Neuer Trend in Israel : „Schieß-Abenteuer“ im Heiligen Land

Der Leiter der Kampfausbilder, Eitan Cohen (links), überwältigt mit seinen Kollegen bei einer inszenierten Messerattacke in der israelischen Schießanlage „Caliber 3“ im besetzten Westjordanland den Angreifer.
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Der Leiter der Kampfausbilder, Eitan Cohen (links), überwältigt mit seinen Kollegen bei einer inszenierten Messerattacke in der israelischen Schießanlage „Caliber 3“ im besetzten Westjordanland den Angreifer.

Zwei Stunden simulierte Terrorgefahr – israelische Ex-Soldaten haben ein ganz besonderes Angebot für Touristen.

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26. November 2017, 09:00 Uhr

Männer und Frauen in T-Shirts und kurzen Hosen stehen zwischen Marktbuden und filmen mit ihren Handys die Umgebung. Plötzlich knallt es, Soldaten mit Schnellfeuerwaffen rennen herbei, rufen: „Runter! Terrorist.“ Sie schießen, einer zieht eine Frau hinter sich und kauert sich auf den Boden. Nach wenigen Sekunden ist der Spuk vorbei – und drei Pappfiguren sind durchlöchert.

Willkommen bei „Caliber 3“ im besetzten Westjordanland: israelische Schießanlage für Soldaten und Wachleute sowie Anbieter von zweistündigen „Schieß-Abenteuern“ für Touristen inklusive simulierter Messerattacke und Schießtraining mit Schnellfeuerwaffen. Preis: knapp 100 Euro pro Person. Bis zu 25 000 Urlauber besuchen nach eigenen Angaben „Caliber 3“ pro Jahr, Tendenz steigend.

„Wenn die Leute kommen, wissen sie nicht, was sie erwarten sollen“, sagt Eitan Cohen, Leiter der Kampfausbilder. „Caliber 3“ biete ihnen etwas Ungewöhnliches. Man nennt es „out of the box“. Alle Ausbilder haben jahrelang bei der israelischen Armee gedient – unter anderem in Eliteeinheiten.

Viele Besucher kommen aus den USA, wie die rund 20-köpfige Gruppe an diesem Morgen. Andere stammen aus Südamerika, Europa oder China. „Ich bin hier, um einen Einblick zu bekommen, wie die israelische Armee arbeitet und mit was sie sich Tag für Tag auseinandersetzt“, sagt der Tourist Dave Coen, 56, kurze Haare, braunes T-Shirt, kurze Hose. Der Finanzberater aus Kalifornien war früher Soldat in der südafrikanischen Armee.

Zwei Wochen reisen die christlichen Amerikaner durch den Nahen Osten. Auf dem Programm stehen auch Bethlehem, die Felsenstadt Petra in Jordanien, der Berg Sinai in Ägypten und Jerusalem.

Eitan Cohen spricht mit der Gruppe über die simulierte Attacke auf dem Markt. Was ist genau passiert? „Ich hatte noch niemals so viel Angst in meinem Leben“, sagt Jeanne Isaacson, 59, aus New Jersey. „Es war furcheinflößend.“ Einer der Soldaten hatte sie hinter sich in Deckung gezogen. Was passiert ist, kann sie nicht erklären.

Während die Gruppe sich auf Cohen konzentriert, greift einer der Ausbilder mit einem schwarzen Plastikmesser plötzlich Dave Coen an. Doch der tritt ihn, die anderen Soldaten reißen den Angreifer zu Boden, entwaffnen ihn. In Sekunden ist auch diese simulierte Attacke vorbei.

In den vergangenen zwei Jahren haben immer wieder Palästinenser Israelis mit Messern angegriffen. Bei der Gewaltwelle wurden insgesamt rund 50 Israelis getötet sowie rund 300 Palästinenser – die meisten davon bei ihren eigenen Anschlägen.

