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Schiffstour Patagonien : Von „Bullerbü“ zum Gletscher

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Schiffsreise in den Süden Patagoniens führt durch Fjorde, vorbei an Urwaldinseln bis zu einem gewaltigen Eiskoloss.

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 10:00 Uhr

Die Kreuzfahrt durchs wilde Patagonien beginnt in Bullerbü, vielmehr seiner Südhalbkugel-Ausgabe in Puerto Montt in Chile. Bunte Holzhäuser zwischen blühendem Ginster, Schafe auf den Hügeln und ein Mischwald, der auch in Schweden stehen könnte. Einzig die beiden Vulkane am Horizont erinnern daran, dass die Reise ans Ende der Welt führen wird: zur Laguna San Rafael, wo Eistürme ins Wasser stürzen und der vielleicht exklusivste Drink der Welt serviert wird.

Der Anfang ist bodenständiger. Während die „Skorpios II.“ den Hafen von Puerto Montt hinter sich lässt, reichen Kellner zur Begrüßung Pisco Sour, den Wald- und Wiesen-Drink Chiles. Bald hat jeder das erste Glas in der Hand, mittags. Es ist eben eine Kreuzfahrt, auch wenn vieles hier anders ist als auf den Ferientankern im Mittelmeer oder in der Karibik.

Die „Skorpios II.“ ist gemütlich klein, 70 Meter lang, 10 Meter breit. Bedächtig steuert Kapitan Oscar Aguilar das Schiff vorbei an Inseln und Felsen vor der Ostküste von Chiloé. „Man braucht viel Erfahrung hier“, sagt er.

Zwar schirmen fast auf der gesamten Route Inseln das Schiff wie riesige Wellenbrecher vor den Gewalten des Pazifiks ab. Aber es gebe viele Untiefen, sagt Aguilar, und im Corcovado-Kanal könnten die Wellen fünf Meter hoch sein. Diesmal verschläft allerdings fast jeder Passagier ungestört die drei Stunden auf offener See. Und am Morgen tuckert das Schiff bereits im Schutz der nächsten Inselgruppe.

Der Chonos-Archipel ist nach den ersten Bewohnern benannt. Die Chonos lebten in Zelten aus Seelöwenfell und paddelten aufs Meer hinaus – in Einbäumen, Booten also, bei denen der Rumpf aus einem Baumstamm besteht. Sie rieben sich mit dem Fett von Seelöwen ein und sprangen nackt ins eisige Wasser, um mit Harpunen aus Walknochen Fische zu jagen und nach Muscheln zu tauchen. Spanische Mönche brachten ihnen die Bibel – und die Tuberkulose. Die Chonos überlebten nur in den Genen mancher Nachfahren. Heute sind die meisten der 800 Eilande unbewohnt.

Das Schiff pflügt durch ein Labyrinth von Inselchen, Felsen und Landzungen, alle überwuchert von Regenwald. Am Horizont leuchtet das ewige Eis der Andengipfel. Nur die orangefarbenen Bojen der Lachsfarmen stören das Naturidyll. Zum Mittagessen – Lachs in Blätterteig, Lamm und Salat – gibt es Unterhaltung vom Delfin. Vor den Fenstern des Speisesaals springt ein Tümmler immer wieder aus dem Meer. Ansonsten passiert angenehm wenig, es wird still an Bord. Sediert vom hervorragenden Carménère, einem nach der Reblausepidemie in Chile wieder entdeckten Rotwein, sitzen die Passagiere stundenlang an der Reling, versunken in die Betrachtung der majestätischen Natur. Zwei Mitreisende aus Hawaii bemühen Vergleiche mit den Bahamas, Thailand und Zuhause. Sie einigen sich auf: anders schön.

Landgang in Puerto Aguirre, mit etwa 2000 Einwohnern das größte Dorf des Archipels: Mintgrüne, rote und bübchenblaue Holzhäuser stehen auf Stelzen am Hang. Kinder drücken sich um das rostige Geländer und stürmen auf das Schiff zu, als die Gangway sich auf die Betonpier senkt. Die Ankunft des Schiffs ist ein Höhepunkt hier. Die meisten Bewohner arbeiteten in Lachsfarmen, erklärt der Schiffsguide Victor Teneb.

