Neue Jugenddroge : Wenn der Computer die Kontrolle übernimmt

<strong>Wer ständig den Drang hat</strong>, an den Computer zu gehen, und es trotz guter Vorsätze nicht schafft, ihn auch mal ausgeschaltet zu lassen, könnte bereits computersüchtig sein.<foto>dapd</foto>
Wer ständig den Drang hat, an den Computer zu gehen, und es trotz guter Vorsätze nicht schafft, ihn auch mal ausgeschaltet zu lassen, könnte bereits computersüchtig sein.dapd

Internet und Computer sind auf dem Weg zur neuen Jugenddroge. In Deutschland zeigen etwa 250 000 Personen zwischen 14 und 24 Jahren Anzeichen einer Internetabhängigkeit, 1,4 Millionen gelten als problematische Nutzer.

svz.de von
22. Juni 2012, 10:03 Uhr

Für seine Freunde hatte Tom* keine Zeit mehr. Termine beim Jobcenter hat er sausen lassen. Um eine Arbeit konnte er sich nicht kümmern. Tom hatte Wichtigeres zu tun - in seinen Augen. Tom ist computersüchtig. In seinen schlimmsten Zeiten saß er täglich 18 Stunden und mehr am Rechner. Zwischendurch ein bisschen schlafen, etwas essen, dann tauchte der heute 25-Jährige wieder in seine Parallelwelt ab, das Universum des Internet-Rollenspiels EVE.

Dort war Tom richtig fleißig, arbeitete sich zum Kommandanten hoch. Er flog Angriffe gegen andere Raumschiffe, eroberte Gebiete, reiste durch Sternensysteme und rüstete seine Technik immer weiter auf. Irgendwann war sein Ziel klar: ein riesiges Raumschiff zusammenbauen. Das Einzige, das er dafür brauchte, war Zeit. Viel Zeit. "So ein Raumschiff baut man normalerweise gemeinsam mit anderen Spielern. Aber nach mehreren Tausend Stunden hatte ich es geschafft. Allein", sagt Tom und ein bisschen Stolz klingt in seiner Stimme mit.

Etwa zwei Prozent der Deutschen gelten als internet- oder PC-süchtig. "Das bedeutet aber auch, dass rund 98 Prozent kein Problem mit Abhängigkeit haben", sagt Dr. Detlef Scholz vom Kompetenzzen trum für exzessiven Mediengebrauch und Medienabhängigkeit in Schwerin. "Trotzdem führt die Mediennutzung in vielen Familien zu großen Spannungen." Zum einen fehle Eltern oft noch das Verständnis für den Umgang ihrer Kinder mit Kommunikationsmitteln, mit denen sie selbst nicht aufgewachsen sind. Zum anderen machten sie sich mitunter aber auch berechtigte Sorgen über die Einseitigkeit der Aktivitäten ihrer Kinder.

Doch nicht jeder, der Medien extrem nutzt, wird süchtig. Wenn jemand aber beispielsweise starke Verunsicherungen im sozialen Umfeld, in der Familie oder in der Schule wahrnimmt und - aus unterschiedlichsten Gründen - unangenehme Gedanken und Gefühle entstehen, können Medien komplett davon ablenken. "Sie erlauben es, in eine andere Welt abzutauchen, in der es immer wieder Neues gibt, witzige Videos, neue Spiele, Informationen", erklärt Detlef Scholz. "Man kann sich so darstellen, wie man sich gern sieht, man kann Anerkennung finden, die es im realen Leben momentan nicht in ausreichendem Maße gibt."

Auch Tom fand bei EVE das, was ihm im wahren Leben verwehrt war: Erfolg und Anerkennung. "Dort klappte alles, so wie ich es wollte. Nichts wurde durch irgendeinen anderen Menschen blockiert", sagt Tom. "Das war einfach ein schönes Gefühl." Sucht sei immer ein Selbstheilungsversuch, sagt Berater Scholz. Dahinter stecke das Bestreben, sich gut oder zumindest besser zu fühlen.

