Zeigerdrehen bleibt umstritten - FDP plädiert für ganzjährige Sommerzeit

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28. März 2008, 02:10 Uhr

(Zusammenfassung - Wiederholung vom Samstag) Zeigerdrehen bleibt umstritten - FDP plädiert für ganzjährige Sommerzeit - Umweltbundesamt schließt erneute Überprüfung nicht aus --Von --=

Berlin - Das seit 1980 in Deutschland angeordnete Zeigerdrehen im Frühjahr und Herbst bleibt umstritten: Umwelt-, Energie- und Gesundheitsexperten sprechen sich für ein Überprüfen der Zeitumstellung aus. Selbst nach Ansicht der Bundesregierung besteht aus umweltpolitischer Sicht keine Notwendigkeit für die Beibehaltung dieser Regelung, wie die FDP-Energieexpertin Gudrun Kopp am Wochenende unter Verweis auf eine entsprechende Antwort auf eine Kleine Anfrage sagte.

Eine Woche vor dem diesjährigen Uhrenumstellen am 30. März kann sich der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Andreas Troge, deshalb unter bestimmten Bedingungen einen neuerlichen Vorstoß vorstellen. Mitte Dezember war im Bundestag eine parlamentarische Initiative der Liberalen für eine ganzjährige Sommerzeit abgelehnt worden. Mediziner halten die Umstellung für gesundheitsschädlich, weil sie zu Schlaf- und Konzentrationsstörungen führen kann.

Sobald EU-weite, belastbare Ergebnisse vorlägen, stehe eine Überprüfung der Sommerzeit an, kündigte Troge an. „Wie schnell dies gehen wird, hängt davon ab, wie wichtig man das Problem erachtet.“ Nach jüngsten US-Forschungsergebnissen bringt das einstündige Zeigervor- und -zurückdrehen den Privathaushalten keine Energieersparnis. Wenn belegt werden könne, dass Sommer- und Winterzeit sogar zu einem höheren Energieverbrauch führe, wäre dies „natürlich ein ernstzunehmendes Argument gegen die Zeitumstellung“, sagte Troge.

Auch das „oft als lästig empfundene Umstellen der Uhren würde wegfallen - man denke nur an all jene in öffentlichen Gebäuden, die nachjustiert werden müssen“, sagte der UBA-Chef.

Die FDP setzt sich trotz Abstimmungsniederlagen im Bundestag nachdrücklich für eine ganzjährige Sommerzeit ein. Die EU-weite Umstellung Ende März und Oktober sei ein „nutzloser Unsinn, der unnötigen bürokratischen Aufwand nach sich zieht und nur Geld kostet“, sagte Kopp. „Heute arbeiten weitaus mehr Menschen im Dienstleistungsbereich als im Agrar- und Industriesektor und beginnen damit ihren Job viel später als das früher der Fall war“, begründete die Bundestagsabgeordnete ihren Standpunkt. Zudem erhöhe die zusätzliche Tageshelligkeit am Abend die Freizeit- und Tourismusmöglichkeiten.

30 Jahre nach der Verabschiedung des Zeitgesetzes sei weder aus ökonomischer noch ökologischer Sicht ein „wirklicher Nutzen“ erkennbar. Selbst die vermuteten Energieeinsparungen seien bislang nicht nachweisbar eingetreten, wie die US-Studie zeige. Vielmehr entstünden Privathaushalten, Unternehmen und Verwaltungen ein technischer Mehraufwand beim Umstellen von Uhren und Maschinen. Kopp betonte: „Was sich nicht bewährt hat, sollten wir verändern.“

Jürgen Zulley, einer der bekanntesten Schlafforscher Deutschlands, weiß: Nicht wenige empfindsame Menschen leiden unter Störungen ihres Biorhythmus. Erhebungen zufolge hätten 40 bis 60 Prozent der Bundesbürger Probleme nach dem einstündigen Zurückstellen der Uhr im Frühjahr, sagte der Mediziner des Universitäts- und Bezirksklinikums Regensburg. „Manche leiden ein bis zwei Tage, mache zwei Wochen, einige können sich nie umstellen, da dies gegen den Lauf der inneren Uhr ist.“

Die Verkürzung des Tages um eine Stunde sei dabei für den Körper schwerer zu verkraften als die Verlängerung im Herbst, sagte Zulley, der Mitglied der Arbeitsgruppe Chronobiologie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung ist. Wer es sich zeitlich leisten könne, solle schon am Samstag den Lebensrhythmus inklusive der Essenszeiten um eine halbe Stunde verschieben.

Vor allem die sogenannten Eulen (Abendtypen) haben Zulley zufolge Probleme mit der Sommerzeit, kommen schlechter aus dem Bett. Dagegen seien bei den „Lerchen“ (Frühaufsteher) weniger Auswirkungen zu beobachten. Für Risikogruppen kann das Zeigendrehen nach einer neuen australischen Studie auch gefährlich werden, wie Zulley sagte. Menschen, die unter Depressionen litten, „neigen durch die Zeitumstellung eher zu Suiziden oder Suizidversuchen.“ (Quellen: alle in ddp-Interviews) ddp/wsd/han

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