Wolfgang Huber.

Angesichts der geplanten Bausumme von 100 Millionen Euro ist noch einiges zu tun. Erst 6,5 Millionen Euro Spenden gingen ein. Ein generöser Mäzen wie der Software-Milliardär Hasso Plattner, der für den Wiederaufbau des Stadtschlosses Millionen spendierte, ist nicht in Sicht. „Doch wir sind optimistisch“, sagt Friederike Schuppan, Sprecherin der Stiftung Garnisonkirche. Bislang wurden 2000 Ziegel zum Preis von 10 bis 100 Euro verkauft, die vermauert werden. „Wir erarbeiten aber ein neues Konzept, um für Spenden zu werben.“

Das Geviert, auf dem einst die Kirche stand, ist noch eine Brache. In Kürze soll der erste Bauabschnitt starten: der Aufbau des 80 Meter hohen Kirchenturms.

Parallel ist eine Volksinitiative gegen das Projekt geplant. „Die Stadt Potsdam soll aus der Stiftung wieder austreten“, fordert einer ihrer Sprecher, Simon Wohlfahrt. Damit wäre das der Fördergesellschaft geschenkte Grundstück wieder frei. Wohlfahrt: „Für die Luxuskirche dürfen keine Steuergelder verwandt werden.“

Pfarrer Schorlemmer empfiehlt eine Gedenkstätte mit Gebetsraum, statt eine Kirche mit Gedenkstätte. „Das wäre ein Signal in die Welt.“

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