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Ratgeber

20. November 2017 | 16:44 Uhr

Rettet den Feierabend!

vom

svz.de von
erstellt am 16.Aug.2012 | 06:38 Uhr

Früher war nicht alles besser, aber manches einfacher. Die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit zum Beispiel ist heute oft nicht mehr klar zu ziehen. Wenn es zu Opas Zeiten "Feierabend!" hieß, dann war das in vielen Betrieben das Signal, dass nun Schluss mit der Arbeit sein sollte. So einfach ist das heute nicht mehr. Die "Entgrenzung von Arbeit und Freizeit" nennt Wolfgang Panter das. Er ist Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Wo sich beides nicht mehr auseinanderhalten lässt, gibt es keinen Feierabend mehr.

Wie weit die Entgrenzung der Arbeit inzwischen vorangeschritten ist, zeigt auch der neue Fehlzeitenreport der AOK. Bei der ihm zugrunde liegenden repräsentativen Umfrage unter Erwerbstätigen sagte jeder Dritte (33,8 Prozent), er habe in den letzten vier Wochen häufig berufliche Anrufe oder E-Mails außerhalb der Arbeitszeit erhalten. Ebenfalls jeder Dritte (32,3 Prozent) macht regelmäßig Überstunden. Rund jeder Achte (12 Prozent) nimmt Arbeit mit nach Hause. Jeder Zehnte (10,6 Prozent) arbeitet auch sonn- und feiertags. Der klassische Bürojob von "neun bis fünf" scheint für viele Arbeitnehmer längst Geschichte zu sein.

Auffällig dabei ist: Je mehr die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit aufgehoben wird, umso häufiger treten psychische Beschwerden auf. So haben etwa Menschen, die häufig am Sonntag oder an Feiertagen arbeiten oder wegen des Jobs private Aktivitäten verschieben, öfter mit Beschwerden wie Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen, Nervosität oder Reizbarkeit zu kämpfen als Arbeitnehmer, die dies selten oder gar nicht machen.

Für eine deutliche Trennung von Arbeit und Freizeit sei es hilfreich, sich selbst klare Regeln zu geben, betont Wolfgang Panter. Etwa dafür, wann das Einloggen ins Firmennetzwerk am Wochenende definitiv tabu ist oder wann abends das Handy ausgeschaltet wird. Mails noch kurz vor dem Einschlafen zu lesen, sei ohnehin nicht zu empfehlen, sagt Panter. Wer das sein lässt, schläft in der Regel ruhiger. Hilfreich sei oft schon, sich klarzumachen, warum der Feierabend so heißt: "Ich feier, also genieße den Abend." Und dann sollte Zeit sein für Dinge, die mit der Arbeit nichts zu tun haben.

Auch technische Entwicklungen fressen viel Zeit

Dass der Druck am Arbeitsplatz zunimmt, ist nicht nur gefühlt so. Nach Einschätzung der Bundespsychotherapeutenkammer in Berlin fallen immer mehr Arbeitnehmer wegen psychischer Erkrankungen aus. Statistisch gesehen sind 12,5 Prozent aller Fehltage auf sie zurückzuführen. Vor allem die Zahl der Krankentage wegen Burnout-Symptomen hat erheblich zugenommen: Waren es 2004 nur 0,6 Fehltage pro 100 Versicherte, stieg die Zahl 2011 auf 9 Tage.

Verlässliche Daten dazu, wie stark der Stress am Arbeitsplatz zugenommen hat, gebe es kaum, sagt Birgit Köper von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. "Stress ist auch ein subjektives Phänomen." Grundsätzlich sei die Zunahme psychischer Belastungen und psychischer Erkrankungen aber unstrittig. Während sich beim Thema Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit viel getan hat, seien die Betriebe bei der Prävention der neuen Gesundheitsrisiken noch ganz am Anfang.

