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Preisbremse für Arzneimittel : Rezept gegen „Mondpreise“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Regierung will Preisbremse bei Arzneien etwas anziehen – Hintergründe zu den Ergebnissen des „Pharma-Dialogs“

Als Pharma-Standort soll Deutschland erfolgreich bleiben. Doch einen allzu starken Anstieg der Arzneimittelausgaben will Gesundheitsminister Hermann Gröhe verhindern. Mehr als anderthalb Jahre hat der CDU-Politiker mit Gewerkschaften und Industrie über ein Maßnahmenpaket verhandelt, das jetzt in Gesetze gegossen werden soll. Hintergründe zu den Ergebnissen des „Pharma-Dialogs“:


Wie stark ist die Pharmaindustrie in Deutschland?

Die Umsätze der Branche lagen im vergangenen Jahr bei rund 46 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2007 waren es noch rund 37 Milliarden Euro. Zuletzt wurden knapp sechs Milliarden Euro pro Jahr in die Forschung für neue Arzneimittel investiert. 2014/15 sind 85 neue Medikamente zugelassen worden, die meisten für seltene Erkrankungen.


Warum besteht Handlungsbedarf?

Die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen waren zuletzt deutlich gestiegen – von 29,1 Milliarden Euro im Jahr 2011 auf 33,4 Milliarden Euro im Jahr 2014. Beschleunigt wird der Anstieg vor allem von Ausgaben für neue hochwirksame Medikamente. Als Paradebeispiel dafür gilt das Hepatitis-C-Mittel „Sovaldi“. Eine Tablette kostete zunächst 700 Euro, womit die gesamte Therapie mindestens 100 000 Euro erforderte. Inzwischen erhält der Hersteller nach neuen Preisverhandlungen noch 488 Euro pro Pille. Kritiker sprechen in solchen Fällen von „Mondpreisen“.


Was ändert sich bei den Preisen für neue Medikamente?

Bislang dürfen Hersteller den Preis im ersten Jahr selbst festlegen. Danach gilt der so genannte Erstattungsbetrag, der unter Berücksichtigung des Zusatznutzens des Mittels mit den Krankenkassen verhandelt wird. Künftig sollen die Hersteller den im ersten Jahr freien Preis nur bis zum Erreichen einer bestimmten Umsatzschwelle abrechnen dürfen. Diese soll unterhalb der 500-Millionen-Euro Grenze liegen, nach Angaben des Gesundheitsministers womöglich bei 250 Millionen Euro. Wird diese Schwelle erreicht, gilt nur noch der niedrigere Erstattungsbetrag. Dafür kommt Gröhe der Industrie an anderer Stelle entgegen: Die mit den Kassen ausgehandelten Rabatte sollen künftig vertraulich bleiben.


Wie soll der Preiswettbewerb erhöht werden?

Wird ein Rabattvertrag ausgehandelt, müssen die Hersteller künftig erst nach sechs Monaten liefern. Damit sollen auch kleinere mittelständische Unternehmen ohne größere Lagerbestände die Chance erhalten, zum Zuge zu kommen.


Wird die Information über Kosten und Nutzen von Arzneimitteln verbessert?

Ja. Bislang wird während des ersten Jahres, in dem ein Präparat auf dem Markt ist, eine umfangreiche Kosten-Nutzen-Bewertung erarbeitet. Die meisten Mediziner würden sich nicht über die Ergebnisse informieren, heißt es. Daher sollen die Erkenntnisse künftig direkt in die Praxissoftware eingespeist werden. Der Mediziner bekäme so vor der Verschreibung Hinweise auf den Bildschirm, ob das Präparat seiner Wahl besser oder schlecht wirkt als ein anderes.


Welche Maßnahmen plant Gröhe darüber hinaus?

Um Engpässe bei wichtigen Arzneimitteln zu verhindern, soll es künftig einen regelmäßigen Austausch zwischen der Industrie und den zuständigen Bundesbehörden geben. Außerdem soll die Antibiotika-Forschung intensiviert werden, um Resistenzen zu vermeiden. Die Zahl der verfügbaren Kinderarzneimittel wollen Industrie und Regierung erhöhen.

 

Gröhes Geheimnis – ein Kommentar von Rasmus Buchsteiner

Die Bundesregierung setzt immerhin auf eine kleine Preisbremse, damit die Arzneimittelausgaben nicht aus dem Ruder laufen. Der Pharmaindustrie eilt der Ruf voraus, mit Scheininnovationen, die auf minimalen Wirkstoff-Änderungen basieren, aber bei näherer Betrachtung kaum medizinischen Zusatznutzen bringen, Kasse machen zu wollen. Dass Gesundheitsminister Gröhe „Mondpreise“ und das damit verbundene Abkassieren auf Kosten der Solidargemeinschaft der Versicherten eindämmen will, ist löblich.

Doch weshalb er sich auch nach anderthalb Jahren Pharma-Dialog mit Herstellern, Gewerkschaften und Experten nicht festlegen will, ab welcher Umsatzhöhe die Preisbremse greifen soll, bleibt sein Geheimnis. Eine wirksame Begrenzung der Kosten ist das A und O.

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