Gorzow/Landsberg : 641 deutsche Leichen exhumiert

Umbettung in Notsärge: Die Mitglieder des Vereins Pomost arbeiten im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Umbettung in Notsärge: Die Mitglieder des Vereins Pomost arbeiten im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

In Gorzów befanden sich nach 1945 sowjetische Lager für Kriegsgefangene und ein Speziallager des Geheimdienstes NKWD

svz.de von
26. September 2017, 08:00 Uhr

Noch immer werden in Polen unbekannte Gräber von Deutschen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs entdeckt. Ein jetzt in der Stadt Gorzów gemachter Fund ist durch seine Größenordnung aber ungewöhnlich.

Das Industriegelände in der Ulica Walczaka im Nordosten von Gorzów hat eine tragische Geschichte. Bis Anfang 1945 befand sich hier ein Werk des IG-Farben-Konzerns, das der größte Produzent von Perlon-Fasern im damaligen Deutschen Reich war. Wegen seiner militärischen Bedeutung mussten hier seit 1939 auch Hunderte polnische, sowjetische und andere osteuropäische Zwangsarbeiter schuften, deren Länder die Wehrmacht erobert hatte. Wie viele davon starben, ist unbekannt.

Nach der deutschen Niederlage im Mai 1945 wurde ein Sammellager für deutsche Kriegsgefangene auf deren Weg in die Sowjetunion eingerichtet. Nach wenigen Wochen waren über 7000 Wehrmachtsangehörige hier interniert. Später entstanden aus dem IG-Farben-Betrieb die polnischen Stilon-Werke, die die politische und wirtschaftliche Wende von 1990 nicht allzu lange überlebten.

Bis vor Kurzem wurde noch darüber gerätselt, wie viele deutsche Soldaten auf dem weiten Gelände in Massengräbern verscharrt sein könnten. „Vor 15 Jahren waren hier bei Ausgrabungen schon einmal 331 Leichen exhumiert worden“, berichtet Tomasz Czabanski. Der 58-jährige Historiker aus Poznan (Posen) leitet den Verein „Pomost“ (Brücke), der sich nicht nur mit archäologischen Erkundungen sondern auch im Auftrag des „Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ mit der Suche nach Gräbern beschäftigt. „Es sind 4000 Namen von Deutschen bekannt, die in Landsberger Lagern gewesen sein sollen, von denen es bisher aber keine Spur gab“, berichtet Czabanski.

Weil auf einem Teil des früheren Betriebsgeländes eine Eigenheimsiedlung entstehen soll, ergab sich in diesem Sommer die Möglichkeit zu erneuten Ausgrabungen. „Der Investor aus Stettin wollte das nicht an die große Glocke hängen, aber er wollte auch verhindern, dass Kinder später vielleicht in Sandkästen buddeln und dabei auf Leichenteile stoßen“, sagt der Pole.

Die Ergebnisse der Grabungen, die vom 21. August bis zum 11. September andauerten, übertrafen jedoch seine Erwartungen um ein Vielfaches. Die Umbetter stießen auf 16 Massengräber mit den Überresten von 641 Soldaten. Dabei gab es mehrere unerwartete Erkenntnisse: „Zum einen haben wir einige Erkennungsmarken mit Namen gefunden, die in den Such-Unterlagen gar nicht verzeichnet waren“, berichtet Czabanski. Zum anderen seien bei zahlreichen Skeletten Knochenbrüche zu erkennen gewesen, die infolge von Misshandlungen entstanden sein müssen.

Die sterblichen Überreste sollen noch im Herbst in die Kriegsgräberstätte von Stare Czarnowo (dem einstigen Ort Neumark) in der Nähe von Stettin umgebettet werden. Dort befinden sich schon jetzt mehr als 12 000 deutsche Kriegstote. Insgesamt wird die Zahl der deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg auf dem heutigen Gebiet Polens ihr Leben ließen, auf 468 000 geschätzt. Davon sind 300 000 namentlich beim Volksbund registriert.

Im nur 65 Kilometer von der Grenze entfernten Gorzów waren nach 1945 gleich mehrere sowjetische Lager errichtet worden. Darunter das „Speziallager Nr. 4 Landsberg/Warthe“ des Geheimdienstes NKWD in einer früher deutschen Kaserne. Dort wurden Tausende frühere NSDAP-Mitglieder aus dem Berliner Raum interniert – von Ortsgruppenleitern und Bürgermeistern über Gestapo- und SS-Angehörige bis hin zu Fabrikbesitzern und Mitarbeitern von Presse, Rundfunk und Film. Der Historiker Holm Kirsten, der im Auftrag der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar ein Buch über dieses Lager verfasste, schreibt von 2600 bis 3000 Menschen, die hier den Tod fanden.

Darüber hinaus waren ab Ende Januar 1945 – als die Rote Armee Landsberg erobert hatte – Tausende Zivilisten Verfolgungen ausgesetzt oder litten an Hunger. Außer den Landsbergern, denen die Nazis die Flucht verboten hatten, befanden sich auch sehr viele Flüchtlinge aus Ostpreußen und dem Wartheland in der Stadt.

Als zu Beginn dieses Jahrtausends eine Straße durch den Kopernikus-Park gebaut wurde – der bis 1945 ein Friedhof war – kamen Hunderte Skelette zum Vorschein, die in mehreren Schichten übereinander lagen. Auch in der Walczaka-Straße soll weiter nach Toten gesucht werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen