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Frankfurt-Oder : Der vergessene Russen-Friedhof

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Auf einem verwilderten Gelände in Frankfurt liegen über 700 Gefangene aus dem Ersten Weltkrieg

Das „Spitzkrug-Center“ ist eine beliebte Einkaufsstätte am Rande von Frankfurt. Nur einen Steinwurf in Richtung des Ortsteils Kliestow entfernt wuchern Hunderte Robinien auf einem Feld. Doch kaum einer der vielen Einkäufer, die täglich hier vorbeikommen, kennt das Geheimnis dieses Wäldchens.

Mit Schaufeln und historischen Plänen ausgerüstet stehen der Russe Eduard Ptuchin und der deutsche Günter Fromm auf einem Feld. Über 700 Gefangene aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, in der Mehrzahl Russen, haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. „Schon bald nach der Schlacht bei Tannenberg Ende August 1914 kamen die ersten russischen Gefangenen nach Frankfurt“, berichtet Fromm. Zwischen dem Klingetal und dem Ortsteil Kliestow entstand ein Lager, das in den folgenden Jahren über 20 000 Insassen haben sollte. Diese mussten Eisenbahnstrecken ausbauen, wurden aber entsprechend der Haager Landkriegsordnung ganz ordentlich behandelt. Sogar eine Holzkirche nach sibirischem Vorbild – heute als „Heilandskapelle“ bekannt – entstand in dieser Zeit.

Aber eben auch ein Friedhof, denn aufgrund von Tuberkulose, Erschöpfung und wohl auch verhinderten Fluchtversuchen gab es zahlreiche Tote. Am 25. Juli 1915 wurde der Gottesacker eingeweiht. Ein altes Foto zeigt, dass es sich um ein großes gesellschaftliches Ereignis handelte. Vor einem Kreuz sind neben protestantischen und katholischen Pfarrern auch ein orthodoxer Priester und der Rabbiner der damaligen jüdischen Gemeinde zu sehen.


Am Anfang war die Ratlosigkeit


„Als ich 1992 im evangelischen Kirchenarchiv von Frankfurt arbeitete, bekam ich die Anfrage einer Russlanddeutschen, die das Grab ihres Großvaters besuchen wollte“, berichtet Günter Fromm. Sogar ein Foto vom Grab hatte die Frau. Doch Fromm konnte ihr nicht helfen. „Ich musste antworten, dass von dem Friedhof nichts mehr übrig ist“, sagt er. Dies ließ ihm keine Ruhe, zumal sein eigener Vater, der im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion schwer verwundet worden war, sich immer gefragt hatte, was wohl aus den deutschen Gefangenen in Russland geworden sei.

Im Stadtarchiv stieß Fromm auf alte Bilder und Pläne vom „Russenfriedhof“. Bis 1944 war die Anlage noch von einem Gärtner gepflegt worden. Und die „Frankfurter Oder-Zeitung“ schrieb im April 1937: „Kreuz steht an Kreuz in langen Reihen. Gerade diese Schlichtheit ist es, die so eindrucksvoll wirkt. Dieses Fleckchen Erde ist so recht dazu geschaffen, dass man ungestört mit seinem Innersten Zwiesprache halten kann.“

Das Lager, aus dem die letzten Russen erst 1922 nach Hause durften – und anschließend in der inzwischen entstandenen Sowjetunion oft erneut in Haft kamen – erhielt nach dem Krieg eine andere Bedeutung. Hier entstand die Heimkehrsiedlung für Deutsche, die wiederum aus den im Versailler Vertrag abgetrennten Ostgebieten stammten. Rolf Haak, ein 78-jähriger Frankfurter, berichtet, dass seine Großeltern im April 1922 aus dem früheren Westpreußen ausgewiesen wurden, das inzwischen zu Polen gehörte. „Sie kamen mit vielen anderen Familien in jenen Baracken unter, in denen zuvor die Kriegsgefangenen gelebt hatten.“


Schließlich engagierte sich auch die Stadt


Mit anderen Interessierten gründeten Fromm und Haak die „Initiativgruppe Kriegsgefangenenfriedhof“ und bemühten sich bei der Stadt um Unterstützung. Aufgrund abgelaufener Fristen für den Erhalt von Gräberstätten des Ersten Weltkriegs steht die Stadt aber nicht mehr in der Pflicht, den alten Friedhof wieder herzurichten. „Trotzdem fassten Stadtverordnete den Beschluss, zumindest einen Gedenkort zu schaffen“, berichtet der Leiter des Grünflächenamtes, Frank Herrmann. Frühestens für 2016 und vorbehaltlich der klammen Haushaltslage der Stadt sind dafür 16 000 Euro vorgesehen.

Doch der bereits erwähnte Eduard Ptuchin brachte neue Dynamik in das Geschehen. Der in Berlin lebende Russe engagiert sich ehrenamtlich für die Kriegsgräberfürsorge. Auf der Suche nach den Namen der Toten aus dem Ersten Weltkrieg stießen er und Fromm aber auch auf einen Iwan Ptuchin, der 1918 in Frankfurt gestorben ist. Möglicherweise ist dies der Urgroßvater von Eduard Ptuchin. Der Russe ist davon überzeugt, dass die Botschaft seines Landes die Erneuerung des Friedhofs unterstützen würde. Nach einigen Arbeitseinsätzen, an denen sich der deutsch-russische Verein „Rodina“ beteiligte, wurde am historischen Ort wieder ein Kreuz aufgestellt.

Kürzlich übergab der Initiativkreis eine Liste mit den Namen von 622 hier bestatteten Soldaten und Zivilisten an den russischen Botschafter in Berlin. Trotzdem ist unklar, wie es weitergehen soll.

Seit Kurzem ist zumindest der Zugang zum Kreuz von Wildwuchs gesäubert und es gibt eine kleine Tafel mit Informationen über den Friedhof. „Die Menschen, die hier liegen, haben Spuren in Frankfurt hinterlassen“, ist Ptuchin überzeugt. Sie hätten deshalb Anspruch auf eine ehrenvolle Ruhestätte.

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