Vojeuristische und exhibitionistische Gelüste : Brüder Grimm beim Therapeuten

Andeutungsreiche Tauschgeschäfte: Hans im Glück ist in der Deutung des Thüringer Malers Harald Reiner Gratz ein von sexuellen Gelüsten Getriebener.
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Andeutungsreiche Tauschgeschäfte: Hans im Glück ist in der Deutung des Thüringer Malers Harald Reiner Gratz ein von sexuellen Gelüsten Getriebener.

Ja, doch, das sind die bekannten Märchenstoffe aus der Sammlung der Brüder Grimm. Da ist viel blanke Brust zu sehen, die Helden greifen sich an ihr Geschlecht oder verhüllen ihre Scham, sie entblößen sich provokativ oder spreizen ihre Beine vor dem Betrachter.

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28. März 2014, 12:00 Uhr

Ja, doch, das sind die bekannten Märchenstoffe aus der Sammlung der Brüder Grimm. „Hans im Glück“ ist an seinen Tauschgegenständen erkennbar, „der Fischer und sin Fru“ an dem Szenario mit Boot und Fischen, und Aschenputtel muss in schäbiger Garderobe Linsen auslesen. Aber so, wie der Thüringer Harald Reiner Gratz den deutschen Märchenkanon auf Leinwand gebannt hat, bekommen diese Geschichten einen ungewohnten, hintergründigen Dreh. Da ist viel blanke Brust zu sehen, die Helden greifen sich an ihr Geschlecht oder verhüllen ihre Scham, sie entblößen sich provokativ oder spreizen ihre Beine vor dem Betrachter.

Zu sehen sind Gratz’ Märchenbilder unter dem Titel „... dann leben sie noch heute“ in der Ausstellungshalle des Kavaliershauses im Schloss Neuhardenberg. Katja Jaroschewski aus dem thüringischen Bermbach hat zu diesem Motivkomplex Objekte und eine Videoarbeit angefertigt, die ebenfalls in der großen Ausstellungshalle zu sehen sind.

Sieben großformatige Bilder in leuchtenden Farben bilden das Herzstück der Schau. Mit ihnen legt Gratz, Jahrgang 1962, den Schluss nahe, dass Grimms Märchen eigentlich ein Fall für einen Psychotherapeuten wären. Vojeuristische und exhibitionistische Gelüste blitzen auf – Abnabelungsängste. Und Träume, die nicht ausgesprochen werden dürfen.

Gratz’ Umsetzung des „Hans im Glück“-Stoffes etwa lässt sich als Dokumentation einer ödipalen Fixierung deuten. Im linken Teil des Bildes ist der jungenhafte Hans mit Blondschopf zu sehen, im Kreise der Güter, die er der Reihe nach in seinem tragischen Handel gegeneinander eintauscht: ein Goldklumpen, ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein. Auch der tiefe Schacht, in den am Ende seine Steine fallen, ist zu sehen.

Aus dem Wasser aber ragt eine Art Phallus. Und wo der Grimmsche Hans im Glück am Ende glücklich und von aller Last befreit zu seiner Mutter zurückkehrt, ist bei Gratz am rechten Bildrand ein pubertierender Jüngling zu sehen, der schamhaft und versunken in einer engen Kammer sein Glied mit Händen bedeckt.

Vielleicht waren es erst die Brüder Grimm, die mit ihrer Märchensammlung dafür gesorgt haben, dass der Schatz überlieferter Erzählungen als „Kinder- und Hausmärchen“ bekannt wurde. Darunter aber schlummern häufig Bedeutungsebenen, die so gar nicht kindgerecht sind.

In ihrer Verrätselung arbeiten die Bilder von Harald Reiner Gratz mit Motiven aus dem Märchen-Zeitalter schlechthin, der Romantik. Ein urdeutsches Thema, für das Gratz in all seiner Ambivalenz Bezüge zur Gegenwart konstruiert.

In Gratz’ Bearbeitung des Schneewittchen-Märchens werden aus den sieben Zwergen sieben Großmeister der deutschen Kunst: Joseph Beuys, Gerhard Richter, Neo Rauch. Jonathan Meese ist mit seinem per Gerichtsurteil zur Kunst geadelten Hitlergruß abgebildet. Ein blauer Schneemann mit wilhelminischer Pickelhaube steht hinter einer barbusigen jungen Frau. Vor den „sieben Zwergen“ liegt wiederum eine nackte Frau, die ihre Beine spreizt und sich angaffen lässt.

Schneewittchen als Muse oder Hure des Kunstbetriebes? Oder ist hier eine anbiedernde Selbstbezüglichkeit deutscher Künstler gemeint, eine fast schon pathologische Bezugnahme auf die deutsche Geschichte in ihren Werken? Denkbar. Aber ganz sicher erschließt sich nicht, worauf Harald Reiner Gratz hinaus will.

Abgründig und mit einem kleinen Augenzwinkern gibt Gratz sich auch, wenn er den „Märchenkönig“ Ludwig II. (1845–1886) bei seinem selbstmörderischen Gang ins Wasser porträtiert.

Eine Reihe kleinerer Arbeiten dokumentiert in der gezeigten Auswahl zudem Studien und Einzelporträts zu den Märchen. Sie alle lassen keinen Zweifel: Das Volksmärchen ist nicht so harmlos, wie es scheint.

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