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Reise und Tourismus

21. Oktober 2017 | 01:39 Uhr

Bernau : Scheibenschlagen im Schwarzwald

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zur Fastnacht wird glühendes Holz ins Tal katapultiert – begleitet von guten Wünschen

In Bernau muss man sich auskennen. Im ausgedehnten Hochtal wird kein kommerzieller Rummel betrieben, es wird kein Fackelzug organisiert und kein Budendorf aufgebaut wie andernorts. Nein, wer hier in den Schwarzwald zum Scheibenschlagen möchte, muss sich durchfragen. Der Ort ist nicht einfach eine geschlossene Siedlung, sondern eine Ansammlung von Weilern, ursprünglich als Lehen des nahen Klosters St. Blasien gegründet. So heißen die Ortsteile denn auch Ober- oder Innerlehen, Weierle, Riggenbach oder Dorf.

Das Besondere in Bernau ist die Vielzahl der Scheibenfeuer, die in sieben Ortsteilen und an allen Tagen der Fastnachtswoche entzündet werden – bis auf Aschermittwoch, denn an diesem Tag wird nicht gefeiert. Scheibenschlagen ist ein alter mitteleuropäischer Brauch – glühende Holzscheiben werden von Berghängen ins Tal geschleudert. Mit über Jahre oder gar Jahrzehnte geübtem Schwung und eigens ausgesuchten Stöcken werden die glühenden Holzscheiben weit ins Tal hinaus geschlagen. Sie drehen sich funkensprühend wie ein Diskus, bevor sie im hohen Schnee landen und ihr Feuer verglimmt.

Vor dem Hof des Tischlers Josef Pschera an der Hauptstraße in Dorf hängen einige Scheiben draußen an einem Schild. Vorher anrufen erweist sich als besser. Denn wenn der Schreiner sägt, hört er in seiner Werkstatt weder Klopfen noch Rufen. Beim zweiten Anlauf – die Scheiben sind nun reserviert – gelingt der Kauf. Frau Pschera gibt Tipps und rät zu Stirnlampe und Stulpen über den Jeans. Der Weg sei schmal, der Schnee hoch und nass. Am Abend erfährt man von Einheimischen beim Schulhaus weitere Details und fühlt sich wie bei der Schnitzeljagd: An der Bank dort oben vorbei, dem Trampelpfad folgen, bis hinauf zum Waldrand und – der Nase nach.

Beim Aufsteigen im letzten Tageslicht schimmern die Lichter unten im Ort ganz malerisch, und am gegenüberliegenden Berghang lässt sich ein weiteres Feuer erkennen. Und tatsächlich:  Am Waldrand angelangt steigt einem der Rauch des Holzfeuers bereits in die Nase. Nach zwei weiteren Serpentinen taucht das Feuer auf, mit etlichen Menschen, die im dicken Schneegestöber oberhalb des Bernauer Ortsteils Dorf bereits zugange sind. Das Feuer brennt bereits heiß und hell. Die Rampe steht ein Stück oberhalb des windgeschützt angelegten Feuers direkt an der Hangkante.

Nun gilt es, die Kunst des Scheibenschlagens zu erlernen: Die Scheibe wird mit dem Loch fest auf den Stecken, eine Art Stab, gedrückt, denn vorzeitig soll sie sich nicht lösen. Dann im Feuer ringsherum anbrennen, bis sie ordentlich glüht und nun den Stecken sicherheitshalber nach oben haltend zur Rampe stapfen. Funkenmeister Elias, Sohn des Schreiners Pschera, macht es meisterlich vor. Er holt mit seinem langen Stecken in großem Rundschwung aus, schlägt die Scheibe kraftvoll auf die Rampe und lässt sie in den Nachthimmel zischen, dass die Funken stieben. Ein sagenhafter Schlag.

Der alemannische Brauch ist uralt: Etwa 1000 Jahre? Oder noch älter? Am 21.    März 1090 setzte eine brennende Scheibe ein Nebengebäude des Klosters Lorsch in Brand, so heißt es in einer Urkunde. Die Gebräuche und Sprüche unterscheiden sich von Ort zu Ort, genau wie die Tage der Feier: Mancherorts wird zum Abschluss des Scheibenschlagens noch ein Feuerrad zu Tal gerollt. Bei Haslach im Kinzigtal beispielsweise, wo sich der Brauch selbst im Ortsnamen widerspiegelt: Am „Scheibenbühl“ in Schnellingen wird das Fest stattfinden. Dort allerdings erst am vierten Sonntag der Fastenzeit, dem „Lätere“.

Meist findet das Scheibenschlagen eine Woche nach dem Fastnachtstermin statt, also am ersten Sonntag in der Fastenzeit, oder auch am Vorabend, damit das Fest unbeschwert ausgekostet werden kann. In manchen Dörfern in Tirol werden ebenfalls die Scheiben geschlagen, auch in der Steiermark kennt man den Brauch. Dass aber an mehreren Abenden hintereinander ursprünglich die Feuer entzündet werden, ist einzigartig. Und nur hier im Hochtal: in Bernau im Hochschwarzwald.

Doris Burger

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