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Ratgeber

18. November 2017 | 05:53 Uhr

Lesertelefon : Wer zahlt bei Erwerbsminderung?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lesertelefon extra: Fachleute informieren über Verletztengelder, Erwerbsminderungsrenten und Berufsunfähigkeitspolicen.

von
erstellt am 06.Mai.2015 | 11:30 Uhr

Meine Tochter arbeitet normalerweise als Altenpflegerin und hat jetzt wegen ihrer Schwangerschaft ein Berufsverbot ausgesprochen bekommen. Sie hat eine private Berufsunfähigkeitsversicherung. Kann sie für den Zeitraum der restlichen Schwangerschaft jetzt eine Rente vom Versicherer erhalten?

Nein, denn Ihre Tochter ist ja nicht aufgrund einer Krankheit berufsunfähig. Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, sondern ein Zustand. Außerdem heißt es in den Versicherungsbedingungen, dass die Berufsunfähigkeit voraussichtlich von Dauer ist.

Ich beziehe seit Januar eine Erwerbsminderungsrente. Jetzt habe ich gelesen, dass die Altersrenten im Sommer angehoben werden. Betrifft das auch die Erwerbsminderungsrente?

Ja, die Rentenerhöhungen ab 1. Juli um 2,5 Prozent in den neuen und um 2,1 Prozent in den alten Bundesländern betreffen auch sämtliche Erwerbsminderungs- und Hinterbliebenenrenten der Deutschen Rentenversicherung. Sie erhalten die Anpassungsmitteilung von Ihrem Versicherungsträger im Juni oder Juli.

Ich bin selbstständiger Handwerker und habe gehört, dass ich jetzt eine private Berufsunfähigkeitspolice von der Steuer absetzen kann. Wie funktioniert das?

Laut Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz können Sie Beiträge für Berufsunfähigkeits-Versicherungen seit 2014 steuerlich geltend machen – vorausgesetzt, es handelt sich um einen Tarif im Rahmen der so genannten Basis- oder Rürup-Rente. In der Vergangenheit wurden nur „reine“ Altersvorsorge-Verträge oder kombinierte Tarife gefördert. Seit dem Vorjahr werden auch eigenständige Policen vom Fiskus als förderfähig angesehen, die 100 Prozent Berufsunfähigkeitsschutz enthalten. Als Voraussetzung wird jedoch verlangt, dass Sie bei Berufsunfähigkeit eine lebenslange Rente erhalten. Dafür gibt es nur sehr wenige Anbieter.

Meine Tochter leidet an einer Depression – verursacht durch Stress und Mobbing am Arbeitsplatz. Seit einem halben Jahr war sie bereits nicht mehr arbeiten – und sie will auch nicht zurück. Kann das als Berufskrankheit anerkannt werden?

Eine psychische Erkrankung ist nicht per se eine Berufskrankheit. Nach derzeitiger Rechtslage werden psychische Leiden vom Gesetzgeber prinzipiell nicht als Berufskrankheit gewertet. Etwas anderes ist es, wenn beispielsweise ein Unfall ein Trauma auslöst. Im Zuge der medizinischen Rehabilitation durch die gesetzliche Unfallversicherung werden dann diese Traumata selbstverständlich behandelt. Bei Ihrer Tochter wäre aber in erster Linie die Krankenkasse der Ansprechpartner. Gleichzeitig wäre zu prüfen, ob beim zuständigen gesetzlichen Rentenversicherer die Voraussetzungen für eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente gegeben sind. Noch ein Tipp: Vielleicht ist ein Gespräch mit der oder dem Gleichstellungsbeauftragten im bisherigen Unternehmen Ihrer Tochter hilfreich, wenn es dort einen gibt. Notfalls sollte Ihre Tochter über einen Arbeitsplatzwechsel nachdenken.

Ich habe Antrag auf Erwerbsminderungsrente gestellt. Kann ich denn bei Bezug einer solchen Rente noch in begrenztem Umfang hinzuverdienen?

Bei einer Rente wegen voller Erwerbsminderung, bei der Sie ja eigentlich nicht mehr arbeiten können, können Sie lediglich bis zu 450 Euro monatlich hinzuverdienen, ohne dass dies Auswirkungen auf Ihre Rente hätte. Zweimal können Sie bis zum Doppelten diesen Wert überschreiten. Ist der Verdienst höher, wird Ihre Rente nur noch anteilig gezahlt. Dafür werden individuelle Hinzuverdienstgrenzen ermittelt. Diese hängen unter anderem davon ab, wie viel Sie in den letzten drei Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung verdient haben.

Meine Freundin ist Anfang 30 und jetzt bereits ein ganzes Jahr krank. Wann läuft denn das Krankengeld aus – und was passiert danach?