Auch Tom hatte Probleme, von denen ihn das Spiel wunderbar ablenkte. Probleme, die allerdings zum Teil auch erst aus der Mediensucht entstanden waren. Schon als Grundschüler - damals noch in Berlin - schwänzte er permanent die Schule, hatte Stress mit seiner Mutter und kam mit seiner Schwester überhaupt nicht klar. Schließlich kam er in ein Kinderheim in Schleswig-Holstein. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihn das Computerfieber längst gepackt. Als Elfjähriger hatte er seinen ersten Computer gekauft, einen C 64 vom Flohmarkt. Im Jahresrhythmus folgten weitere, immer bessere Geräte. "Meine Freunde konnten schon Counter-Strike spielen. Ich nicht", erinnert sich der Schweriner zurück. "Also jobbte ich, bis ich mir den PC leisten konnte."

Als seine Mutter nach Schwerin zog, ging Tom zu ihr zurück. Neue Schule, keine Freunde, kein Geld für Freizeitbeschäftigungen wie das Segeln, das er während der Zeit im Kinderheim trainieren konnte. Er fing gleich wieder an zu schwänzen, hatte Stress mit seiner Mutter. Der Computer war sein Trost. Nach einem Jahr ging nichts mehr. Er zog aus, ins betreute Wohnen. Da versuchte Tom, der die Schule ohne Abschluss verlassen hatte, noch einmal sein Leben in den Griff zu bekommen. An der Volkshochschule machte er den Hauptschulabschluss und nahm sogar den nächsthöheren Abschluss in Angriff. "Aber dann sollte ich parallel einen Ein-Euro-Job machen", erinnert sich Tom. "Das war nicht zu schaffen, weil auch die Schule jeden Tag mehrere Stunden dauerte." Er schmiss den Job, bekam Sanktionen vom Jobcenter bis zur Komplettstreichung der Hilfe. Zum ersten, aber nicht letzten Mal. "Ich weiß gar nicht, wie ich ohne Geld klarkam. Aber irgendwie ging es", so der 25-Jährige. Um die Volkshochschule weiter zu besuchen, fehlte das Geld aber.

Im Universum von EVE lief es deutlich besser. Aber auch nur, wenn man viel Zeit investierte. Und so fing Tom an, Termine des Jobcenters zu ignorieren. "Das Spiel war wichtiger." Als zum ersten Mal ein Berater vermutete, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmte, und ihn zu einer Untersuchung schicken wollte, hatte Tom sein Problem noch nicht erkannt. "Ich dachte noch, ich hätte alles im Griff." Hatte er aber nicht. Immer wieder Probleme mit dem Jobcenter, schon mehr als 1500 Euro Mietschulden. "Als der Strom abgestellt werden sollte und mir dann auch noch die Wohnung gekündigt wurde, musste ich etwas unternehmen", beschreibt Tom den Wendepunkt. Tom ging zur Beratungsstelle für Mediensucht. "Dass ich wirklich computersüchtig bin, habe ich erst nach einer ganzen Weile und einigen Tests akzeptiert." Die Gespräche mit Detlef Scholz hätten ihm sehr geholfen. "Da hat mir einer zugehört, sich für mich interessiert." Vor allem aber wies der Berater ihm einen Weg aus der Sucht. Er sagte, wie er seinen Tagesablauf ändern sollte, um weniger zu spielen. Er riet ihm, regelmäßig mit Freunden etwas zu unternehmen. "Ohne die Beratung hätte ich gar nicht gewusst, wie ich anfangen soll", sagt der 25-Jährige.

So nahm Tom einen 400-Euro-Job im Supermarkt an. Regale einräumen. Nichts für die Ewigkeit, für den jungen Mann aber ganz wichtig. "Nach der langen Pause brauchte ich ja erst einmal wieder etwas für den Lebenslauf und ich musste sehen, ob ich es schaffe, regelmäßig zur Arbeit zu gehen", erklärt Tom. Er schaffte es. "Nicht ein Fehltag", sagt er stolz. Inzwischen hat er die Zusage für eine Vollzeit-Stelle und ein neues Ziel. Tom möchte eine Ausbildung machen. In welcher Branche ist ihm fast egal. "Durch die Computersucht habe ich mir meine Zukunft ziemlich verbaut. Aber hinterher ist man klüger."

Ganz ausgeschaltet hat er den Rechner nicht. Noch immer verbringt er viel Zeit am Computer. Er schaut Videos auf YouTube, bringt sich das Programmieren von Websites bei. Nur selten spielt er. Bei EVE hatte er sein großes Ziel ja erreicht. "Das hat mir den Ausstieg wohl auch deutlich erleichtert."

*Name von der Redaktion geändert.

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