Ootmarsum : Vergessene Idylle

Radtour zum Schloss Brecklenkamp.
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Radtour zum Schloss Brecklenkamp.

Abseits der industriellen Zentren konnte das holländische Städtchen Ootmarsum in der Region Twente sein historisches Stadtbild bewahren.

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13. Mai 2017, 16:00 Uhr

In Ootmarsum lässt man sich Zeit. Mindestens drei Jahre, gern länger, reift der Whisky von Roy Kroeze in den Gewölben der Stokerij Sculte. „Erst diese Ruhe und die Reifung in unseren Fässern aus regionalem Holz ergibt den runden, eigenen Geschmack“, weiß der Braumeister des ersten holländischen Whiskys überhaupt. Der junge Experte setzt auf Qualität statt Masse – maximal 500 Flaschen des 60-prozentigen „Twentse Whisky“ verlässt die 2004 gegründete Destillerie, die im ehemaligen Kloster Maria Ad Fontes zu Hause ist.

Qualität statt Masse findet man überall in Kroezes Heimatstadt. Denn an Ootmarsum, das nur wenige Kilometer hinter der Grenze nahe Nordhorn liegt, scheinen Zeiten und Tourismus fast spurlos vorübergegangen zu sein. Mit kleinen, geduckten Fachwerkhäusern, kopfsteingepflasterten Gassen und Plätzen und alten Kirchen hat der 4500-Einwohner-Ort im Nordosten der Region Twente sein historisches Äußeres – anders als die meisten holländischen Städte – bewahrt. Geholfen hat dabei ein Zufall, erzählt Stadtführer Jan Veldboer beim Rundgang: „Im Mittelalter war Ootmarsum reich durch Handel und Landwirtschaft. Doch weil Wasserwege fehlten und nie ein Bahnanschluss kam, ging die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert an meiner Geburtstadt einfach vorbei.“ Ootmarsum wurde vergessen, fast arm. Doch vor etwa 30 Jahren entdeckten Künstler das fast vergessene Idyll wieder und fanden hier ideale Lebens- und Arbeitsbedingungen: Als erste zog 1990 Annemiek Punk in das frühere Kinderheim des Klosters und verwandelte es in Atelier und Galerie. Punk ist die berühmteste Glaskünstlerin des Landes – eines ihrer Glasfenster schmückt den Dom in Delft, das schönste Gotteshaus im Königreich. Weitere Künstler folgten, darunter der international renommierte Ton Schulten, der aus einer heimischen Bäckerfamilie stammt. In seiner „Chez-moi Ton Schulten Galerie“ und besonders in seinem modernen Museum zeigt der Maler neben seinen eigenen farbenfrohen Landschaften auch die Skulpturen vieler Kollegen aus Bronze, Keramik, Marmor und Glas. Heute führt ein Bummel Kunstliebhaber durch zahlreiche weitere Werkstätten, darunter die Glasbläserei „Glasblazerij Hot Marks“, die Galerie „Maureen Kobben“ oder die „Galerie en Kunstuitleen Lambert“, in der man Kunstwerke sogar mieten kann.

Von Frühjahr bis weit in den Herbst zeigt sich die Landschaft rund um Ootmarsum so farbenfroh wie in den Bildern von Ton Schulten. Dass Twentes Region Dinkelland ihren Beinamen „Das andere Holland“ zu Recht trägt, wird auf einer Radtour über Hunderte Kilometer bestens markierter Wege deutlich: Bis zu 88 Meter hohe „Berge“ wechseln mit Heideflächen, Hochmooren, tiefen Wäldern, knorrigen Bäumen, Feldern und Weiden – Natur als perfekte Ergänzung zur Kultur.



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