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Ratgeber

20. November 2017 | 07:01 Uhr

Wenn (Nicht-)Essen zur Sucht wird

vom

svz.de von
erstellt am 16.Mär.2012 | 09:40 Uhr

Lydia wiegt 40 Kilogramm und findet sich trotzdem noch zu dick. Die 17-Jährige isst fast nur Obst, Joghurt und Gemüse, zählt jede einzelne Kalorie und steigt täglich auf die Waage. Vor fett- und kalorienreichen Speisen ekelt sie sich regelrecht. Lydia ist magersüchtig - und mit dieser Diagnose nicht allein. Nach Expertenschätzung leiden 0,3 Prozent der Deutschen an Magersucht. Rund 1 Prozent hat eine Ess-Brecht-Sucht und mehr als 3 Prozent (bei hoher Dunkelziffer) Binge Eating, Fressanfälle mit Kontrollverlust. Die meisten Essstörungen entwickeln sich bereits in jungen Jahren, was durch die Ergebnisse der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS des Robert-Koch-Ins tituts bestätigt wird. Danach weist jeder fünfte Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahre Symptome einer Essstörung auf. In diesem Alter sind Mädchen häufiger betroffen als Jungen. Über Warnsignale, Symptome und Behandlung von Essstörungen sowie die Verantwortung der Eltern sprach mit Dr. Thomas Fischer, Chefarzt der AHG Klinik Schweriner See, Kathrin Neumann.

Sind Essstörungen auf dem Vormarsch?

Das denke ich nicht. Bei Anorexie, also der Magersucht, und Bulimie, den Essanfällen mit folgenden gewichtsregulierenden Maßnahmen, hat es bis zum Ende der 1970er-Jahre einen steilen Anstieg gegeben. Seither sind die Werte bei Bulimie gleich, bei der Anorexie sogar leicht rückläufig. Letzteres mag mit der kritischen Auseinandersetzung mit dem Schlankheitswahn der Models zusammenhängen. Ein Stück davon ist vielleicht bei den Jugendlichen angekommen. Dafür ist eine Verschiebung hin zum Ritzen zu beobachten. Die Betroffenen schneiden sich absichtlich in die Arme, um unangenehme Gefühle wie Wut, Trauer, Enttäuschung zu kompensieren. Aus demselben Grund kommt es auch zu Essstörungen.

Warum wählen die Betroffenen diese Wege?

Sie haben einfach nicht gelernt, mit negativen Gefühlen umzugehen, sie auszuhalten, sie zu regulieren. Hinzu kommt, dass sie einen sehr brüchigen Selbstwert haben, sich schlecht abgrenzen und schlecht "Nein" sagen können. Ich erlebe häufig Mädchen, die viel tun, um anderen zu gefallen, um anerkannt zu sein. Im Zusammenhang mit dem falschen Schönheitsideal der extrem dünnen Frau kann das zu Magersucht oder Bulimie führen.

Auf ihre Kalorienzufuhr achten auch andere Menschen. Wie erkennt man, dass jemand magersüchtig ist?

Bei diesen Menschen wird das Kalorienzählen zur Obsession. Sie kennen die Werte von jedem Lebensmittel, haben Angst vor jedem zusätzlichen Gramm auf der Waage, beschäftigen sich ständig mit ihrer Kalorienaufnahme und haben eine Körper-Schema-Störung. Dann fühlt sich eine 17-Jährige mit einer Größe von 1,70 Meter trotz eines Gewichts von gerade einmal 40 Kilogramm zu dick, möchte immer mehr machen, um abzunehmen. Wenn jemand weniger als 85 Prozent des zu erwartenden Normalgewichts hat bzw. einen Body-Mass-Index (BMI) von unter 17,5 und die Gewichtsreduktion bewusst herbeigeführt hat, gilt er als magersüchtig.

Kennzeichnend ist auch ein dichotomes Denken, ein Denken in Extremen. Kleinigkeiten bekommen eine übermäßige Bedeutung. Hat sich die Betroffene vorgenommen, heute keine feste Nahrung zu sich zu nehmen, stellt sie sich nach einem Apfel gleich als Person insgesamt in Frage.


Im Unterschied zur Anorexie essen an Bulimie oder Binge-Eating-Störung Erkrankte jede Menge. Was unterscheidet diese beiden Krankheiten?

Bei der Bulimie folgen auf die Essanfälle, bei denen in kurzer Zeit große Kalorienmengen aufgenommen werden, gewichtsregulierende Maßnahmen. Am besten bekannt ist das provozierte Erbrechen, indem der Finger in den Hals gesteckt wird. Andere Möglichkeiten sind Abführmittel, entwässernde Tabletten oder auch exzessiver Sport. Bei der Binge-Eating-Störung erfolgen nach extremen Essattacken keine gewichtsregulierenden Maßnahmen. Deshalb sind die Betroffenen in der Regel adipös - aber nicht immer. Binge Eating resultiert auch aus einem gesellschaftlichen Problem: Das normale Essverhalten - also was der Durchschnitt macht - unterscheidet sich deutlich vom physiologischen Essverhalten, also dem, was für den Körper gut ist. Viele Menschen essen viel zu viele Fette, zu viele hochkalorische Lebensmittel, zu viel Zucker und Fastfood, bewegen sich zu wenig. Für den Körper ist das nicht gut, aber für die Leute ist es inzwischen normal.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor einer Essstörung zu bewahren?

