Stechender Schmerz in der Brust

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20. Juni 2012, 12:51 Uhr

Karlsburg | Es passierte am Dienstag vor Himmelfahrt. Werner Bülow hatte frei, wollte sich zu Hause in Klein Luckow im Garten nützlich machen. Gegen Mittag bekam er plötzlich Brustschmerzen, die Luft wurde knapp. Der Schweiß brach dem 48-Jährigen aus allen Poren, schließlich wurde ihm auch noch schwindlig. "Ich bin reingegangen und hab mich an den Tisch gesetzt, aber es wurde immer schlimmer." Er sei zwar nicht panisch geworden, aber Angst habe ihm das Ganze doch gemacht. Deshalb, so Werner Bülow, hätte er auch relativ schnell zum Telefon gegriffen und die 112 gewählt.

Für den Rettungsarzt ein klarer Fall: Verdacht auf Herzinfarkt. Per Hubschrauber ließ er den Patienten nach Karlsburg bringen - "zehn Minuten hat das nur gedauert", erinnert sich der Traktorist, der heute mit zeitlichen Abstand schon ein wenig bedauert, dieses Abenteuer gar nicht so richtig mitbekommen zu haben. "Mit dem Rettungswagen hätte es möglicherweise eine Stunde gedauert, so aber war ich ganz schnell im Herzkatheterlabor, wo mir auch gleich ein Stent gelegt wurde."

Symptome vor allem bei Frauen sehr diffus

Weil die Behandlung so schnell begann, konnte Werner Bülow schon eine Woche darauf wieder nach Hause entlassen werden und von dort aus wenige Tage später zur Reha fahren.

"Leider sind längst nicht bei allen Patienten die Symptome eines Herzinfarktes derart eindeutig", bedauert Dr. Peter Szigat, Oberarzt am Klinikum Karlsburg. Ein Gefühl, als lege sich ein Reifen um die Brust, länger anhaltende, oft brennende oder ziehende Schmerzen, die auch bei tiefem Einatmen nicht verschwinden und die nicht selten aus dem Brustkorb in andere Regionen des Körpers ausstrahlen - das seien Anzeichen eines Herzinfarktes, die die meisten kennen und bei denen sie deshalb auch richtig reagieren würden. Vor allem bei Frauen aber kündigte sich ein Infarkt oft ganz anders an - mit Übelkeit, Erbrechen, Schlappheit, Rückenschmerzen oder auch kurzen Ohnmachten. "Geht es einer Frau nicht gut, muss man immer auch an einen Herzinfarkt denken", betont Dr. Szigat deshalb. Auch Menschen, in deren Familie es bereits Herzinfarkte gab, und Raucher sollten lieber einmal mehr den Notarzt alarmieren, wenn sie sich schlecht fühlten, denn sie gelten als besonders Herzinfarkt-gefährdet.

Sterblichkeit durch neue Verfahren gesunken

Bei einem Herzinfarkt stirbt ein Teil des Herzmuskels ab, weil Gefäße verschlossen sind, die das Organ normalerweise mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen. Mehr als 250 000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr dieses Schicksal. Männer sind öfter als Frauen betroffen. Bei ihnen tritt der Infarkt bislang nicht nur häufiger, sondern auch wesentlich früher auf. Frauen - nicht zuletzt, weil immer mehr von ihnen rauchen - holen aber zunehmend auf. Das Risiko, an den Folgen eines Herzinfarkts zu sterben, ist für das "schwache" Geschlecht schon jetzt höher als für Männer.

Dennoch gibt es eine gute Nachricht: Auch wenn schwere Herzerkrankungen in Deutschland nach wie vor die Todesursache Nummer eins sind, ist die Sterblichkeit nach Herzinfarkten in den vergangenen drei Jahrzehnten um 70 Prozent zurückgegangen. Ein Hauptgrund sind schonende, interventionelle Behandlungen, die heute angewendet werden. "Früher war die Behandlung der Wahl eine medikamentöse Auflösung des Gerinnsels, welches das Gefäß im Herzen verstopfte", erläutert Dr. Szigat. Auch heute kann diese Lyse-Therapie noch angewendet werden. "Bevor-zugtes Verfahren ist aber, das Gefäß im Zuge einer Katheteruntersuchung mit einem Ballon aufzudehnen. In den meisten Fällen wird auch gleich während dieses minimal-invasiven Eingriffs ein Stent implantiert, der das Gefäß künftig offen hält."

Überlebenswichtig für den Patienten sei, dass er bei einem Herzinfarkt so schnell wie möglich in ein Herzkatheterlabor gebracht wird. "In Mecklenburg-Vorpommern gibt es genügend derartige Einrichtungen, sodass das eigentlich kein Problem sein kann", betont der Oberarzt. Das Karlsburger Klinikum geht jedoch in puncto Versorgungsqualität noch weiter: Es erhielt als erste Klinik in Mecklenburg-Vorpommern das Zertifikat "Chest Pain Unit" (zu deutsch: Brustschmerzeinheit) der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Mittlerweile sind auch die Rostocker Universitätsmedizin und die Schweriner Helios Kliniken entsprechend zertifiziert.

"Die Leitlinien fordern, dass in einer Chest Pain Unit nach ärztlichem Erstkontakt bis zur Eröffnung des Infarktgefäßes weniger als 120 Minuten verstreichen", so der Ärztliche Direktor des Karlsburger Klinikums, Prof. Dr. med. Wolfgang Motz. "Diese Zeitlimits werden bei uns eingehalten" - nicht zuletzt dank der hervorragenden technischen Ausstattung des Hauses, in dem es einschließlich des ebenfalls für derartige Untersuchungen geeigneten Hybrid-OPs gleich fünf Herzkatheterlabore gibt. 500 bis 600 Herzinfarkt-Patienten werden jährlich in Karlsburg behandelt, mehr als die Hälfte von ihnen ist älter als 70 Jahre. Und: "Bei fast 30 Prozent der Herzpatienten müssen wir heute auch eine Diabetes-Erkrankung feststellen, und bei einem noch größeren Anteil finden sich Risikofaktoren wie zum Beispiel Übergewicht und Fettstoffwechsel störungen, die einer Diabetes-Erkrankung vorausgehen", konstatiert Prof. Motz. "Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen also nicht nur zu den großen Volkskrankheiten, sie sind auch eng miteinander verbunden."

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