Über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser wollen die Mitarbeiter von „Caliber 3“ allerdings nur ungern reden. „Wir versuchen, nicht in den Konflikt zu geraten“, sagt Ausbilder Jaakov Ehrlich, kurz geschorenes Haar, drahtig muskulös, schwarzes T-Shirt, grüne Weste und Schnellfeuerwaffe. „Das ist nicht der Bereich, in dem wir uns auskennen. Wir sprechen auf einem taktischen Level“ – wie mit der Situation umgehen.

Doch gegen wen die israelische Armee kämpft, ist auch klar. „Ich bin heute umgeben von 500 Millionen meiner Feinde“, äußert sich Eitan Cohen mit Blick auf die arabischen Nachbarstaaten. Israel befindet sich offiziell unter anderem mit dem Libanon im Krieg. Es gehe darum, sich zu verteidigen – die Israelis seien auf sich gestellt, macht Cohen deutlich. „Wer war da vor 70 Jahren, um meinen Großvater in Europa zu beschützen?“ Nach Auffassung der Vereinten Nationen befindet sich die Einrichtung allerdings auf besetztem Gebiet und verstößt damit gegen internationales Recht. Israel hatte 1967 während des Sechs-Tage-Krieges unter anderem das Westjordanland erobert und kontrolliert es bis heute weitgehend. Die Palästinenser wollen das Gebiet jedoch für einen unabhängigen Staat Palästina.

„Caliber 3“ liegt südwestlich von Bethlehem nahe der israelischen Siedlung Efrat – und der palästinensischen Kleinstadt Beit Fadschar. „Es hat unser Leben beeinflusst“, schimpft der Bürgermeister des Ortes, Akram Takatka, über die Schießanlage. Ein Teil des Landes sei früher landwirtschaftlich genutzt worden. „Wir können unser Vieh nicht mehr dorthin bringen.“ Die Menschen würden sich auch fürchten, in die Nähe zu gehen. „Die Schießgeräusche sind laut und machen Angst.“

Dave Coen und seine Mitreisenden sind dagegen begeistert. Nach einer inszenierten Grenzkontrolle mit Wachhund dürfen sie schießen. Erst trainiert die Gruppe mit Holzattrappen die richtige Haltung: ein Bein vor, Waffe mit der Schulter stabilisieren. Dabei ruft die Gruppe „Esch“, „Esch“, „Esch“ – Hebräisch für „Feuer“. Anschließend feuern sie auf Luftballons.

„Caliber 3“ ist nicht die einzige Einrichtung dieser Art. Auch in Israel bieten ehemalige Soldaten Ähnliches. „Es ist ein wachsender Markt“, sagt Hani Sand vom Reiseanbieter „Travel Composer“ in Tel Aviv.

Grundsätzlich gebe es drei Gruppen von Interessenten: jüdische Reisende, dazu nicht-europäische, nicht-jüdische Touristen – und die Europäer. „Die kommen, weil es plötzlich relevant für sie ist“, sagt Hani Sand – nach Terrorattacken in Frankreich, Deutschland und Großbritannien. „Es gibt ein gewisses Verständnis für das Bedürfnis, sich selbst zu schützen.“ Es sei nicht mehr nur ein Thema aus dem Ausland.

„Es war beeindruckend“, sagt Donna Wertz, 60, gestreiftes Kleid, Ballerinas, nach dem „Schieß-Abenteuer“. „Ich habe es sehr gemocht, ich habe sehr viel gelernt.“ Etwa wie die Soldaten arbeiten und warum sie es tun würden und wofür. „Ich liebe ihre Loyalität für ihr Land“, so die Besitzerin eines Softwareunternehmens.

Chefausbilder Eitan Cohen: „Wenn die Leute hier sind, befinden sie sich in einem Schockzustand“. Frage man sie anschließend, was sie erlebt hätten, erinnerten sie sich an die Begrüßung und den Abschluss. Dazwischen gebe es nur Adrenalin. „Die Sinne sind überlastet.“

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