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Babelsberger Filmstudios : Alles nur Kulisse

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Aus der Redaktion des Prignitzers

In den Babelsberger Filmstudios entsteht eine neue Berliner Straße, die internationale Regisseure anlocken soll / Die Hintergrundbauten verlieren jedoch an Bedeutung

svz.de von
erstellt am 17.Aug.2014 | 15:14 Uhr

Der Vater hatte ihn schon früh in die Filmwelt eingeschleust. Als Joris Hamann seine Ferien in den Babelsberger Studios verbrachte, konnte er Saloons bestaunen, Indianer und Cowboys auf Pferden beobachten, DDR-Schauspielstars wie Gojko Mitic, Rolf Hoppe und Milan Beli erleben. Immer dann, wenn ein Indianerfilm gedreht wurde und Western-kulissen entstanden. „Ich habe diese Atmosphäre geliebt“, sagt Hamann.

Sein Vater Jochen war bis zur Wende in mehr als 20 Defa-Filmen als Filmarchitekt tätig, reiste für die Außendrehs nach Bulgarien und Rumänien und brachte viele Geschichten von Drehtagen mit. „Für mich war sein Beruf unglaublich spannend. Es lag nah, in diese Fußstapfen zu treten.“ Nach einer Lehre auf dem Bau und dem Architekturstudium in Heiligendamm hatte es Hamann Ende der 1980er-Jahre geschafft – „Der Fall Ö“ und „Treffen in Travers“ waren seine ersten Filme bei der Defa.

Heute muss der 51-jährige Szenenbildner mehr denn je Illusionen herstellen. Szenen, die sich in Ost-Berlin oder in Paris abspielen, während des Zweiten Weltkrieges oder in der Zukunft, vor dem Reichstag oder in Fantasiewelten – für Hunderte Szenen hat Hamann schon das bauliche Rahmenwerk in Babelsberg geschaffen. Und jetzt soll er die berühmte Berliner Straße wieder auferstehen lassen.

Das zwölf Millionen Euro teure Projekt der Filmstudios Babelsberg wird von ihm auf einem 12 000 Quadratmeter großen Gelände umgesetzt. Noch ist dort nur eine Brache zu sehen, aber im Computer existiert die Häuserzeile schon. Vor zwei Wochen wurde der Grundstein gelegt. Es soll die modernste Außenkulisse Europas werden. „Wir schaffen ideale Laborbedingungen für Filme“, sagt Hamann.

Aus Stahlkonstruktionen, Holzplatten, Steinen, Gips und Putz werden Fassaden nachgebildet – je nach Bedarf in unterschiedlichen Architekturstilen, wie Module austauschbar und vor allem mit der Möglichkeit, digitale Bilder während des Drehs hineinzumontieren. Reale und virtuelle Kulissen werden somit vermischt. „Es ähnelt einem Baukastenprinzip“, sagt Hamann. Selbst Straßen und Fußwege ließen sich schnell verändern: Aus einem bröckelnden Berliner Pflaster wird dann der Broadway, wenn die Handlung eben in New York spielt. Schon die erste Berliner Straße hat der Filmarchitekt zusammen mit seinen Kollegen Gisela Schulze und Lothar Holler auf dem Studiogelände geplant. Die Ideen lagen bereits in den Schubläden der Defa, doch die veranschlagten Kosten ließen die Studiochefs viele Jahre zögern. Erst bei den Vorbereitungen zur „Sonnenallee“ von Leander Haußmann im Jahre 1998 konnte das Projekt umgesetzt werden.

Drei Jahre sollte die 130 Meter lange Kulisse nach den ursprünglichen Planungen stehen, erinnert sich Hamann. Letztlich hielt sie 15 Jahre stand, ist Teil der Babelsberger Erfolgsgeschichte, bis das Areal für den Bau neuer Studentenwohnungen aufgegeben werden musste. „Jeder Filme in der Berliner Straße seine Spuren hinterlassen“, erzählt Hamann. „Nie blieb der Anblick so erhalten, wie er zuvor war.“

International erfolgreiche Streifen wurden vor der Kulisse gedreht. In Roman Polanskis Werk „Der Pianist“ lebte dort das jüdische Ghetto in Warschau auf, in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ verwandelte sich die kleine Fassadenwelt in das Paris während der deutschen Besatzung, in Kevin Spaceys „Beyond the Sea“ war dort ein Straßenzug in Manhattan in den Zwanzigerjahren zu sehen.