Ihre Freundin hat Anspruch auf Zahlung des Krankengeldes für maximal 78 Wochen bei ein und derselben Krankheit. Rechtzeitig vor Ablauf des Krankengeldes sollte sie sich mit der Agentur für Arbeit in Verbindung setzen und dort Arbeitslosengeld beantragen. Sollte Ihre Freundin aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr arbeiten können, müsste geprüft werden, ob Ihre Freundin eine gesetzliche Rente von der Deutschen Rentenversicherung beziehen kann – möglicherweise eine teilweise Rente wegen Erwerbsminderung.

Wodurch unterscheidet sich eine Teilrente von einer vollen Erwerbsminderungsrente?

Aus medizinischer Sicht wären Sie teilweise erwerbsgemindert, wenn Sie wegen Ihrer Krankheit mindestens drei bis unter sechs Stunden täglich erwerbstätig sein könnten – unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Wenn Sie dagegen nur noch in der Lage sind, weniger als drei Stunden täglich zu arbeiten, wären Sie voll erwerbsgemindert. Außerdem müssen sie noch die Voraussetzungen nach dem Versicherungsrecht erfüllen.

Mein Sohn ist Allergiker. Besteht überhaupt die Aussicht, dass ein Antrag auf eine private Berufsunfähigkeits-Versicherung Erfolg hat?

Ja, das kann durchaus sein. Er sollte bei mehreren Anbietern zeitgleich einen Antrag stellen, da die Versicherungsgesellschaften Vorerkrankungen unterschiedlich bewerten. Zeitgleich deshalb, damit er im Antrag nicht auf eine bereits erfolgte Ablehnung hinweisen muss. Diese wird in der zentralen Wagnisdatei der Versicherungsbranche (HIS) erfasst. In den Anträgen sollte er seine Erkrankung keinesfalls verschweigen, sondern alle Gesundheitsfragen wahrheitsgemäß beantworten. Bei Vorerkrankungen verlangen Versicherer häufig einen Beitragszuschlag. Das bedeutet, dass der Versicherer im Ernstfall auch zahlt – unabhängig davon, ob die Ursache einer eventuellen Berufsunfähigkeit mit seiner Krankheit zusammenhängt oder nicht. Andere Gesellschaften schlagen so genannte Ausschlüsse vor. Da hier die Absicherung lückenhaft ist, empfehlen wir nicht, eine solche Police abzuschließen. Er sollte sich am besten unabhängig beraten lassen, ehe er einen Vertrag abschließt.

Mein Mann wird nach einem Arbeitsunfall medizinisch begutachtet. Dabei geht es um eine eventuelle Verletztenrente. Wann würde er eine solche Rente bekommen?

Eine Verletztenrente wird gezahlt, wenn laut medizinischem Gutachten der Grad der Erwerbsminderung durch den Arbeitsunfall mindestens 20 Prozent beträgt. Ihr Mann kann sich unter drei vorgeschlagenen Gutachtern einen aussuchen oder selber einen Gutachter vorschlagen, der von der Berufsgenossenschaft anerkannt ist. Die Höhe der Verletztenrente richtet sich dann nach dem festgestellten Grad der Erwerbsminderung.

Wenn mein Mann eine Verletztenrente bei der Berufsgenossenschaft bekommt, kann er dann gleichzeitig in voller Höhe eine Erwerbsminderungsrente von der Rentenversicherung bekommen? Und wird seine Private Berufsunfähigkeitsrente dann voll ausgezahlt?

Sofern Ihr Mann Anspruch auf eine Verletztenrente der Berufsgenossenschaft hat, wird diese in jedem Fall ausgezahlt – unabhängig, welches Einkommen er in welcher Höhe bezieht. Es wird allerdings geprüft, ob die Zahlungen der gesetzlichen Unfallversicherung zu einer Verminderung der Erwerbsminderungsrente führen. Dazu wird ein individueller Grenzbetrag ermittelt, der sich in erster Linie nach dem Jahresarbeitsverdienst Ihres Mannes vor dem Arbeitsunfall richtet. Liegt die Summe der Renten innerhalb des Grenzbetrages, bekommt er beide Renten ungekürzt. Private Renten aus einer Berufsunfähigkeitspolice werden unabhängig davon gezahlt, ob und in welcher Höhe Verletzten- oder Erwerbsminderungsrente gewährt werden.

Mein Mann hat einen Mini-Job auf 450-Euro-Basis. Ist er gesetzlich unfallversichert oder muss er sich vorsorglich gegen einen Arbeitsunfall privat absichern?

Wie alle Arbeitnehmer steht Ihr Mann auch bei seinem Mini-Job unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung. Der Arbeitgeber übernimmt sozusagen automatisch die Finanzierung. Wenn Ihr Mann einen Arbeitsunfall haben sollte, bekommt er gegebenenfalls Verletztengeld, alle Leistungen der medizinischen und beruflichen Rehabilitation und bei Vorliegen der Voraussetzungen eine Verletztenrente. Eine private Police allein wegen des Mini-Jobs abzuschließen, ist nicht nötig.

