Schlittenhunde im Pillerseetal : Turbos auf vier Pfoten

Beim größten Schlittenhundetreffen im Alpenraum können auch Musher-Novizen viel lernen.  Foto: TVB Pillerseetal – Kitzbüheler Alpen/R. Defrancesco
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Beim größten Schlittenhundetreffen im Alpenraum können auch Musher-Novizen viel lernen. Foto: TVB Pillerseetal – Kitzbüheler Alpen/R. Defrancesco

Anfang Januar dreht sich im Pillerseetal drei Wochen lang alles um Huskys, Samojeden und Co.

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05. Januar 2019, 16:00 Uhr

St. Ulrich | Überall heult und bellt, wuselt und hechelt es. Für die tierisch gute Stimmung auf der schneebedeckten Wiese hinter dem Dorfplatz sorgen Hunderte Schlittenhunde unterschiedlicher Rassen. Hier ein paar herumtollende Huskys in einem per Minizaun abgesteckten Hundespielplatz neben einem Wohnwagen, dort ein paar Samojeden auf der Ladefläche eines Pick-Ups. Dazwischen sitzen dick eingepackte Männer und Frauen auf Klappstühlen und grüßen freundlich. Manche kochen Kaffee auf Gaskochern, andere unterhalten sich. Willkommen im Schlittenhunde-Camp von St. Ulrich am Pillersee. Wären da nicht Zwiebelturm und Alpenbarockhäuschen, würde man sich in Alaska wähnen. Aber wir sind in Tirol.

Hier, im für seine Biathlonweltcups und das mit mehr als 30 Meter Höhe weltgrößte begehbare Gipfelkreuz bekannten Pillerseetal, kommen jeden Januar aus ganz Europa mehr als 1000 Huskys und deren Halter zum größten Schlittenhunde-Camp im Alpenraum zusammen. Nicht alle gleichzeitig, sondern über drei Wochen verteilt. Nur Hartgesottene bleiben die gesamte Zeit über und bereiten ihre Gespanne – 2018 waren 124 gemeldet – auf den weitläufigen Strecken rund um den Pillersee für die Rennen am letzten Wochenende vor.

Eddy Nutz hat das Camp vor 23 Jahren gegründet und fungiert immer noch als Renn- und Campleiter. Er nimmt, wie auch Organisationschef Mario Horngacher, nicht aktiv daran teil, erst recht nicht an den Entscheidungen der holländischen, bayerischen und neuerdings auch österreichischen Meisterschaft. Das überlässt er anderen.

Mario Loibl zum Beispiel, der schon seit Jahren mit seiner Partnerin Melanie ins Pillerseetal kommt. Auch diesmal sind sie wieder dabei und haben sich zwischen ihren beiden Fahrzeugen eingerichtet. In einem schlafen die Menschen, in dem anderem die neun Schlittenhunde, untergebracht in raffiniert verschachtelten Käfigen. Tagsüber freilich sind die Hunde draußen im Schnee in einem mit einem kleinen Zaun abgetrennten Bereich oder zu Trainingszwecken unterwegs im Gelände.

Das Besondere: Mario fungiert zudem als Mentor für Musher-Kurse, wo sich zu bestimmten Terminen interessierte Tierfreunde Einblick in die ganz eigene Welt der Schlittenhunde und ihrer Lenker verschaffen können.
Das vom Tourismusverein angebotene Programm ist auf drei Tage angelegt und beinhaltet auch Iglubauen, Lagerfeuerromantik und andere Aktivitäten. Wir bekommen den Expresskurs an einem Tag. Und eine Konzentration auf das Thema Hund.

Da geht es erst mal los mit Kennenlernen (Mensch/ Mensch, Mensch/Tier) und der Theorie. Diesbezüglich hat der 39-Jährige einiges zu erzählen. Etwa über die vielen Rassen. Von wegen alles blauäugige Huskys! Marios Schützlinge sind überwiegend Siberian Huskys, die sich durch braune Augen, schlankere Körper und größere Schnelligkeit auszeichnen.

Mario doziert weiter: „Es gibt in jedem Rudel eine Rangordnung, inklusive Chef. Die Jüngeren respektieren das.“ Gut zu wissen, da es bei der „Erziehung“ genau darum geht, dass der Musher als Chef anerkannt wird. Ein Sprichwort sagt: „Trainierst du die Hunde nicht richtig, trainieren sie dich – aber richtig!“ Marios Nachbarin Sisi, seit Jahren Dauergast im Camp, bestätigt, dass das Mushing weitaus komplizierter und anstrengender ist, als es mitunter in idyllischen, schneereichen TV-Dokumentationen rüberkommt. „Auf den Schlittenkufen zu stehen bedeutet harte Arbeit“, so Sisi. Ihr Credo lautet: „Geschwindigkeit ist das Ziel.“ Ihr Partner Andreas verfolgte ein anderes Motto: „Der Weg ist das Ziel.“

Das gilt auch für die Freizeit-Musher. Da geht es ums Reinschnuppern, das Erfolgsgefühl, überhaupt auf dem Schlitten zu bleiben, ohne runterzurutschen. Bei einer Platzrunde am verschneiten Trainingsplatz kann das jeder aus der Gruppe mal erleben und zu Mario hinten drauf auf den Schlitten. Wer will, darf dann auch mal alleine ran und selbst die Zügel in der Hand halten.

