Nicht vergessen: Die Sommerzeit beginnt! : Viel Aufregung wegen einer Stunde

<strong>In der Nacht zu Sonntag</strong> werden die Uhren um eine Stunde - von 2 auf 3 Uhr - vorgestellt. Nicht jeder kommt damit sofort klar.<fotos>dpa</fotos>
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In der Nacht zu Sonntag werden die Uhren um eine Stunde - von 2 auf 3 Uhr - vorgestellt. Nicht jeder kommt damit sofort klar.dpa

In der Nacht zum Ostersonntag beginnt die Sommerzeit, die Uhren werden eine Stunde vorgestellt – statt 2 ist es 3 Uhr. Viele Menschen verspüren deshalb eine Art Mini-Jetlag. Wie unsere innere Uhr damit klarkommt:

svz.de von
29. März 2013, 05:05 Uhr

Der Zeit wird es egal sein, dass wir so tun, als könnten wir sie beeinflussen. Unserer inneren Uhr hingegen geht das halbjährliche Hin und Her ordentlich auf den Wecker. Sie funktioniert bei jedem Menschen wie ein individuell eingestimmtes Orchester: Ein plötzlicher Tempowechsel, ein neuer Dirigent - und schon gerät es aus dem Takt. Auch wenn sich Körper und Psyche seit Jahren an die Non-Stop-Gesellschaft anpassen und eine kleine Zeitumstellung nicht weiter ins Gewicht fallen dürfte: Die ständigen Einmischungen von außen nehmen sie offenbar nicht ungerührt hin.

Auch der willkürliche Eingriff der Zeitumstellung beeinträchtigt das fein ausbalancierte Zusammenspiel unserer Organe und Körperfunktionen und bereitet zahlreichen Menschen gesundheitliches Unbehagen. Konzentrationsschwäche, Herz-Kreislauf-Probleme, Appetitlosigkeit und Veränderungen von Puls und Blutdruck seien einige der Auswirkungen, sagt Horst-Werner Korf, Direktor des Dr. Senckenbergischen Chronomedizinischen Instituts der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Alles halb so schlimm, meint hingegen der Erfurter Schlafmediziner Bernd Mross: "Ein Jetlag nach einem Flug ist mit Sicherheit schwerer zu verkraften." Es ginge um eine Stunde weniger Schlaf, mehr sei nicht dran an der Sache. Durch die Umstellung kämen vor allem Menschen ins Schleudern, deren Lebensrhythmus sehr genau getaktet sei.

Besonders (Nacht-)Eulen haben mit dem "Verlust" einer Stunde am Beginn der Sommerzeit zu kämpfen. Die Morgenstund’ hat vor allem für Lerchen Gold im Mund, denn das öffentliche Leben in Deutschland ist eher auf Frühaufsteher geeicht. Einer Eule zu erklären, sie solle früher schlafen gehen, sei allerdings sinnlos, meinen Wissenschaftler der amerikanischen Vanderbilt University in Nashville/Tennessee. Vielmehr, so vermuten sie, seien für den Chronotyp eines Menschen seine Gene, der Geburtsmonat beziehungsweise dessen Lichtverhältnisse entscheidend. Andere Forscher wie der Österreicher Maximilian Moser gehen davon aus, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens einen chronobiologischen Zyklus durchläuft. Studenten seien zum Beispiel typische Abendmenschen, so Moser, während "ab etwa 50 Lebensjahren wieder der Morgenmensch zum Tragen" käme. Auch zwischen den Geschlechtern gebe es Unterschiede. Frauen sind laut Moser weniger bei den Abendtypen zu finden, während Männer zwischen 20 und 30 Jahren überwiegend zu Nachteulen werden.

Diese Erkenntnisse haben nicht nur einen großen Wert für die Arbeitsorganisation in Firmen, sondern auch für die Medizin. Dass die gleichen Medikamente bei Frauen und Männern verschieden dosiert werden sollten und unterschiedlich wirken können, ist inzwischen bekannt. Maximilian Moser geht noch einen Schritt weiter und sagt, dass es auch auf die Tageszeit der Einnahme ankomme: "In jedem Organ und jeder Körperzelle finden im Laufe des Tages abwechselnd Abbau-, Aufbau- und Speicherungsprozesse statt. Je nachdem, in welchem Zustand das Arzneimittel auf die Körperzellen trifft, reagieren diese auf die zugeführten Substanzen unterschiedlich." Das heißt: "Durch die Uhrzeit der Einnahme kann so die Wirkung maximiert, die Nebenwirkung aber minimiert werden. Schmerzmittel wirken beispielsweise zu Mittag besser als um 3 Uhr morgens, die Einnahme von Blutdrucksenkern ist am Abend günstig."

Der Forscher und Geschäftsmann Jan-Dirk Fauteck sowie der Journalist Imre Kusztrich kommen zu ähnlichen Schlüssen und empfehlen, sich - so gut es eben geht - weniger von äußeren Einflüssen abhängig zu machen und sich wieder mehr auf den eigenen Körper und dessen Rhythmus einzustellen. Eulen sind also nicht dazu verdammt, den Alltag der ersten ein, zwei Wochen Sommerzeit nur im Halbschlaf zu bewältigen oder sozial auffällig zu werden, weil ihnen eine Stunde Nachtruhe fehlt. Sich ein Lerchen-Leben anzutrainieren wäre jedoch auch nicht sinnvoll. Allerdings können morgendliche Zeitfresser - wie Kleidersuche, Frühstückstisch decken, Fahrradschlüssel finden - bereits am Abend zuvor erledigt werden. So kann die Nachtruhe in etwa gleich lang dauern. Ebenfalls hilfreich ist es, das Zimmerlicht bereits ein, zwei Stunden vor dem Zubettgehen zu dimmen, um die Produktion des Schlafhormons Melatonin anzuregen, und Wechselduschen am nächsten Morgen bringen den Kreislauf zügig in Schwung.


Buchtipps:
Jan-Dirk Fauteck und Imre Kusztrich, Leben mit der inneren Uhr. Wie die Chronobiologie unsere Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft beeinflusst, Econ, 2006

Till Roenneberg, Wie wir ticken - Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben, Dumont, 2012

Michel Baeriswy, Chillout: Wege in eine neue Zeitkultur, dtv premium, 2000

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