Ich war von 2006 bis 2012 selbstständig und habe in diesem Zeitraum keine Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung gezahlt. Danach war ich wieder fest angestellt. Seit 2013 bin ich aufgrund einer Erkrankung arbeitsunfähig. Habe ich Anspruch auf die gesetzliche Erwerbsminderungsrente?

Die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen für diese Rente sind erfüllt, wenn Sie insgesamt fünf Jahre Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt und in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge entrichtet haben. Der Zeitpunkt des Eintritts der Erwerbsminderung wird vom Arzt festgestellt. Wird dieser Zeitpunkt auf 2013 festgelegt, hätten Sie keinen Anspruch auf Rentenzahlung.

Mein Schwager bezieht eine Verletztenrente von der Berufsgenossenschaft. Jetzt hat er wieder einen Job in Aussicht. Wird der Verdienst aus seiner neuen Tätigkeit auf seine Verletztenrente angerechnet?

Nein. Die Berufsgenossenschaft zahlt die Rente an Ihren Schwager unverändert weiter – auch unabhängig davon, welchen Verdienst er in einem anderen Job erzielt. Sollte er später einmal arbeitslos werden, kann er Arbeitslosengeld I oder II bekommen und dennoch seine Verletztenrente unbegrenzt weiter beziehen.

Mein Versicherungsberater hat mir eine private Berufsunfähigkeitsversicherung empfohlen, die angeblich bereits bei 50-prozentiger gesundheitlicher Einschränkung eine Rente bringt. Kann das denn sein?

Durchaus, denn die meisten Versicherer zahlen eine Rente, wenn ein Versicherter aus gesundheitlichen Gründen zu 50 Prozent nicht mehr in der Lage ist, seinen Beruf auszuüben. Das ist in der Branche üblich. Bei anderen Anbietern gibt es je nach Grad der Berufsunfähigkeit Staffelregelungen. Wir empfehlen eher die 50-Prozent-Pauschalregelung. Holen Sie sich noch andere Angebote ein und achten Sie dabei auf die Versicherungsbedingungen. Wichtiger als der Preis – also die Beitragshöhe – ist die Gewissheit, im Ernstfall auch eine Rente zu erhalten. So sollte Ihr Vertrag beispielsweise eine Nachversicherungsklausel enthalten. Dadurch können Sie die versicherte Rente später bei bestimmten Anlässen ohne erneute Gesundheitsprüfung erhöhen, wenn Sie besser verdienen. Wichtig: Ihr Vertrag sollte möglichst bis zu Ihrer Regelaltersrente laufen.

Mein Mann bezieht seit 2012 eine Erwerbsminderungsrente. Wir haben gelesen, dass mit der Rentenreform diese Renten angehoben wurden. Bei meinem Mann hat sich das allerdings nicht ausgewirkt. Warum?

Durch die Rentenreform der Bundesregierung wurde die so genannte Zurechnungszeit bei Erwerbsminderungsrenten verlängert. Die Höhe der Rente bemisst sich aus den bis zum Eintritt der Erwerbsminderung zurückgelegten rentenrechtlichen Zeiten. Mit der Zurechnungszeit wird unterstellt, dass die Betroffenen länger als tatsächlich gearbeitet hätten. Im Falle Ihres Mannes war das bis zur Vollendung des 60. Lebensjahres. Seit der Rentenreform wird so getan, als ob Versicherte bis 62 gearbeitet hätten – was letztlich zu einer höheren Rente führt. Zudem fallen jetzt die letzten vier Jahre vor Eintritt der Erwerbsminderung aus der Berechnung heraus, wenn das für den Betroffenen günstiger ist. Denn oftmals wurde krankheitsbedingt in diesem Zeitraum schon weniger verdient – etwa durch den Wegfall von Überstunden oder durch längere Krankheitszeiten. Leider gilt die neue Berechnungsmethode nur für Renten, die nach dem 30. Juni 2014 begonnen haben. Wer wie Ihr Mann bereits zuvor eine Rente bezog, bei dem bleibt es bei der alten Regelung.


SERVICE: Informationshinweise

Unter www.test.de kann man eine Checkliste von „Finanztest“ mit Hinweisen zu privaten Berufsunfähigkeits-Police abrufen. Unter der gleichen Adresse findet man das Themenpaket „Berufsunfähigkeitsversicherung“.

Die Service-Hotline der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung erreicht man unter der kostenfreien Telefonnummer 0800/6050404 von Montag bis Freitag in der Zeit zwischen 8 und 18 Uhr.

Auskünfte zur gesetzlichen Erwerbsminderungsrente erteilt die Deutsche Rentenversicherung auf dem kostenlosen Servicetelefon unter der Nummer 0800/10 00 48022.



 

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