Urania : Was unsere Stimme verrät

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Die menschliche Stimme gibt Hinweise auf die Psyche, Launen und Krankheiten. Spezielle Software hilft jetzt, den Tonfall zu entschlüsseln. Das kann heikel werden.

svz.de von
11. April 2015, 16:00 Uhr

So ein sprachgesteuerter Fahrkartenautomat ist schon praktisch: „Einmal zweite Klasse von Berlin nach Hamburg, bitte!“ Und schon druckt die Maschine das Ticket. Oder auch nicht. Denn es könnte im Gehäuse eine Software werkeln, die Stimmen analysiert. Womöglich gibt sich der Automat nach der Spracheingabe bockig und zeigt auf seinem Display: „Sie haben Grippe. Um die anderen Fahrgäste im Zug vor einer Infektion zu schützen, bekommen Sie leider keine Fahrkarte. Wir wünschen Ihnen eine baldige Gesundung!“

Noch gibt es einen solchen Automaten nicht, technisch aber ist es kein Problem, anhand der Stimme eine Krankheit zu diagnostizieren. Damit wäre noch mehr vorstellbar, „die Kita zum Beispiel lässt das Kind nicht rein, oder die Verkäuferin rückt keine Kinokarte heraus – weil die aufgezeichnete Stimme auf eine Erkrankung wie Grippe hinweist“, sagt Jarek Krajewski, Wirtschaftspsychologe an der Rheinischen Fachhochschule Köln. Die Stimme ist verräterisch. Die bloße Spannung der Stimmlippen zeigt, wie es in Körper und Seele aussieht.

Ein kleines Mikrofon, ein winziger Prozessor und spezielle Software reichen aus, um die Stimme zu analysieren. Daraus kann die Technik erkennen, ob der Sprecher an bestimmten Krankheiten leidet, sie gibt Aufschluss über seinen Charakter und seine Gefühlslage. Das kann hilfreich sein, wenn sich dadurch Epidemien verhindern lassen. Liegt die seelische und körperliche Befindlichkeit aber in Bits und Bytes vor, könnten auch Unbefugte die Daten abgreifen.

Grippale Infekte oder Heiserkeit durch Überanstrengung zu analysieren, ist für Stimmsoftware kein Problem, schließlich beeinträchtigen sie direkt den Sprechapparat wie Stimmbänder oder den Hals- und Rachenraum und hinterlassen hier ihre Spuren. In der menschlichen Stimme finden sich aber noch weitere Hinweise – zum Beispiel auf psychische und mentale Störungen. „Das Gehirn ist extrem stark vernetzt, und daher gelangen die Spuren vieler Abläufe auch in das Sprachzentrum. Wenn dann im Gehirn irgendetwas nicht richtig läuft, haben wir eine gute Chance, davon auch etwas in der Stimme zu finden“, sagt Audioprofiling-Gründer Jörg Langner. Sein Unternehmen hat ein eigenes Verfahren zur Stimmanalyse, die „Deep Speech Pattern Analysis“, entwickelt. Die Stimmanalytiker müssen dann noch in Zusammenarbeit mit Medizinern und Psychologen herausfinden, welche Stimmveränderungen für welche Fehlfunktionen im Gehirn stehen.

Die Software kann einige Tausend Merkmale erfassen, von Stimmklang und Sprechmelodie bis zu Tonhöhe und Rhythmus. Sie zerlegt die Stimme in winzigste Einzelteile, zoomt in die Details hinein und liefert so manche überraschende Erkenntnis. Kinder mit Aufmerksamkeitsstörung zum Beispiel reden zwar oft viel und klingen sehr lebendig. Heruntergebrochen auf Millisekunden aber zeigt sich, dass die Stimme kaum Variationen aufweist, sie ist regelrecht monoton – im Gegensatz zur Stimme von Kindern, die nicht an ADHS leiden, sondern einfach nur lebhaft sind.

Auch eine Erkrankung an Parkinson schlägt sich in der Stimme nieder. Stimmanalytiker wollen sie bis zu zwei Jahre früher erkennen, bevor Ärzte die ersten körperlichen Anzeichen wie Ruhezittern oder Bewegungsstörungen erfassen. Eine weitere Anwendung: Spricht jemand besonders langsam, tief, kraftlos, behaucht und weniger stark betont als normalerweise, könnten das auf eine Depression hinweisen.

