Agententhriller mit Tom Hanks : Drehstart im Sperrgebiet

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DDR-Fahne, Schlagbaum und Panzersperren: 25 Jahre nach dem Mauerfall wird auf der Glienicker Brücke in Potsdam die innerdeutsche Grenze wieder aufgebaut.

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28. November 2014, 20:30 Uhr

DDR-Fahne, Schlagbaum und Panzersperren: 25 Jahre nach dem Mauerfall wird auf der Glienicker Brücke in Potsdam die innerdeutsche Grenze wieder aufgebaut. Steven Spielberg dreht hier am Wochenende für seinen neuen Agententhriller mit Tom Hanks in der Hauptrolle.

„Das hätte man ja nicht gedacht, dass auf der Glienicker Brücke noch einmal Stacheldraht liegt“, sagt Ulrich Wuttke. Der Potsdamer wohnt gleich hier in der Berliner Straße, die an die Brücke anschließt. Den sowieso fälligen Spaziergang mit dem Kinderwagen nutzt er dazu, sich die Aufbauarbeiten für den Filmdreh zu „St. James Place“ anzuschauen. Es ist Donnerstagnachmittag gegen 16 Uhr. Noch rollt der Verkehr auf der Brücke, die Potsdam und Berlin verbindet. Berufspendler sind in ihren Autos auf dem Weg nach Hause, Passanten kommen vorbei. Erst am Abend wird die Brücke komplett gesperrt. Die Kulissenarbeiten sind aber schon im vollen Gange.

Wuttke steht mit seinem Sohn zwischen Requisiten, die die Glienicker Brücke für ein paar Tage wieder zur Grenze zwischen Ost und West werden lassen sollen: halbfertige Wachhäuschen, rostige Panzersperren, Peitschenlampen, die später für die originalgetreue Beleuchtung auf der West-Berliner Seite sorgen werden. Auf dem Gehweg liegen Schilder bereit: „Sie verlasen hier West-Berlin“ steht darauf und „Zur Passierscheinkontrolle“. Und entlang dem Brückengeländer alle paar Meter liegt eine Rolle Stacheldraht. Ein Jogger läuft daran vorbei und wirkt mit seiner grellen Funktionskleidung seltsam deplatziert.

Ein Generator, der ein paar Scheinwerfer mit Strom versorgt, stößt stinkende Dieselabgase aus. Ulrich Wuttke geht ein Stück zur Seite. Die Sperrung schränke ihn in keinster Weise ein, sagt er. Sein Arbeitsweg sei davon nicht betroffen. Was ihn allerdings wundere, sagt er, sei die Tatsache, dass es nicht möglich war, die Glienicker Brücke zu den Feierlichkeiten zum Mauerfalljubiläum für den Verkehr zu sperren, sie jetzt aber sogar über mehrere Tage abzuriegeln.

„Für besondere Anlässe machen wir das, und die Filmarbeiten sind für uns ein besonderer Anlass“, erklärt Stadtsprecher Stefan Schulz. Für die Sperrung habe es ein normales Genehmigungsverfahren gegeben. Die Stadt habe sich bewusst dagegen entschieden, die Brücke zum 25. Jahrestag der Öffnung des Grenzübergangs zu sperren. „Zum 20. Jubiläum vor fünf Jahren haben wir es getan. In diesem Jahr wurde nicht auf der Straße gefeiert, sondern am Rande der Brücke“, sagt Schulz.

Auf der Potsdamer Seite der Glienicker Brücke wehen zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung die Fahnen der DDR und der Sowjetunion neben den typischen DDR-Straßenleuchten. Ein alter Herr in Grau bleibt vor den Fahnenmasten stehen und fotografiert die Fahnen. „Ja, so war das“, sagt er leise, fast andächtig und eher zu sich selbst. Für Menschen wie ihn, für die die Glienicker Brücke bis vor 25 Jahren die Grenze zu einer anderen Welt war, muss es sich wie eine Zeitreise anfühlen.

Donnerstagabend, 20 Uhr. Nur Anwohner, Besucher eines Restaurants und Fahrgäste der Straßenbahn 93 dürfen noch die Absperrung passieren. Sicherheitsmitarbeiter treten in der Kälte von einem Fuß auf den anderen. Schaulustige gibt es noch kaum. Nur zwei Männer nähern sich den Absperrbarken. Einer von ihnen ist Jackson Anwender. Der 18-jährige Australier ist zu Besuch in Potsdam und will sich das Spektakel nicht entgehen lassen. „Wir haben in der Zeitung von den Filmarbeiten gelesen und wollten mal gucken, ob wir etwas erspähen können“, sagt sein Begleiter Axel Gerlach. Ihn erfüllt es ein bisschen mit Stolz, „dass die Region auch mal eine solche Beachtung findet“. Erfolg haben sie nicht, die Sicherheitsleute schicken sie wieder weg. Auch Fragen werden nicht beantwortet.

Am Set selbst geht es ruhiger zu als am Nachmittag. Gearbeitet wird natürlich trotzdem. Ein Hämmern ist zu hören, ein Tieflader rangiert, und vereinzelt sieht man noch Kulissenbauer und andere Setmitarbeiter.

Freitagmorgen, 9 Uhr. Die Straßenbahn schiebt sich träge zur Endhaltestelle Glienicker Brücke. Nur eine Handvoll Menschen steigt an der Berliner Straße aus. Wo sonst der Berufsverkehr rollt, ist es heute ungewöhnlich ruhig. Vereinzelt nähern sich Autos der Absperrung und drehen dann wieder ab. Ein bisschen verschlafen wirkt der Ort an diesem kalten Novembermorgen. Die Grenzkulisse steht, bedeckt von einer Schicht frischen Kunstschnees. Auch der hölzerne Wachturm, den es so an diesem Grenzübergang gar nicht gab und der eher ein Ausdruck der künstlerischen Freiheit ist, ist damit bedeckt. Ein Suchscheinwerfer auf der Aussichtsplattform des Turms wartet auf seinen Einsatz. Und über allem schwebt am Stahlträger der Brücke das DDR-Wappen. Ein Mann, der auf die Straßenbahn wartet, macht ein paar Fotos mit seinem Handy und wird gleich darauf von einem Sicherheitsmann ermahnt: „Keine Fotos!“

Unterdessen wirft Sandra Schilling in der „Garage du Pont“ die Kaffeemaschine an. Die 35-Jährige ist die Geschäftsführerin des französischen Restaurants, das genau zwischen den beiden Sperren vor der Brücke liegt. Sie kommt selbst aus Berlin und muss nun den Umweg über die Nuthe-Schnellstraße nehmen. „Das ist schon ein kleiner Zeitverlust, vor allem weil auf der Nuthestraße immer noch gebaut wird“, erklärt sie. „Gäste und natürlich die Restaurantangestellten dürfen weiterhin durch.“ Spannend seien die Ereignisse hier allemal: „Es ist schon toll, Hollywood so nah zu haben. Für Potsdam ist es doch ein Riesending, dass Spielberg hier dreht“, sagt die junge Frau lächelnd. Und wer weiß, vielleicht führt die Kälte oder die Langeweile in den Drehpausen ja die eine oder andere bekannte Person in die „Garage du Pont“, um sich aufzuwärmen.

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