Die „Skorpios II.“ vor der  kolossalen Eiswand des  San-Rafael-Gletschers.
Die „Skorpios II.“ vor der kolossalen Eiswand des San-Rafael-Gletschers.

Je weiter das Schiff in den Quitralco-Fjord fährt, desto näher rücken die Berge. Noch liegen die Lagune und der Gletscher versteckt hinter einer Landzunge. Kapitän Aguilar muss das Schiff durch einen schmalen Kanal steuern, wegen der starken Strömung und der Eisberge ist das der kniffligste Teil der Fahrt.

Der Spanier Juan Garcia paddelte 1620 mit Chonos-Führern im Kanu durch dieses Nadelöhr. Er suchte einen Weg zum Pazifik, genauso wie die Ingenieure der Regierung, die in den 1940er Jahren einen Kanal durch die Moräne auf der Südseite stechen wollten. Zum Glück war der Plan nicht finanzierbar, und heute ist die Lagune als Nationalpark und Unesco-Biosphärenreservat geschützt. „Es wäre so viel Salzwasser in die Lagune eingedrungen, dass der Gletscher schon verschwunden wäre“, sagt Teneb.

Aber auch so hat sich der Gletscher, der im Südpatagonischen Eisfeld entspringt, weit zurückgezogen. Das Schiff ankert am Fuß der steilen Urwaldhänge, die Passagiere binden sich Schwimmwesten um und steigen in die Stahlboote. Teneb steuert die „Hercules“ durch Eisberge, manche niedrig wie ein auftauchendes U-Boot, andere haushohe Klippen.

Das Eis ist geriffelt, poliert und grobporig, kristallklar, schneeweiß und neonblau. Je blauer, desto komprimierter, erklärt Teneb. Aber wie fein die dümpelnden Skulpturen auch ziseliert sind, am Ende zieht die kolossale Eiswand dahinter alle Blicke auf sich.

Der San Rafael-Gletscher hat sich über die Jahre weit zurückgezogen. Er entspringt im Südpatagonischen Eisfeld.
Der San Rafael-Gletscher hat sich über die Jahre weit zurückgezogen. Er entspringt im Südpatagonischen Eisfeld. Foto: Dpa (3)
 

Tausende Nadeln und Zacken spitzen aus dem zwei Kilometer breiten Panzer, die höchsten Türme schießen 60 Meter aus der Lagune auf. „Behaltet sie im Blick“, sagt Teneb. Und eine Minute später bricht tatsächlich eine ganze Wand ab, es sieht aus wie die Sprengung eines Wolkenkratzers. Mit einem Donnerschlag kracht das Eis ins Wasser, Eisberge ploppen wie Korken aus dem grünen Wasser, und Teneb steuert eilig den Bug in Richtung der Flutwelle.

„Deshalb halten wir 500 Meter Abstand“, sagt er. Und steuert sein Boot auf einen Eisberg für den Höhepunkt der Show. Der Barmann hackt einen Brocken heraus, zerteilt ihn glasgerecht und gießt Whisky drüber. Fertig ist der exklusive 12/30-Drink: 12 Jahre alter Whisky auf 30  000 Jahre altem Eis. Salud.

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Reiseziel Puerto Montt

Anreise: Von Frankfurt/Main aus kann man zum Beispiel über Madrid und Santiago de Chile nach Puerto Montt fliegen. Die Reise dauert mehr als 20 Stunden.Reisezeit: Die fünftägige Kreuzfahrt zur Laguna San Rafael wird von September bis Mai angeboten. Im Februar / März hat man die besten Chancen, Wale zu sehen.

Informationen: Botschaft von Chile, Wirtschaftsabteilung Prochile, Mohrenstr. 42, 10117 Berlin (Tel.: 030/726203740, E-Mail: info@prochile.de).

 

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