Begehrtes Bauland trotz BER : Wohnen in der Einflugschneise

Bauunternehmer Peter Krywald hat zahlreiche Aufträge in Blankenfelde-Mahlow.
Bauunternehmer Peter Krywald hat zahlreiche Aufträge in Blankenfelde-Mahlow.

Trotz lauter Kritik der Anliegergemeinden am Fluglärm entstehen in der Einflugschneise zahlreiche Eigenheime

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21. November 2018, 05:00 Uhr

Eine der stärksten vom BER-Fluglärm betroffenen Gemeinden kann sich vor Zuzüglern kaum retten. In Blankenfelde-Mahlow (Teltow-Fläming) schießen die Häuser wie Pilze aus dem Boden, während der Bürgermeister gegen den BER zu Felde zieht. Ein Paradox.

Torsten Lohan ist vor einem Jahr mit seiner Familie nach Blankenfelde-Mahlow gezogen. Mit seiner Frau und den beiden Kindern hat sich der 47-Jährige ein Häuschen bauen lassen und schwärmt – von der fast perfekten Infrastruktur, günstigen Grundstückspreisen und der Hauptstadt, die zum Greifen nah ist. „Wir brauchen zehn Minuten zur S-Bahn, sind in 20 Minuten am Potsdamer Platz“, sagt er. Zum Greifen nah sind aber auch die Flugzeuge, die über sein Haus düsen, Blankenfelde-Mahlow gilt als jene Gemeinde, die am stärksten vom BER-Fluglärm betroffen ist.

Einwohnerzahl steigt

Doch das scheint Zuzügler nicht zu stören. Die Einwohnerzahl – derzeit sind es 28.300 – steigt und steigt. Bürgermeister Ortwin Baier (SPD), erklärter BER-Gegner, führt das auf die gute Infrastruktur zurück, die er in den vergangenen 15 Jahren aufgebaut hat. „Die ist wirklich top, da nehmen viele den Fluglärm in Kauf“, sagt Baier. Und er glaubt, dass es für die Neubürger ein böses Erwachen gibt, wenn am BER der Flugbetrieb startet. 360 000 Überflüge drohen der Gemeinde dann. „Wir weisen Leute, die hier ein Haus bauen wollen, darauf hin“, sagt er.

Im Musikerviertel profitiert Bauunternehmer Peter Krywald davon. Der 38-jährige weiß nur zu gut, dass es immer mehr Menschen in den Berliner Südosten zieht. „Trotz startender Flugzeuge ist der Zuzug ungebrochen“, sagt er. Blankenfelde-Mahlow sei ein Pendlerstandort. Die Menschen arbeiteten in Berlin und wohnten in Brandenburg. Seit 2006 hinterlässt Krywald in Blankenfelde-Mahlow architektonische Spuren und kennt die Grundstückspreise. „Angefangen hat es mit 90 Euro je Quadratmeter, aktuell liegen sie bei 170 bis 220 Euro.“

Der Krach von oben schreckt die Bauherren offensichtlich nicht ab. Um sich zu schützen, legen sie auch bis zu 15 000 Euro mehr auf den Tisch – für Schallschutzfenster und ein dickeres Mauerwerk beispielsweise.

Bauboom nicht zu erklären

Für Bürgermeister Ortwin Baier ist der Bauboom in der Gemeinde vor dem Hintergrund der BER-Inbetriebnahme rational nicht zu erklären. Natürlich freut sich der 60-Jährige, dass seine Gemeinde jährlich 300 Einwohner hinzugewinnt. Aber er fürchtet um die Lebensqualität seiner Bürger. Beim SPD-Landesparteitag am vergangenen Sonnabend gehörte Baier zu jenen, die für ein Nachtflugverbot am BER protestierten und Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) aufforderten, das Volksbegehren für ein solches Verbot nicht zu ignorieren.

Für 2019 hat Baier 100 000 Euro im Haushalt durchboxen können, mit denen ein Gutachten zur Gesundheitsbeeinträchtigung durch Staub finanziert werden soll. Baier ist überzeugt: Der Flughafen steht am falschen Ort. „Er ist in einer Wanne gebaut. Jetzt stehen die Kabelschächte unter Wasser. Wenn der BER in Betrieb geht, wird es zu weiteren Rissen kommen“, prophezeit er. Man hätte den alten Flughafen Schönefeld einfach als kleinen Airport weiterbetreiben und mit Leipzig ein Drehkreuz aufbauen sollen.

Der Bauboom tröstet Baier nicht wirklich über das drohende BER-Debakel hinweg. Torsten Lohan glaubt, mit Blankenfelde-Mahlow die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Und der Fluglärm? „Kein Problem. Ich bin am Flughafen Tegel aufgewachsen“, sagt er.

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