Ein wichtiger Ansatz ist, eine gute Esskultur zu pflegen. Dazu gehören regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, darunter drei Hauptmahlzeiten, in einem angenehmen Klima. Am Tisch sollten keine Probleme gewälzt werden, damit sich jeder wohlfühlt. Außerdem sollten Eltern ihren Kindern vermitteln, was zur physiologischen Ernährung gehört. Das Thema sollte aber nicht überproblematisiert werden. Vorleben ist dabei besser als erklären. Wenn in der Familie nicht gekocht wird, ist die Gefahr, dass das Kind später an einer Essstörung leidet, groß.

Ebenso wichtig ist es, den Kindern beizubringen, dass man Konflikte lösen und mit ihnen konstruktiv umgehen kann. So können sie auch einen gesunden Selbstwert entwickeln. Dabei helfen auch Hobbys.

Sind Essstörungen behandelbar?

Sie sind nicht nur behandelbar, sondern auch heilbar. Der Erfolg der Therapie hängt allerdings von der Motivation, der Einsicht in die Krankheit und dem sozialen Gefüge ab. Bei einer manifesten Essstörung ist eine stationäre Aufnahme zu empfehlen, es sei denn, es sprechen gewichtige - zum Beispiel berufliche - Gründe dagegen. Zur Therapie gehören dann Einzel- und Gruppengespräche, Ernährungsberatung, Kochgruppe, Entspannungstraining, Ergo- und Soziotherapie, Körpertherapie, Sport- und Bewegungstherapie. Dabei geht es unter anderem darum, den Patienten mit seinem Körper zu konfrontieren, sein unrealistisches Bild davon zu korrigieren. Er soll Strategien entwickeln, um sein Essverhalten zu ändern. Dabei helfen regelmäßige Mahlzeiten, Essprotokolle und die Kontrolle innerhalb der Gruppe. Selbstvertrauen entwickeln und Strategien, um mit unangenehmen Emotionen klarzukommen und sie zu kommunizieren, sind weitere Ziele. In der Therapie wird natürlich auch geprüft, wo konkret die Ursachen für die Störung liegen. Gab es traumatische Erlebnisse, Missbrauch oder anderes? Bei Untergewichtigen ist zunächst das Ziel, das Gewicht zu erhöhen - um mindestens 700 Gramm pro Woche.

Auch wenn die Essstörung geheilt wird, ist das keine Garantie auf Lebenszeit, nicht wieder in eine solche Phase zu kommen. Und der Patient bleibt anfällig für psychische Erkrankungen. Häufig treten diese zusammen mit einer Essstörung auf.

Was können Eltern tun, wenn sie bei ihrem Kind eine Essstörung vermuten, diesem aber die Einsicht fehlt?

Kommen die Kinder nicht mehr zum gemeinsamen Essen oder verschwinden danach immer sofort auf der Toilette, schwankt ihr Gewicht stark, dreht sich bei ihnen alles um Gewicht und Kalorien, können das Warnsignale sein. Allerdings muss man bedenken, dass so etwas - insbesondere bei Mädchen in der Pubertät - auch eine vorübergehende Phase sein kann, die von selbst vorübergeht. Wenn das Kind nicht bereit ist, zu einem Arzt oder einer Beratungsstelle zu gehen, sollten Eltern sich zunächst allein Rat holen. Gleichzeitig sollten sie ihrem Kind signalisieren, dass sie seine Probleme sehen, sich Sorgen machen und man gemeinsam Wege aus der Krise suchen wird. Für eine erfolgreiche Behandlung bedarf es aber der Einsicht in die Krankheit und eines entsprechenden Leidensdrucks. Eine Zwangsernährung bei Magersüchtigen gibt es - anders als früher - in der Regel nicht mehr. Es sei denn, der Patient würde ansonsten binnen weniger Tage sterben. Und auch dann ist zunächst ein richterlicher Beschluss nötig.

Warum sind Jungs weniger häufig betroffen?

Besonders groß sind die Unterschiede bei Anorexie und Bulimie. Bei der Magersucht kommt auf 20 Mädchen ein Junge, bei der Ess-Brech-Sucht ist nur jeder 10. bis 15. Betroffene ein Junge. Das bedeutet aber nicht, dass Jungs besser mit unangenehmen Gefühlen fertigwerden. Sie haben nur andere Bewältigungsstrategien und die führen bei Männern häufiger in andere Süchte. In diesem Bereich haben wir in unserer Klinik deutlich mehr Männer, auch wenn die Frauen aufholen.

Welche Folgeerkrankungen drohen bei einer Essstörung?

Bei Bulimie droht wegen des häufigen Erbrechens Gastritis, die Magensäure greift die Schleimhäute an, an den Fingern bildet sich Hornhaut. Infektanfälligkeit und Immunschwäche sind weitere Folgen. Bei Magersucht kommt es zu Eisen- und Eiweißmangel, der Hormonhaushalt funktioniert nicht mehr normal, die körperliche Entwicklung setzt aus. Immunschwäche und Herzrhythmusstörungen sind weitere Folgen. Betroffene mit einem BMI von 14 oder 15, die kaum essen und sich extrem bewegen, laufen Gefahr, tot umzufallen, weil das Herz nicht mehr mitmacht. Insbesondere die Anorexie ist unbehandelt lebensbedrohlich.

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