Vesterbro : Szeneviertel statt Meerjungfrau

Vesterbro ist ein schönes Viertel zum Flanieren. Cafés und Weinbars laden immer wieder zu einer Pause ein.
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Vesterbro ist ein schönes Viertel zum Flanieren. Cafés und Weinbars laden immer wieder zu einer Pause ein.

Wo sind die jungen, hippen Hauptstadt-Dänen unterwegs? Im Kopenhagener Stadtteil Vesterbro natürlich

svz.de von
10. Juni 2016, 21:00 Uhr

Hasse Mogensen beißt voller Lust in das Brötchen mit Fleisch, das er gerade vom Grill genommen hat. „Woraus andere Restaurants Steaks machen, daraus machen wir Burger“, sagt der Koch des Imbisslokals „Juicy Burger“ stolz. Das Fleisch sei wie Tatar, man könne es roh essen. Ein Gourmetburger, serviert in drei Minuten, ist das Aushängeschild des jungen Ladens hier im Meatpacking District, dem angesagten Food- und Ausgehviertel Kopenhagens.

Der Meatpacking District besteht nur aus wenigen Straßenzügen. Früher war es eine Arbeitergegend. Vor ein paar Jahren sind dann Bars, Restaurants, Clubs und Galerien in die alten Schlachthäuser eingezogen. Diese Entwicklung nahm auch das gleichnamige In-Viertel in New York.

Und wie es sich für ein Szenequartier gehört, gibt es auch eine Burgerschmiede, die nicht bloß irgendwelche Frikadellen brät, sondern selbstbewusst ein angesagtes Lifestyle-Produkt verkauft. Bei „Juicy Burger“ werden nämlich alle Zutaten selbst gemacht: das Brötchen, der Ketchup. Das Fleisch kommt von einer Öko-Farm auf Fünen. Im Imbiss läuft Musik des Gangsterrappers Tupac Shakur.

Nachhaltigkeit und urbane Härte, das geht hier zusammen. Seit drei Jahren gibt es den Imbiss, doch im vergangenen Jahr hat das Geschäft richtig angezogen. Ein Vorteil: Betreiber des Lokals ist der in Dänemark berühmte Gastronom Henrik Boserup. Früher hat er hier im Viertel selbst in einem der Schlachthäuser gearbeitet.

Der Meatpacking District gehört zu Vesterbro, das gemeinhin als das Szeneviertel Kopenhagens gehandelt wird. Fast jede Metropole verfügt über einen ausgewiesenen Hipster-Bezirk: London hat sein Shoreditch, Stockholm sein Södermalm, Berlin sein Kreuzberg – und Kopenhagen eben Vesterbro. Was allen Orten gemein ist: die neusten Modetrends auf den Bürgersteigen, junge Gastronomen mit ambitionierten Visionen und ein Flair von Subkultur, das mit dem Hype bereits zu verschwinden droht.

Solche Szeneorte waren oft lange Zeit verrufene Gegenden. Vesterbro beginnt gleich westlich des Hauptbahnhofs, wo das Rotlichtviertel liegt. Hier stehen heute hübsche Bars neben Sexshops, abends drehen die Prostituierten und Alkoholiker ihre Runden.

Doch nach nur wenigen Minuten zu Fuß auf der Istedgade, der Lebensader des Viertels, steht der Besucher bereits im vollends aufgewerteten Teil Vesterbros. Dort gibt es stilvolle Cafés, schicke Weinbars und Einrichtungsläden, wo die skandinavische Designerlampe für 600 Euro wartet.

Vesterbro eignet sich gut zum Flanieren, Shoppen und Ausgehen. Guten Kaffee gibt es im „Bang & Jensen“, „Café Dyrehaven“ oder „Enghave Kaffe“. Für einen Drink empfehlen sich das „Brass Monkey“, das „NOHO“ oder die von außen kaum zu erkennende Bar „1656“ mit der sympathischen Hausregel: Bitte keine Smartphones benutzen – dies ist ein Ort des Genießens und der Entspannung. Viele Sorten Craft-Bier gibt es in der „Mikkeller Bar“ oder im „Warpigs“. Und getanzt wird im „Jolene“, „Bakken“, „KB18“ oder „KB3“, die alle im Meatpacking District liegen.

An einem Viertel wie Vesterbro lassen sich die großen urbanen Trends ablesen. „Vegan sein ist ein Riesending“, erzählt Nadja Touzari, die im Café „simpleRAW“ arbeitet. Erst seit einem Jahr sei es mit dem Veganismus so richtig losgegangen, sagt die junge Dänin und erinnert sich: „Früher war es in Vesterbro nahezu unmöglich, gesundes Essen zu kaufen.“ Vergangene Zeiten. „Ich lebe schon lange hier, und das Viertel hat mich nie gelangweilt“, erzählt die Designerin Maxjenny Forslund.

Sie ist erst vergangenes Jahr mit ihrer Modefirma in den Meatpacking District gezogen und arbeitet dort an neuen Entwürfen. „Du musst deine Energie aus deiner Umgebung ziehen.“ Dass Vesterbro das hippe Aushängeschild der Stadt ist, nimmt die Kreative mit Humor: „Es ist das Epizentrum der Hipster. Niemand trägt Socken, aber alle haben coole Räder.“ Tatsächlich stellt sich am Beispiel Vesterbro ja die Frage: Wie cool ist ein Viertel wirklich noch, wenn dort nur noch schicke Menschen unterwegs sind? „Viel Underground gibt es hier nicht mehr“, sagt etwa Nadja Touzari. Aber immerhin noch Gewerbe, zum Beispiel Jacob Kongsbak Lassen, womöglich der traditionsreichste Fischhändler Dänemarks. „Es wäre nicht gut, wenn es hier nur noch Laptops geben würde“, findet auch Hasse Mogensen von „Juicy Burger“.

Selbst das Rotlichtviertel macht einen ungefährlichen Eindruck. Einer der Dealer nuschelt abends nicht etwa irgendeine Droge daher. Er sagt: „Ich habe zwei Gramm Kokain für 500 Kronen“, so als verkaufe er Tomaten auf dem Wochenmarkt. Dem Touristen kommt da unweigerlich ein höfliches „Nein, vielen Dank!“ über die Lippen.

Auch dass die Tourismusvermarkter von Visit Copenhagen mit „Hipster Vesterbro“ werben, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Viertel längst etabliert ist. Und damit vollkommen out? Man hat nicht den Eindruck, dass die jungen Menschen in Kopenhagen in solchen Kategorien denken.

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