Ein Grund für die Entwicklung ist nach Panters Überzeugung, dass die Arbeitszeitverkürzung der vergangenen Jahrzehnte zu einer Verdichtung der Arbeit geführt hat. Vor allem habe jedoch die Komplexität der Arbeit enorm zugenommen - zum Beispiel in den Handwerksberufen. Früher habe jeder Elektriker Schaltpläne problemlos lesen können. Inzwischen sei das so kompliziert geworden, dass es den ein oder anderen überfordere. "Wir hatten in den vergangenen 10 oder 15 Jahren insgesamt eine rasante technologische Entwicklung", sagt Panter. "Für viele Arbeitnehmer bedeutet das ständige Änderungen." Wer sich gerade an eine Software-Version gewöhnt hat, muss kurz danach schon auf die nächste umlernen.

Auch Handys seien ein Alltagsarbeitsmittel, die die Arbeitswelt weitreichend verändert haben. Viele Arbeitnehmer sind dadurch einfacher auch außerhalb der Arbeitszeit zu erreichen: "Wer früher im Urlaub war, der war weg, den konnte man nicht anrufen", sagt Panter.

Längst gebe es eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit. Das gelte nicht für alle Arbeitnehmer, aber für immer mehr. Und Vorgesetzte, die gewohnt sind, praktisch immer angerufen werden zu können, vermitteln diese Haltung im Betrieb auch an andere, ist Panter überzeugt. Auch das trägt dazu bei, dass der Feierabend verschwindet.

Mobil zu arbeiten und bei den Arbeitszeiten flexibel zu sein, habe natürlich auch Vorteile, sagt Svenja Hofert, die als Coach in Hamburg arbeitet. "Viele Arbeitnehmer wünschen sich das ausdrücklich." In der IT-Branche beispielsweise sei das auch nichts Besonderes. "Kernarbeitszeiten von 9 bis 16 Uhr finden da viele doof." Aber unterm Strich führe das eben oft dazu, dass mehr gearbeitet wird. Hinzu kommt, dass nicht jeder perfekt in Selbstorganisation sei. Dann ufern Arbeitszeiten schnell aus.

"Wenn es zu viel wird, sollte man das ansprechen - auch wenn die Hemmschwelle hoch ist", rät Svenja Hofert. "Am besten gegenüber dem direkten Vorgesetzten." Dass sich viele das nicht trauen und einfach weitermachen, sei eine der Ursachen für die Zunahme der Burnout-Fälle, so Hofert.

Lange Wege zur Arbeit stressen

Die Anfahrt zum Job dauert idealerweise nicht länger als 45 Minuten. Sind Arbeitnehmer länger unterwegs, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie erkranken, sagte Heiko Rüger. Der Soziologe forscht am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zum Thema berufsbedingte Mobilität. So klagten Pendler, die pro Tag mindestens zwei Stunden für Hin- und Rückweg unterwegs sind, öfter unter anderem über einen schlechten Gesundheitszustand oder depressive Verstimmungen. Grund ist, dass Arbeitnehmer mit langen Anfahrtszeiten bereits auf dem Weg zur Arbeit viel Stress haben. „Auf der Autobahn gibt es einen Stau, oder die Bahn ist zu spät“, sagte Rüger. Dann liegen schnell die Nerven blank.

Aus dem Fehlzeitenreport geht hervor, dass Pendeln das Risiko für psychische Erkrankungen erhöht. Wer dennoch pendeln muss, sollte den Arbeitgeber um flexible Arbeitszeiten bitten, empfiehlt Rüger. Denn wer nicht auf die Minute pünktlich erscheinen muss, könne Staus oder Bahnverspätungen gelassener ertragen. Ob Pendeln mit Bahn oder Auto gesünder ist, hat die Forschung noch nicht beantwortet. „Das hängt vermutlich auch von individuellen Vorlieben ab“, sagte Rüger. Den einen nervten die Mitreisenden in der Bahn, den nächsten, dass er beim Autofahren nichts anderes machen könne. Rüger rät, beides auszuprobieren. Der erste Schritt zum „gesunden“ Pendeln sei, seine Gewohnheiten nicht als alternativlos zu begreifen.

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