Schneiderin in Babelsberg : Brad Pitt hat sie auch schon gehabt

Ute Kanter schneidert in Babelsberg die Kostüme der Stars.
Ute Kanter schneidert in Babelsberg die Kostüme der Stars.

Schneiderin Ute Kanter nimmt auch bei internationalen Stars Maß. Zutiefst beeindruckt hat sie aber nicht der Mann von Angelina Jolie.

svz.de von
22. Juli 2014, 15:22 Uhr

Ob schlichter Herrenanzug aus den 1920ern, Ballrobe für eine Königin, Hexenkostüm oder schmucke Kopfbedeckung: In den Kostümwerkstätten vis-à-vis zum Filmstudio Babelsberg in Potsdam werden Stars und Sternchen oder Komparsen angezogen. Während für letztere auch Kleidung von der Stange infrage kommt, geht es bei den Hauptdarstellern eher um persönliche Anfertigungen. Da muss natürlich Maß genommen werden. Schneiderin Ute Kanter hat daher schon manchen berühmten Bauchumfang gemessen – von Omar Sharif bis Axel Prahl, von Diane Kruger bis Ruth Maria Kubitschek.

Auch rückte die Schneiderin Hollywoodstar Brad Pitt zu Leibe. „Da war ich natürlich anfangs ein wenig nervös“, sagt die 48-Jährige. Dafür bestand jedoch wenig Grund, berichtet sie. Der Schauspieler war nett und natürlich, plauderte angeregt mit dem Regisseur. Das war niemand geringerer als der US-amerikanische Filmemacher Quentin Tarantino, der 2008 in Babelsberg „Inglourious Basterds“ drehte. „Der hat eine Aura...“, schwärmt die Leiterin der Kostümwerkstatt.

Tief beeindruckt hat sie noch ein anderer: Weltstar Omar Sharif. Als junges Mädchen ist sie ihm in der Werkstatt begegnet: „So eine Größe – unglaublich.“

Überhaupt die Männer: Sie sind wesentlich unkomplizierter als das weibliche Geschlecht, hat die Gewandmeisterin beobachtet. „Frauen sind oft kräftezehrend“, berichte sie. Das gelte vor allem für die jüngere Generation. „Die älteren Semester sind hochprofessionell.“ Sofort fällt der Potsdamerin die 82-jährige Ruth Maria Kubitschek ein. Trotz großer Hitze habe sie bei der Anprobe keine Mine verzogen.

Kanter kennt das Geschäft seit 32 Jahren. Sie hat in Babelsberg ihr Handwerk gelernt. „Ich habe irgendwie alles verbastelt. Da war meinen Eltern klar, dass ich etwas Praktisches lernen muss.“ Eine Lehre in Babelsberg lag nah.

Zu DDR-Zeiten gehörte das Filmgeschäft zu den großen Arbeitgebern in der Region. Allein 120 Schneider seien damals beschäftigt gewesen, berichtet Kanter.Heute sind es zwei – die 48-Jährige und eine Kollegin. Sie werden allerdings von freien Kräften unterstützt bei anstehenden Projekten.

„Hauptgeschäftsfeld sind die Ausstattung von Kino-, TV- und Werbefilmproduktionen sowie Theater- und Bühnenprojekte“, schildert Geschäftsführer Matthias Voß.

Babelsberg blickt auf eine über 100-Jährige Filmgeschichte zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Mai 1946 die deutsch-sowjetische Aktiengesellschaft Defa (Deutsche Film AG) gegründet. Bis zum Ende der DDR sind nach Angaben der Filmstudio AG 1240 Spiel- und Fernsehfilme entstanden. Zahlreiche Kostüme aus dieser Zeit finden sich noch heute in dem Fundus, der insgesamt etwa eine halbe Million kleiner und großer Schätze hat. Vor allem Märchenfilme wie „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ sind bis heute im Gedächtnis.„Das war damals das Aushängeschild. Da wurde richtig investiert“, erinnert sich Kanter.

Die wundervollsten Stoffe bekam sie als junge Schneiderin auf den Tisch. Abzwacken ließ sich davon aber nichts: „Das war ganz genau geplant: Das und das ist zu nähen – 3,20 Meter Stoff muss reichen“, schildert sie. „Die Schönsten in der Disco waren wir trotzdem“, sagt Kanter selbstbewusst. Das Schneiderhandwerk ließ sich privat prima einsetzen, eine „ausgeprägte Tauschmentalität“ sorgte für Materialen.

Heute schneidert die Gewandmeisterin kaum noch in der Freizeit – höchstens für das zweijährige Enkelkind.

Im Beruf geht es dafür umso hektischer zu. „Der Druck im Film ist sehr gewachsen“, berichtet Kanter. Nahezu täglich bespricht sie sich mit Kostümbildnern aus aller Welt. Ob „Monuments Men“ von Hollywoodstar George Clooney, Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ oder „Cloud Atlas“ mit Oscar-Preisträger Tom Hanks – die Potsdamerin war immer am Set.

Trotz der Kreativität bleibt das Handwerk stets wichtigste Aufgabe. „Im Idealfall fällt es nicht auf, dass der Schauspieler ein Kostüm trägt“, sagt die Gewandmeisterin.

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