Besuch auf einem Ausnahme-Bauernhof : Bauern trennen Kuh und Kalb – ein Landwirt macht es anders

Ein gerade erst geborenes Kalb. Foto: U. Grabowsky/photothek.net
Ein gerade erst geborenes Kalb. Foto: U. Grabowsky/photothek.net

Kälber werden meist nach der Geburt von den Mutterkühen getrennt. Hans Möller wählt einen anderen Weg. Was ist besser?

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03. Oktober 2018, 05:00 Uhr

Lentföhrden | Wer das Bauernhof-Idyll aus Kinderbuch-Tagen sucht, der wird auf dem Hof von Hans Möller in Schleswig-Holstein fündig: Gemächlich trotten die Kühe über die Weide in Lentföhrden und fressen das Gras zwischen den Obstbäumen. Immer an ihrer Seite: die Kälber.

 

Was auf dem Betrieb ganz selbstverständlich wirkt, ist in der Milchproduktion die große Ausnahme. Auf den allermeisten der 64.000 Bauernhöfe mit Milchkühen in Deutschland werden Kalb und Kuh kurz nach der Geburt getrennt. Das gilt auch für Biobetriebe. Nur eine Handvoll Landwirte macht es anders. Möller ist einer von ihnen.

Die Kunden wollten es wissen

Der Impuls dazu sei von den Verbraucher ausgegangen, erzählt Möller, 53 Jahre, hochgewachsen und mit Gesten so raumgreifend, als wolle er jeden Zweifel bei Seite wischen.

Der Bio-Bauer sagt: "Ich konnte darauf nur die Standardantwort geben." Und die lautete: Kaum auf der Welt wurden Kalb und Kuh voneinander getrennt. So wird das eben gemacht und gelehrt.

Trotz dieser nachvollziehbaren Gründe für die Trennung, begann Möller den Status Quo zu hinterfragen. Heute sagt er: "Kuh und Kalb gehören einfach zusammen. Das ist natürlich." Er stellte den Betrieb um. Dadurch kann Möller pro Kuh und Jahr heute zwar bis zu 1500 Liter Milch weniger verkaufen, doch die Milch sei gut angelegt in den Kälbern, findet er. Diese würden sich prächtig entwickeln und seien auch seltener krank als früher. Das bringt einen weiteren Vorteil mit sich: Weniger Tiere sterben frühzeitig.

Möller gehört zu der Sorte von Landwirten, die ihre Arbeit gut vermarkten können. Er ist nicht nur Bauer, sondern auch Versicherungskaufmann. Eine Werbeagentur berät ihn und zwei weitere Kollegen, mit denen er sich zusammengeschlossen hat. Doch seine Erfahrungen scheinen mehr zu sein als reine Eigenwerbung.

Das sagen Wissenschaftler

Die niederländische Wissenschaftlerin Reina Ferwerda-van Zonneveld von der Universität Wageningen sagt: "Es gibt Hinweise darauf, dass es sich positiv auf die Gesundheit und letztlich auch die Leistungsfähigkeit von Kühen auswirkt, wenn Kälber nicht länger von ihrer Mutter getrennt werden." Möglicherweise lohne sich bei langfristiger Betrachtung die Umstellung der Produktion sogar. Dafür fehle es aber noch an weitergehender Forschung.

Das bestätigt ihre deutsche Kollegin Kerstin Barth vom bundeseigenen Thünen-Institut. "Bisher haben wir noch keine Informationen zur ökonomischen Tragfähigkeit. Es fehlt an Untersuchungen." Die Wissenschaftlerin sagt aber auch:

Ferwerda-van Zonneveld führt noch ein weiteres Argument gegen die frühe Trennung an: die hohe Kälbersterblichkeit. Für die Niederlande beziffert sie die Quote mit zehn Prozent, sprich: jedes zehnte Kalb stirbt frühzeitig. Für Deutschland sind keine exakten Zahlen bekannt.

Geringere Kälbersterblichkeit?

Die Wissenschaftlerin sagt: "Ich bin überzeugt: Die Sterblichkeit ließe sich auf ein bis zwei Prozent drücken, wenn die Bedürfnisse der Kälber erfüllt werden." Und das könne eben auch bedeuten: Das Kalb bei der Kuh zu belassen. "Wenn der Bauer das Kalb von der Kuh trennt, dann übernimmt er damit die Verantwortung der Kuh für das Jungtier."

Bei Landwirt Möller endet die Verantwortung der Kuh für das Kalb erst nach rund einem Monat: Nach 90 bis 100 Tagen beginnt er damit, die Jungtiere zu entwöhnen. Eine Klappe in der Nase verhindert, dass sie weiter an die Milch im Euter gelangen:

Möller hat es geschafft, eine Geschäftsmodell für seine Art der Milchproduktion zu etablieren. "Elternzeit für unsere Kühe" ist auf die Milchtüten gedruckt. Sie stehen in Supermärkten im Umland von Hamburg und sind deutlich teurer als konventionelle Milch. Zwischen 1,79 und 1,99 Euro liegt der Ladenpreis für den Liter.

Wären mehr Verbraucher bereit, für "Elternzeit-Milch" mehr Geld auszugeben? Zumindest begrüßen sie diese Art der Milchproduktion, hat Gesa Busch von der Freien Universität Botzen bei einer Befragung von 500 Verbrauchern herausgefunden.

Busch fasst zusammen: "Die emotionale Bindung zwischen Kuh und Kalb ist extrem wichtig für viele der Befragten. Das Argument schlägt Aspekte der Tiergesundheit und der Wirtschaftlichkeit, die eher für eine frühe Trennung sprechen." Möglicherweise liegt hier also für weitere Landwirte eine Marktlücke.

Kerstin Barth vom Thünen-Institut rechnet aber nicht damit, dass sich am Nischen-Dasein der Elternzeit-Milch so schnell etwas ändert. Sie sagt: "30 Jahre und mehr ist jetzt ein anderes System propagiert und sind entsprechende Ställe gebaut worden. Für eine Umstellung müssen neue Konzepte erst erarbeitet werden, das braucht Zeit."

Und dazu müsste umgedacht werden. Das ist laut Reina Ferwerda-van Zonneveld die größte Herausforderung. "Für die meisten Bauern ist es selbstverständlich Kuh und Kalb nach der Geburt zu trennen. Das haben ihre Väter und Großväter schon gemacht." Diejenigen, die es anders machen wollen, müssten mit Widerständen rechnen. Bauer Möller in Schleswig-Holstein ist zufrieden: "Für mich und meinen Hof haben wir den richtigen Weg gefunden."


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