Urwald in Polen : Verstecke für Wisent und Co.

Seerosen im Palastpark Bialowieza.
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Seerosen im Palastpark Bialowieza.

Nordöstlich von Warschau befindet sich der letzte Urwald Mitteleuropas.

svz.de von
27. August 2016, 12:00 Uhr

Hufe stampfen: angriffsbereit verharrt der zottelige Koloss von fast 800 Kilogramm vor dem Metallgitterzaun; zupft, plötzlich entspannt, vom süßlich-herb duftenden Marienbüffelgras. Der Wisent, Europas größtes Säugetier! Seine Artgenossen, an die 450, streifen weit und frei durch den Urwald von Bialowieza, die „Puscza“.

Hier im Schaureservat nebst „Europäischem Bisonzuchtzentrum“ kann man sie sehen, die Wisente und Tarpane – Urpferde Europas. Sie dienen der Nachzucht. Das Schutzgebiet Bialowieza in der Woiwodschaft Podlachien, 1500 Quadratkilometer groß, hat seit 1979 Unesco-Welterbestatus. „Es ist der letzte Primärwald Mitteleuropas, der Wisent Symbol unseres Landes“, sagt mit Stolz Parkdirektor a.D. Czeslaw Okolow. Vom Aussichtsturm im Schlosspark sehen wir Urwald bis zum Horizont. „Der reicht bis nach Sibirien!“

Die polnischen Fürsten zogen hier auf die Jagd. August der Starke, „König in Pohlen und Churfürst zu Sachsen“, verewigte sich 1752 mit einem Obelisken. Der Park im englischen Landschaftsstil entstand um die Residenz des Zaren Alexander III. Nur der Bahnhof blieb, Züge fahren nicht mehr. 2007 eröffnete das Restaurant „Carska“; Gäste wohnen in eleganten, historischen Zugwaggons.

Auf der grün-gelben Draisine treiben wir mit Muskelkraft durch Wald und Wiesen, zwischen Blumen und Birkenhainen, rollen ein in den Zaren-Bahnhof zum „fürstlichen“ Mittagessen unterm Porträt des letzten Romanows, des Zaren Nicolai II. Bei schönem Wetter sitzt man direkt am Gleis unter Sonnenschirmen.

Weiter im Pferdekutschentrab! Schwere Storchennester drücken auf niedrige Häuschen. Die schönsten sehen wir am Schluss der Reise, im „Europäischen Storchendorf Pentowo“: auf einem alten Gutshof an die hundert Störche – von 40  000 einheimischen. Dorthin geht’s durch dünn besiedeltes Land, stille Straßendörfer – das Land der „offenen Fensterläden“. Häuser aus Holz mit hohen Giebeln und Fenstern in reicher Schnitzornamentik; russisch-orthodoxe Kirchen leuchtend blau und grün, Kreuze am Wegesrand.
Hohe Tore öffnen in den Bialowieza Nationalpark. Das Licht ist gedämpft, Tageszeiten verschwimmen. Parkrangerin Maria führt durch die Wildnis, lässt mit ihrem Wissen die Besucher den Wald und sich selbst mit anderen Augen sehen.

„Natur Natur sein lassen! Die Eichen, Linden und Hainbuchen, die Kiefern und Fichten wachsen und vergehen – seit 5  000 Jahren“. Hier eine 700 Jahre alte Eiche, dort der Zunderschwammpilz: „Brennt wie Zunder! Da drüben der rosa Seidelbast: ein Menschenleben auf vier rote Beeren“!

Je weiter wir vordringen, desto wundersamer wird die „grüne Hölle“: perfekt organisiert, komplex, symbiotisch. Wirr verwoben, undurchdringlich erscheint der Wald. Chaos? Wir staunen über all die Stämme, die riesigen Wurzelteller, Moose. Farne werfen filigrane Schatten, ein Buntspecht hämmert. Schwarze Käfer quellen aus Verrottetem. Und die Tiere? Wald ist grenzenlos.

Urwald verbindet die Nationalparks Biebrza, Wigry und Narew. Das Biebrza-Tieflandbecken: unzugängliche Sümpfe, Torfmoore, Feuchtwiesen und Wälder. Ein Wasserlabyrinth der Narew-Nationalpark – und Vogelparadies! Stege und Brücken helfen über Riedgras und Morast; lautlos gleiten Boot und Floß über die Wasserflächen. Im Winter und Frühjahr überschwemmen Narew und Biebrza die Täler, wimmelt es von Zugvögeln, betäubt wildes Geschrei.

Reise-Informationen:
Anreise: z.B. mit AirBerlin nach Warschau, weiter per Zug in 2,5 Std. nach Bialystok. Über Bielsk Podlaski auf Straße 685 Richtung Hajnowka bis Bialowieza Nationalpark.
Die Nationalparks sind ideal für Radfahrer, Wassersportler, Wanderer, Ornithologen. Es gibt Rad/Kanu-Verleihstationen. Die Nationalparks öffnen das ganze Jahr hindurch, 9 bis 16.30 Uhr sommers, bis 16 Uhr winters. www.npn.pl
Sehenswert: Barockstadt Tykocin auf der Storchenroute. Bialystok im Dreieck Weißrussland, Litauen, Russland.

Näheres: www.polen.travel/de







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