Für die größere Runde braucht es aber auch eine größere Einweisung. Die bekomme ich. Mario zeigt mir Schlitten, Kufen, Seile, Panikleine. Dann die Kommandos „gee“ – sprich: tschi – für „rechts“ und „haw“ – ho – für links. „Go“ und „Stop“ erklären sich von selbst. Dann erläutert er das Setting. „Ich führe das Gespann bis zum Startplatz und wechsle auf einen Ski-Doo. Mit dem fahre ich immer rund 30 Meter vor euch auf dem Trail voraus.“ Und ich mit dem aus den Hunden Spirit, Chester und Samu bestehenden Dreiergespann hinterher.

Kaum im Schlitten eingespannt, sind Spirit, mein Leithund, und seine „Kollegen“ nur noch schwer zu bändigen. Die Ankerkralle, eine Art Handbremse, ist bereits gelöst. Nun heißt es, mit beiden Füßen auf dem Bremsteppich zu bleiben, um den Schlitten zu stoppen. Nur kurz, denn als der Ski-Doo mit Mario losfährt, gibt es kein Halten mehr: schnell die Füße auf die Kufen, denn die Huskys sausen wie vom Blitz getroffen los. Klar, die Hunde flitzen ihrem Herrchen hinterher, denk ich. Doch gerade als ich in einen passiven Fahrgeschäftmodus zu verfallen drohe, wird mir klar, dass ich die Zügel mehr in die Hand nehmen muss. An einer Abzweigung fährt der Ski-Doo nämlich nach rechts, ich aber geradeaus weiter. War mein „Gee“ zu zaghaft? Offenbar. „Du musst die Kommandos deutlicher geben“, schimpft Mario.

Ein wichtiger Weckruf. Denn ab jetzt bin ich mit höchster Konzentration dabei, versuche ständig, den Kontakt zu den Hunden zu halten. Lobe, dirigiere, verbreite Chefstimmung. Gut so, denn der durch herrliche Wald- und Schneewiesenlandschaft führende Trail geht mal rauf, mal runter, mal nach links und mal nach rechts. Kein Vergleich zur flachen Trainingsrunde mit ihren vorgezeichneten Spurrinnen. Ich muss mich richtig in die Kurven legen. Einmal gerate ich fast aus der Bahn und in eine Schneeanhöhe. Akute Umkippgefahr! Gerade noch kann ich gegensteuern. Ein anderes Mal, wo die Hunde mit Tempo hügelaufwärts hecheln, will ich mit anschieben – im Fachjargon: pedalen. Doch, oh Schreck: Als ich beherzt in den Boden treten will, versinkt mein Schuh im unerwartet tiefen Schnee. Schon wieder so ein Wackelmoment.

Der nächste schon drei Kurven später, als es wieder bergab geht. Der Tacho an der Lenkstange zeigt 25 Stundenkilometer. Fühlt sich schneller an. Und der Weg ist ganz schön schmal.

Vorausschauendes Lenken ist Gold wert. Ich slide wie ein Weltmeister, was mir Freudentränen in die Augen treibt. Dann kreuzen wir eine Loipe – uff, kein Verkehr –, dann den Bach und da vorne ist schon das Ziel in Sicht, als das Dreiergespann von der hier platt getrampelten Route abweicht und in den Tiefschnee abdriftet. Ein Fall für die Bremsmatte, nicht die Kralle! Wir kommen zum Stehen, die Hunde wälzen sich im Schnee. Zum Glück kann ich – oder ist es Mario? – das Trio noch mal für die letzten Meter motivieren. Mit strahlendem Gesicht respektive hechelnder Zunge passieren wir das Ziel und kommen zum Stehen.

Ich bin extrem beschwingt und will noch viel mehr erfahren. Marios Tipp: „Schau einfach heute Abend noch mal vorbei. Am Lagerfeuer kommen immer die besten Geschichten zur Sprache.“ Und Camp-Urgestein Eddy findet: „Am Kursende stehen Musher-Taufe und Diplomverleihung. Aber in Wahrheit ist es die einmalige Beziehung zwischen Mensch, Hund und Natur, die bei den Teilnehmern zählt und es zu einem unvergesslichen Erlebnis macht.“

Christian Haas







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