EuroVision Song Contest : Renaissance des Fado

Das Fliesenmosaik von Fado-Legende Amalia Rodrigues im Alfama-Viertel – in Lissabon können Reisende viel Street Art entdecken.
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Das Fliesenmosaik von Fado-Legende Amalia Rodrigues im Alfama-Viertel – in Lissabon können Reisende viel Street Art entdecken.

In Lissabon findet Mitte Mai der Eurovision Song Contest statt. Portugals Hauptstadt ist dafür der perfekte Ort.

svz.de von
14. April 2018, 16:00 Uhr

Im Kellergewölbe des alten „Clube de Fado“ wird das Licht gedimmt. Mario Pacheco gibt mit seiner portugiesischen Gitarre die ersten Moll-Akkorde vor. Die Sängerin Cuca Roseta steht neben ihm an einer Steinsäule. Eine Bühne gibt es nicht.

Roseta hat die Augen geschlossen. Sie konzentriert sich, holt Luft.

Dann durchbricht ihre Stimme mit einer so gewaltigen Stärke und Leidenschaft die Stille, dass selbst die zahlreichen ausländischen Touristen ohne Portugiesisch-Kenntnisse sofort verstehen, worum es beim Fado geht: Sehnsucht, Wehmut, Liebe, Schmerz. Als die Frau ihre Stimme wieder senkt und die Augen schließt, applaudieren die Gäste nahezu andächtig. Ein Fado-Konzert ist ein Erlebnis und eine Chance, tief in die portugiesische Seele zu schauen.

Lissabon ist 2018 die Stadt des Eurovision Song Contest – vor allem aber ist es die Metropole des Fado. „Wer keinen Fado gehört hat, hat Lissabon nicht kennengelernt“, sagt Pacheco, dessen „Clube de Fado“ zusammen mit „A Baiuca“, „Casa de Linhares“ und „Senhor Vinho“ zu den angesagten Adressen im hügeligen Altstadtviertel Alfama gehört.

Besonders beliebt ist auch das Fado-Restaurant „Mesa de Frades“. In der alten Kapelle aus dem 18. Jahrhundert mit kunstvoll bemalten Wandfliesen und rustikalen Holzmöbeln tritt fast täglich der gefeierte Gitarrist und Besitzer Pedro de Castro an der Seite bekannter Fado-Sänger und Newcomer auf.

Auch die Einheimischen besuchen wieder verstärkt die knapp 30 Fado-Lokale im Alfama-Viertel. Das war nicht immer so. Früher gingen vor allem ausländische Touristen zu den Konzerten. Doch heute begeistern sich auch wieder viele Portugiesen für ihre melancholisch-nostalgische Traditionsmusik. „So populär wie heute war der Fado schon lange nicht mehr“, versichert Pacheco, einer der bekanntesten Fado-Gitarristen des Landes. „Dank einer neuen Generation von Künstlern erlebt der Fado derzeit eine regelrechte Renaissance.“ Pacheco spricht von Künstlern wie Carminho, Mariza, Ana Moura, Ana Sofia Varela – und Cuca Roseta.

„Wir haben dem Fado wirklich ein neues Gesicht gegeben. Wir singen heute unsere eigenen Lieder mit modernen Texten, kleiden uns nicht mehr traditionell in schwarzen Kleidern, wie es einst unter Fado-Sängerinnen üblich war“, erzählt Roseta.

Unter den Jugendlichen galt Fado lange als altmodisch. Doch das hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Joana Almeida ist dafür der beste Beweis. Sie ist gerade einmal 20 Jahre alt und sang vorher in einer Heavy-Metal-Band. Vor drei Jahren entdeckte sie ihre Liebe zum Fado. „Es sind vor allem die sehr intimen, tiefgehenden Texte, die mich für den Fado begeistert haben. Fado ist gesungene Poesie. Da wurde mir der internationale Pop-Rock-Mainstream irgendwann einfach zu langweilig“, sagt Almeida.

Sie ist mittlerweile eine der großen Fado-Newcomer-Sängerinnen Portugals. Neben zeitgenössischen Künstlern wie Gisela Joao oder Carminho vergöttert Almeida vor allem Ikonen wie Fernanda Maria und Amalia Rodrigues, die „Königin des Fado“, deren Wohnhaus in Lissabon in ein sehenswertes Museum umgewandelt wurde.

Es war das ehemalige Maurerviertel Mouraria, in dem der Fado Anfang des 19. Jahrhundertes geboren wurde. „Fado bedeutet Schicksal und wurde vor allem in anrüchigen Kneipen von den Prostituierten gesungen“, sagt Sara Pereira, Direktorin des Fado-Museums in Alfama.

Wie im Klub „Maria da Mouraria“ treffen sich auch in den zahlreichen Fado-Bars im Bairro Alto spät in der Nacht junge Portugiesen zu Konzerten. Mal wird traditioneller Fado gespielt, mal ganz moderner.

Es gibt sogar Fusion-Varianten mit Jazz oder Elektro-Musik.

Das vielleicht bekannteste Beispiel für solche Genremischungen ist der portugiesische Musiker Salvador Sobral, der im vergangenen Jahr mit seinem „Amar pelos dois“ den Eurovision Song Contest in Kiew gewann. So verwandelt sich seine Heimatstadt Lissabon nun vom 8. bis 13. Mai 2018 in Europas Musikhauptstadt.

Die Fusion verschiedener Stile sei generell ein besonderes Markenzeichen der portugiesischen Musikszene, erklärt Karla Campos.

Sie muss es wissen: Campos gehört zu Portugals renommiertesten Konzert- und Festivalmanagerinnen. „Lissabon hat eine sehr lebendige Jazz-, Elektro- und House-Musik-Szene. Viele Musiker stammen aus ehemaligen portugiesischen Kolonien wie Angola, Brasilien, Mosambik oder den Kapverdischen Inseln und bauen ihre landestypischen Rhythmen wie Bossa Nova oder Samba ein.“ Es gibt sogar eine eigene portugiesische Hip-Hop-Variante namens Hip Hop Tuga, der den klassischen Hip-Hop-Sound mit afrikanischen Rhythmen und Reggae-Elementen mischt.

Im Sommer zeigt sich Lissabon mit einer Vielzahl von Festivals und großen Open-Air-Konzerten besonders musikalisch.

Manuel Meyer

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