Vielfach wurden dort Berliner Szenen abgedreht. Neben der „Sonnenallee“ lebte in Babelsberg das Kreuzberg der späten 1980er-Jahre auf („Herr Lehmann“) oder der von maroden Mietskasernen gesäumte Boxhagener Platz in der gleichnamigen Tragikomödie von Matti Geschonneck. Die Aufzählung ließe sich lange fortführen – insgesamt 350 Film- und Fernsehproduktionen sowie Werbefilme entstanden in der Berliner Straße.

„Für die Filmcrews war sie deshalb so wichtig, da sich Originalschauplätze über die Jahrzehnte stark verändert hatten. Im Osten Berlins ist ja alles durchsaniert“, erklärt Hamann. „Außerdem konnten die Filmemacher in Babelsberg ungestört drehen – in einem abschlossenen Kosmos, ohne Zaungäste und aufwendige Genehmigungen.“

Wann auf dem neuen Areal etwas zu sehen sein wird, kann der Szenenbildner noch nicht sagen. Das Studio Babelsberg lässt sich zudem nicht in die Karten schauen. „Es gibt so viele Unwägbarkeiten in dem Geschäft“, sagt Studiosprecher Eike Wolf. „Würden wir jetzt einen Zeitplan nennen, kann der schnell überholt sein. Die neue Straße soll aber mit den verschiedenen Projekten wachsen.“

Es zählt auch zur branchenüblichen Zurückhaltung in einem hart umkämpften Markt, nicht zu viel in der Öffentlichkeit zu verraten. Mit der alten Außenkulisse hatte sich das Studio, das im vergangenen Jahr finanziell die Trendwende schaffte und einen Gewinn verbuchte, einen Vorteil gegenüber anderen Produktionsstandorten erarbeitet. Um konkurrenzfähig zu bleiben, musste ein neues potemkinsches Großstadtviertel entstehen.

Hamann sagt, dass die Umsetzung durchaus schnell gehen kann. „Wenn morgen ein Hollywood-Produzent anruft und in wenigen Wochen hier mit seinem Projekt starten will, dann müssen wir flexibel sein“, betont er. Der Bau der Straße für die „Sonnenallee“ habe etwa nur acht Wochen gedauert. „Sämtliche Baugenehmigungen liegen vor. Wir könnten loslegen.“

Dabei werden Kulissenbauer vor allem an einem Kriterium gemessen: an der Pünktlichkeit. „Die internationale Filmbranche ist ein Wanderzirkus. Da werden Stars eingeflogen, jeder Drehtag kostet viel, viel Geld“, sagt er.

„Wenn die alle hier anrücken, kann ich nicht sagen: Sorry, der Bau wird später fertig“, erzählt der Productiondesigner, wie seine Arbeit neudeutsch heißt. Gäbe es Probleme bei der Fertigstellung und würden dadurch Produktionen ausgebremst, wäre auch seine Reputation zerstört. „So etwas kann Karrieren beenden, das spricht sich schnell herum“, meint Hamann, der schon viel Anerkennung für seine Arbeit erfahren hat. „Manchmal bekommt man einen guten Tropfen vom Produzenten überreicht.“ Insgesamt hat sich sein Job stark gewandelt. Viele Szenen werden am Computer ergänzt, Skripte können erzählt werden, die zuvor gar nicht umsetzbar waren, Katastrophen erscheinen gewaltiger, Hintergründe lassen sich beliebig komponieren. Doch Hamann sieht in der neuen Technik nur eine Erweiterung der Möglichkeiten. „Schauspieler brauchen auch künftig etwas Greifbares am Drehort“, erklärt er. Man könne sie nicht ausschließlich vor grünen Hintergründen, den sogenannten Green Screens, agieren lassen. So würden viele amerikanische Regisseure auch „handgemachte“ Sets bevorzugen. Digitale Szenen bringen aber auch Vorteile für Kulissenbauer – vor allem, wenn es draußen ungemütlich ist: „Ich zumindest weine jenen Tagen nicht nach, an denen wir bei minus 15 Grad Celsius irgendwelche Wände anstreichen mussten für das nächste Projekt“, sagt Hamann und lacht.

 

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