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Reise und Tourismus

23. Oktober 2017 | 15:46 Uhr

Alpengärten : So blühen die Berge

vom
Aus der Onlineredaktion

Die farbenprächtige Pflanzenwelt des Hochgebirges in Alpengärten.

svz.de von
erstellt am 26.Aug.2017 | 16:00 Uhr

Vor ihren Augen breitet sich ein Panorama aus, von dem jeder Alpinist nur träumen kann. Nein, keine schneebedeckten Berge. Sondern Edelweiß und Enzian, Teufelskralle und Pantoffelblume. Auf kleinstem Raum vereint. An diesem sonnigen Sommertag auf dem Brocken im Harz gilt der Blick der Besucher vor allem den zahllosen Arten im dortigen Alpengarten. Und während Bergsteiger für den Anblick dieser Kostbarkeiten auf mehrere tausend Meter Höhe klettern müssen, sind sie ganz gemütlich mit der Schmalspurbahn zur 1141 Meter hohen Kuppe gefahren.

Nur ein paar Schritte sind es von den amerikanischen Rocky Mountains nach Patagonien. Der Kaukasus liegt wenige Meter von Südafrika entfernt. Zwei Mal am Tag geht es zu Fuß durch die Gebirge der Welt – auf einer Führung mit Brockengärtner Gunter Karste. Er ist der wissenschaftliche Leiter des 4600 Quadratmeter großen Brockengartens und zusammen mit zwei Kollegen für Aufzucht und Erhalt der Pflanzen zuständig.

Der bequemste Weg zum Brockengarten führt mit der Harzer Schmalspurbahn.
Der bequemste Weg zum Brockengarten führt mit der Harzer Schmalspurbahn. Foto: Harzer Schmalspurbahnen
 

Rund 1500 Arten aus aller Welt haben hier dank der besonderen klimatischen Bedingungen auf Norddeutschlands höchstem Berg Wurzeln geschlagen. Diese entsprechen dem Klima der Alpen auf 2000 Metern Höhe. Ganz konkret bedeutet das: Die kleine, zartblaue Teufelskralle, die hier zwischen hellgrauen Steinen wächst, ist in den Alpen nur in hochgelegenen Felsspalten zu finden. Schnell den Fotoapparat gezückt.

Der Gletscher-Hahnenfuß blüht sogar noch auf 4000 Metern Höhe – er ist damit eine der am höchsten steigenden Blütenpflanzen der Alpen, verrät Natur- und Landschaftspfleger Holger Bührig beim Unkrautzupfen. Was in den Gebirgen der Welt wächst, ist ein Spezialist. Ein Überlebenskünstler. Bührig zeigt auf den Däumling unter den Bäumen, die Kraut-Weide. Sie gilt als der kleinste Baum der Welt, der Stamm ist nur wenige Zentimeter groß und steckt nicht sichtbar in der Erde. Recken und strecken für das beste Foto.

Gemeinsames Merkmal der Hochgebirgspflanzen: gedrungene Wuchsformen.

Viele sehen aus wie Flechten und Moose, sind es aber nicht. Dicht an den Boden geschmiegt überdauern sie die heftigen Stürme und langen kalten Winter – unter einer dicken Schneedecke geschützt. Ein kräftiger Wind weht auch über die Brockenkuppe und lässt die Besucher trotz der Sonnenstrahlen leicht frösteln. „Heute haben wir Windstärke 6 bis 7. Das ist für den Brocken schon fast windstill“, erklärt Karste.

Gunter Karste ist wissenschaftlicher Leiter des Brockengartens.
Gunter Karste ist wissenschaftlicher Leiter des Brockengartens. Foto: Matthias Bein
 

Die Saison beginnt spät – erst im Mai geht es los. Frühlingsbote ist die weißblühende Brockenanemone. „Meine Lieblingspflanze“, sagt Karste. „Da sie deutschlandweit nur auf dem höchsten Harzberg vorkommt, hat der Brockengarten eine ganz besondere Verantwortung für den Erhalt dieser Art“, betont er und deutet auf die verblühten Pflanzen, die wie eine kugelige Perücke aussehen. Sie erinnern an jene Reisigbesen, auf denen zu Walpurgis die Hexen zum Blocksberg reiten sollen. Ebenfalls typisch Brocken: der Brocken-Enzian. Ein Mischling, ein sogenannter Hybrid, entstanden aus dem Gelben und dem Ungarischen Enzian. Die gelb-roten Blüten bilden einen gelungenen Kontrast zum grau-weißen Brockenhaus am anderen Ende der Bergkuppe. Wer nicht mit der Schmalspurbahn kommt, kann auch auf den höchsten Berg des Harzes wandern. Auf dem Rückweg geht es immer wieder vorbei an rucksackbepackten Urlaubern. Von Elend, Ilsenburg, Torfhaus oder Schierke dauert der Marsch je nach Startpunkt zwei bis vier Stunden. Die Aussicht entschädigt für die Strapazen. An diesem nebelfreien Tag reicht der Blick weit ins Harzvorland.

Angelegt wurde der Garten Ende des 19. Jahrhundert durch den Direktor des Botanischen Gartens der Universität Göttingen, Prof. Albert Peter. Es war der erste Alpenpflanzengarten auf deutschem Boden. Eine dramatische Entwicklung nahm die Anlage in den Jahren der deutsch-deutschen Teilung. Als militärisches Sperrgebiet deklariert, wurde der Garten 20 Jahre nicht gepflegt. Nur gut 90 Arten überlebten diese Phase. Doch relativ schnell konnte der Brockengarten wieder zu neuem Leben erweckt werden. Heute kommen pro Jahr zwischen 5000 und 8000 Besucher.

In Deutschland gibt es nur zwei weitere Gärten in ähnlicher Lage. Ganz in der Nähe lockt der Rennsteiggarten in Oberhof die Hobby-Botaniker. Die Kammlage im Thüringer Wald sorgt für Niederschlag und Schnee an 150 Tagen im Jahr. Deswegen gedeihen Hochgebirgspflanzen aus aller Welt, zum Beispiel Darwins Pantoffelblume aus Feuerland. Bergfichten, Scheinzypressen und Rhododendren umgeben die zentrale Schauanlage und verleihen dem Alpengarten parkähnlichen Charakter. Im Süden zieht der Alpengarten in Schachen bei Elmau Blumenfreunde in seinen Bann. Der Frühling beginnt im Wettersteingebirge auf fast 1900 Metern Meereshöhe erst im Juni und geht nahtlos in den Sommer über.

Die Jahreszeiten im Zeitraffer. Weil fast alles gleichzeitig blüht, erwartet den Besucher ein Farbspektakel. Hier wachsen auch viele Pflanzen, die die Bergbewohner früher traditionell als Heilkräuter nutzten.

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