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Reise und Tourismus

18. November 2017 | 22:48 Uhr

Safari in Indien : Rendezvous mit einem Tiger

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im europäischen Winter ist in Indien die Saison der Safaris in den Nationalparks / Die Reise ist beschwerlich, aber sie lohnt sich

Es ist wirklich eine Begegnung der besonderen Art. Doch um in Indien einen Tiger in freier Wildbahn zu sehen, braucht es viel Geduld – und ein bisschen Glück. Denn das Treffen mit dem König des Dschungels lässt sich nicht so leicht arrangieren wie eine Begegnung mit Löwen in der offenen Savanne, und es ist auch nicht so komfortabel wie in den luxuriösen Safari-Lodges in Afrika.

Indien ist ein faszinierendes, aber gleichzeitig anstrengendes Land. Deshalb ist auch eine Tiger-Safari im bekannten Ranthambhore Nationalpark noch ein echtes Abenteuer. Das ehemalige Jagdrevier des Maharadschas ist das bekannteste der 53 Tiger-Reservate des Landes. In dem etwa 400 Quadratkilometer großen Areal im Osten des Bundesstaates Rajasthan leben derzeit zirka 50 Königstiger. Von Rangern vor Wilderern geschützt, streunen die wenig menschenscheuen Katzen vor den Augen und Kameras Tausender Touristen durch filmreife Kulissen. Die Szenerie ist idyllisch, das Tiger-Safari-Geschäft ernüchternd.

Indien ist ein Land voller Kontraste. Die Paläste und die rundherum oder sogar in den Schlössern der Maharadschas entstandenen Luxushotels gehören zu den prachtvollsten der Welt. Auch rund um den Ranthambhore-Nationalpark liegen Top-Hotels wie paradiesische Oasen inmitten armer Städte. Anders als in Afrika haben derartige Luxus-Refugien aber keine Möglichkeit, selbst mit eigenen Biologen auf Pirschfahrt ins Tiger-Reservat zu gehen. Vor dem Tiger sind in Indien alle gleich – Rucksack-Touristen wie Grand-Hotel-Gäste. Frühmorgens werden alle Safari-Teilnehmer rund um den Nationalpark in ihren Hotels abgeholt. Die meisten buchen einen Platz auf einem der Lastwagen, auf deren offenen Ladeflächen Sitzbänke für 20 Passagiere befestigt sind. Aufgewirbelter Staub brennt in den Augen. Die Fahrt von einem Hotel zum nächsten bis zum Nationalpark kann eine Stunde dauern. Fahren die Jeeps endlich in den Dschungel hinein, sind die meisten Gäste wegen der erstaunlich niedrigen Temperaturen durchgefroren.

Die Tortur ist überstanden, die Schönheit der Landschaft im ersten Morgenlicht überwältigend. Am Eingang des Reservats wird jedem Safari-Fahrzeug ein Ranger zugeteilt. Dann geht es endlich in den Park, in dem sich auf der dreistündigen Fahrt außer ein paar Rehen und vielen Pfauen jedoch nichts zeigt. Manchmal zeigt der Ranger in Richtung eines Rehs, das er „Tiger-Food“ nennt, ansonsten schweigt er.

Immer wieder hält der Jeep an. Aufmerksam lauscht der Ranger in den Dschungel hinein, aber es ist kein Knacken eines Astes, kein Warnruf von Affen und Vögeln, kein Getrappel von flüchtenden Rehen zu hören. Heute zeigt sich in dem Sektor kein einziger Tiger. „No Tiger“, stellt der Ranger treffend fest.

Dass überhaupt noch einige Dutzend Tiger im Rathambhore Park zu finden sind, ist der indischen Regierung zu verdanken, die das Areal schon 1973 zum Tiger-Schutzgebiet erklärte und der Wilderei in den 1990er Jahren Einhalt gebot. Die mehr als 50 Tiger des Ranthambore Nationalparks sind alle auf Fotos erfasst und durchnummeriert. Einigen hat man sogar Namen gegeben. Die berühmteste Katze ist Machali – neunfache Mutter, Fotomodel und Filmstar. Die „Königin von Rathambhore“ wurde weltweit bekannt, weil sie über ein Dutzend bis zu drei Meter lange Krokodile an den Seeufern getötet hat. Auf der Morgensafari aber zeigt sie sich nicht. Genauso wenig wie ihre Artgenossen. Auch die Nachmittagssafari bringt keine Foto-Ausbeute. Nicht mal etwas mehr Informationen. Der diesmal zugeteilte Ranger spricht kein Wort Englisch.

Am nächsten Tag haben die Gäste aber Glück: Beim Losverfahren bekommen sie Ranger Mazhar Khan zugeteilt. Jede Minute der Safari-Tour wird zum Genuss und dann zeigt sich tatsächlich auch noch ein Tiger. Es ist T    24, der bereits drei Menschen getötet hat! „Das waren Leute aus den Dörfern, die in den Park eingedrungen sind, um Holz zu sammeln. Das war nicht die Schuld des Tigers“, flüstert Khan beruhigend. So lange alle ruhig im offenen Jeep sitzen blieben, bestehe keine Gefahr, meint Khan. Wie beruhigend. Vorsichtig lässt Khan den Jeep bis auf wenige Meter an die Katze heranrollen. Ustad, der Tiger mit der Nummer 24, ist tatsächlich entspannt. Er ist offenbar an die vielen Menschen in den Jeeps gewöhnt. Als sich aber das vierte Safari-Fahrzeug nähert, faucht er ungnädig , steht auf und geht – so gelassen, so majestätisch und so beeindruckend, dass alle Strapazen der Reise vergessen sind.

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