Es wäre möglich, dass jemand in das Mikrofon seines Rechners zu Hause spricht und die Audiosignale über das Internet zu einem Arzt kommen, der anhand der Stimme eine – zumindest vorläufige – Diagnose stellt. So ließe sich auch bei Anrufern einer Seelsorge-Hotline feststellen, ob sie suizidgefährdet sind – auch wenn sie selbst im Gespräch die Absicht abstreiten.

Der Sprecher kann seine wahren Absichten verschleiern, die Stimme aber lügt nicht. Sobald die sensiblen Daten in digitaler Form vorliegen, wird es allerdings heikel: Wie andere Daten auch können sie nur unzureichend vor Zugriffen Dritter geschützt werden.

Zumal Analysesoftware noch weitaus mehr Informationen aus einer Stimme herausholen kann. Geschlecht, Alter und regionale Herkunft sind in wenigen Millisekunden bestimmt, auch Emotionen lassen sich schnell erfassen. Nur unwesentlich komplizierter ist es, anhand der Stimme auf die Persönlichkeit des Sprechers zu schließen. Aber auch das ist mit einer hohen Trefferwahrscheinlichkeit möglich. Emotionale Labilität, Begeisterungsfähigkeit, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit – die „Big Five“, die fünf Hauptdimensionen einer Persönlichkeit können die Analysealgorithmen durchaus herausfinden.

Damit erkennen Ermittler der Polizei, ob der Entführer, der sich am Telefon gemeldet hat, zur Kooperation bereit ist und mit sich reden lässt. Jörg Langner von Audioprofiling nennt ein weiteres Beispiel für einen sinnvollen Einsatz: Psychologen und Pädagogen können benennen, welche Persönlichkeitsmerkmale ein Lehrer für eine erfolgreiche Berufsausübung aufweisen sollte, zum Beispiel Verträglichkeit, Offenheit und Gewissenhaftigkeit. Noch vor Beginn eines Lehramtsstudiums geben angehende Studenten eine Stimmprobe ab. „Das müsste natürlich freiwillig sein, und außer dem Bewerber selbst sollte niemand etwas über das Ergebnis des Tests erfahren“, wie Langner einschränkt. „Aber wäre es nicht sinnvoll und menschenfreundlich, jene tragischen Fälle von falscher Berufswahl, für die wir wohl alle aus unserer eigenen Schulzeit Beispiele kennen, frühzeitig zu verhindern?“

Die Ergebnisse einer Stimmanalyse kann auch Geld bringen. Wenn zum Beispiel Callcenter eine Software einsetzen, die heraushört, ob der Anrufer aufgeschlossen ist gegenüber Angeboten für neue Produkte. Illegal wäre auch der Einsatz solcher Software in einem Vorstellungsgespräch, vor allem, wenn heimlich aufgezeichnet würde. „Technisch ist das aber natürlich möglich. Anhand bestimmter Merkmale wie Betonung und Stimmhöhe lässt sich erkennen, ob der Bewerber eher der Machertyp oder eher verschlossen und ängstlich ist. Auch Hinweise auf seine Teamorientiertheit kann man damit finden“, sagt Krajewski. Ob jemand verträglich, gewissenhaft, übermüdet, alkoholisiert oder aufgeregt ist, oder unter einer Erkrankung leidet, erkennt die Software oft mit einer Trefferquote von 90 Prozent, sagt Langner. „Die Sprachanalyse ist dennoch nicht so exakt wie ein Röntgenbild oder ein Elektrokardiogramm (EKG).

Der Sprachklang wird immer von Unwägbarkeiten wie aktueller Situation, Stimmung oder auch einer simplen Erkältung beeinflusst. Das versuchen wir natürlich bei der Entwicklung der Algorithmen zu berücksichtigen.“

Der – unbemerkte – mobile Einsatz der computergestützten Stimmanalyse wäre durchaus möglich: „Die Technik dafür passt auf jeden Fall in ein Smartphone“, so Krajewski. Es könnte jemand ein Gespräch mit dem Smartphone mitschneiden und die Stimme seines Gegenübers auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale abklopfen: „Ob jemand zum Beispiel feindselig gesinnt ist oder einen eher bemuttern möchte. Oder auch, ob jemand gerade flirtet“, sagt Krajewski.

Ob es jedoch hilfreich für ein näheres Kennenlernen ist, wenn eine Software Flirtbereitschaft signalisiert, die das Ohr noch gar nicht wahrnehmen kann, dürfte zweifelhaft sein.



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