zur Navigation springen

Vorsicht bei Silvester-Böllern : „Wie eine Granate“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Experten warnen: Finger weg von illegalen Silvesterböllern – sonst ist gleich die ganze Hand ab.

svz.de von
erstellt am 19.Dez.2015 | 16:00 Uhr

Viele Menschen in Deutschland wollen es an Silvester granatenmäßig krachen lassen – und nehmen das allzu wörtlich: Es gehen Böller in die Luft, die mit ihrer Sprengkraft eher an eine Bombe erinnern und hochgefährlich sind. In der Silvesternacht vor einem Jahr starben zwei junge Menschen durch die Wucht der Explosion. Ungezählt sind die vielen schweren Verletzungen.

Solch gefährliche Knaller sind in Deutschland nicht zugelassen. Viele wollen sie trotzdem haben und kaufen illegale Ware. Der Schmuggel über die Grenzen läuft auf vollen Touren, im Westen, aber vor allem im Osten an der Grenze zu Polen, wie Polizei und Zoll feststellen.

Bei der Zollfahndung Berlin-Brandenburg vergeht kaum ein Tag ohne Zugriff. Die Schmuggler-Fahrzeuge sind oft vollgestopft mit gefährlichen Knallern und Raketen – damit mehr reinpasst, ohne die sperrigen Verpackungen, wie Zollsprecherin Claudia Bandelow erzählt.

Für die Zollbeamten ist das ein zusätzliches Risiko: Man weiß ja nie, wie die brisante Ladung auf Reibung und Erschütterung bei der Fahrt reagiert. Manchmal würde die Fracht ausreichen, um das ganze Auto in die Luft zu jagen.

In der Regel werden von Polen sogenannte Tschechien- oder Polen-Böller eingeschmuggelt. Hergestellt werden sie überwiegend in China, manchmal auch in Italien, wie Bandelow sagt. Niemand weiß, was da genau drin ist – nicht die Fahnder an der Grenze, aber auch nicht die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), die Feuerwerkskörper für den deutschen Markt testet und zulässt. Legale Böller haben eine Identifikationsnummer der BAM, Registriernummer, CE-Zeichen und eine deutsche Gebrauchsanleitung.

Die illegalen Böller sind eine Art unberechenbare Blackbox: Wie sind sie aufgebaut, wie reagieren sie – niemand weiß das. „So manch kleiner Böller, den wir angezündet haben, enthielt auch Sprengstoff. Die Wirkung ist dann viel, viel heftiger“, sagt BAM-Sprecherin Ulrike Rockland. Wurde dann auch noch eine verbotene Anzündschnur verwendet, wie sie in Deutschland nur für große elektronisch gesteuerte Feuerwerke zugelassen ist, geht der Böller ohne Zeitverzögerung in der Hand hoch.

Bei einem geprüften Feuerwerkskörper käme ein Mensch mit leichteren Verbrennungen weg. Doch illegale Knallkörper enthalten statt Schwarzpulver einen Knallsatz mit Metallpulver. „Dann reißt es ganze Finger, oder sogar die ganze Hand ab. Das wirkt wie eine Granate“, sagt Professor Raymund Horch, Präsident der Fachgesellschaft für plastische Chirurgen DGPRÄC, die Folgen.

Viele Patienten hätten auch erzählt, dass der ausgegangene Böller bei dem Versuch, ihn noch mal anzuzünden, mit einem überaus lautem Knall in der Hand explodiert sei.

Dass die illegale Einfuhr von Böllern kein Kavaliersdelikt ist, sagt Jens Flören von der Bundespolizei in Nordrhein-Westfalen. Der Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz kann demnach mit einer Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden.

Auch im Westen Deutschlands an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden fängt die Bundespolizei immer wieder explosive Transporte ab. „Wenn da jemand kommt und hat drei, vier Kisten mit nicht zugelassenen Sprengkörpern drin, dem kann man unterstellen, dass er es bewusst eingekauft hat, weil es billiger ist und er meint, er hat dann einen größeren Effekt.“

Hintergrund: Kennzeichnung ist wichtig

Raketen und Böller gehören für die meisten an Silvester einfach dazu. Beim Feuerwerk-Kauf sollten Verbraucher aber nur zu geprüften Produkten greifen. Diese sind an zwei verschiedenen Kennzeichnungen zu erkennen, erklärt Klaus Gotzen vom Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) in Ratingen.

Das kann zum einen das Zulassungskennzeichen der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) sein. Es besteht aus dem Kürzel BAM, der Produktklasse (P I oder P II) und einer vierstelligen Zahl, etwa BAM - P II - 1234. Zum anderen ist auch ein CE-Zeichen mit einer Prüfnummer und Angabe der Produktkategorie (F1 oder F2) zulässig.

Die Bezeichnung P I beziehungsweise F 1 steht für Kleinstfeuerwerk, das das ganze Jahr über erhältlich ist. Böller und Raketen sind dagegen unter P II oder F 2 gruppiert. Sie dürfen 2015 nur vom 29. bis 31. Dezember verkauft werden, erklärt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Feuerwerk ohne Zulassungsnummer ist gefährlich. Die Sprengkraft kann zu hoch sein, außerdem drohen Verletzungen durch Fehlzündungen. Doch selbst zugelassene Feuerwerkskörper sind nicht ohne Risiko: Wer diese nicht sachgerecht benutzt, bringt sich ebenfalls in Gefahr.

Zum Feuerwerk-Shopping sollte man sich an die bekannten Verkaufsstellen wie Drogerien, Supermärkte oder Baumärkte halten, sagt Klaus Gotzen. „Bei fliegenden Händlern oder gar im Ausland sollte man die Finger davon lassen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen