US-Bundesstaat Washington : Natur pur in 59 Nationalparks

Ruby Beach gehört zum Olympic National Park und ist einer der am häufigsten fotografierten Strände an der US-Westküste.
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Ruby Beach gehört zum Olympic National Park und ist einer der am häufigsten fotografierten Strände an der US-Westküste.

Eine Mischung aus tropischem Dschungel und verzaubertem Märchenwald

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27. August 2016, 12:00 Uhr

Washington gibt es in den USA mehrfach – unter anderem als Bundeshauptstadt mit Capitol und Weißem Haus.

Etwa 4000 Kilometer davon entfernt trägt aber auch ein Bundesstaat diesen Namen – in der, von Alaska einmal abgesehen, nordwestlichsten Ecke des Landes. Washington State bietet mit Seattle zwar auch eine Großstadt, ansonsten aber vor allem Natur mit gleich drei Nationalparks: Mount Rainier und Olympic sowie North Cascades an der Grenze zu Kanada.

Zum 100-jährigen Bestehen des National Park Service erwarten die Parks jetzt noch mehr Besucher als sonst – gerade auch aus Deutschland. „Ohne Euch wäre es hier ein Stück leerer. Die Deutschen scheinen unsere Natur wirklich zu lieben“, sagt Kathy Steichen vom 1899 gegründeten Mount Rainier National Park. Hinter ihr erhebt sich der fast 4400 Meter hohe Berg, den manche auch Tacoma nennen und den man schon im Anflug auf Seattle sieht. Er gehört zu den bekanntesten Bergen der USA, obwohl es 16 höhere gibt. Aber seine Schönheit und seine Lage, nur gut eine Autostunde von Seattle entfernt, machen ihn zu einer der größten Touristenattraktionen im Nordwesten der USA.

„Der Berg bietet für alle etwas“, sagt Steichen. „Wer nur eine Stunde wandern will, hat dafür den passenden Pfad. Wer sich aber mehr zutraut und für sich sein will, findet auch seinen Weg. Von der Familie mit Kinderwagen bis zum Extremsportler: Wir haben hier alles.“ Die meisten seien gut ausgerüstet, und wer dann doch in Absatzschuhen auf einen der langen Pfade geht, bekommt einen freundlichen Hinweis der Ranger.

„Auch bei uns gilt: Haben Sie vor allem Wasser dabei“, rät Steichen. Dabei bietet der Park den Luxus, dass man seine Flasche immer wieder an kleinen Bergquellen auffüllen kann, deren Wasser auch im Hochsommer kühl ist und köstlich schmeckt.

Der erste Nationalpark der USA entstand 1872 am Yellowstone River in Wyoming. Es war zugleich der erste Nationalpark der Welt. Erst im August 1916 wurde der National Park Service gegründet, dessen Ranger die mittlerweile 59 Parks und Hunderte historische Stätten betreuen.

Zum Jubiläum gibt es Feierstunden, Sondermünzen, Briefmarken und Broschüren. Und ein Geschenk für Schulkinder: „Jeder Viertklässler in den USA bekommt einen Familienpass für einen Park“, erklärt Steichen. „Der gilt zwar für die ganze Familie, aber er gehört eigentlich dem Zehnjährigen – und der soll dann auch entscheiden, wo es hingeht.“ Damit sollen Parks und Natur fester in der künftigen Generation verankert werden. Kein Kind soll glauben, dass Kühe lila sind.

„Wir haben hier Berge, Ozean und Regenwald. Wer kann das schon bieten?“, sagt Rangerin Barb Maynes im Olympic National Park, der nordwestlich des Mount Rainier liegt. „Es gibt hier Bäume, die zehn Männer nicht umfassen können. Und dann kommen Kinder aus der Stadt, die noch nie vorher in einem Wald waren, und stehen mit offenen Mündern da.“

Olympic hat jedes Jahr mehr als drei Millionen Besucher und gehört zu den beliebtesten Parks der USA. Er liegt auf einer Halbinsel und ist so abgelegen, dass es viele Tier- und Pflanzenarten gibt, die nur hier leben. Breite Strände gehen in feuchten Wald über, der mit umgestürzten, von Moos überwachsenen Bäumen wie im Märchenbuch aussieht. „Wir greifen nur ein, wenn Menschen gefährdet werden“, sagt die Rangerin. „Ansonsten soll Natur hier Natur sein.“

So dachte man nicht immer. Vor einem Jahrhundert, als es den Nationalpark noch nicht gab, wurden am Fluss Elwha zwei Dämme gebaut – ohne Rücksicht auf Tiere und Pflanzen und auch nicht auf die Ureinwohner. Diese warnten vor den Folgen für die Natur, aber niemand hörte zu. In den vergangenen Jahren wurden im Zuge eines der größten Renaturierungsprojekte der Erde die beiden Dämme abgerissen.

„Nach 100 Jahren Wasser sah das nicht gerade wie ein Garten aus“, sagt Maynes. „Aber die Natur hat sich alles schnell wieder zurückgeholt.“ Zurückgekehrt sind, wie von den Ureinwohnern vorausgesagt, auch die Lachse. Wer im Herbst kommt, sieht die großen Fische zu Tausenden, wie sie sich die Ströme hochquälen. An einigen Stellen schwimmen sie Flosse an Flosse. Bären lassen sich das nicht entgehen und schlagen sich die Bäuche voll. Die Nationalparks sind ein Widerspruch in sich: Sie sollen die Natur bewahren und unverfälscht zeigen, zugleich aber zugänglich sein, auch für Kinderwagen und Rollstühle. Praktisch immer führen gut ausgebaute Straßen in die Wildnis.

„Wenn wir die Menschen auf diese Weise gewinnen können, soll es mir recht sein“, sagt Jon Preston, Ranger im Hoh Rain Forest, einem Teil des Olympic National Parks. Straßen und Wanderwege berührten nur einen kleinen Teil der Parks.

„Wir kennen nur die 30 Meter links und rechts vom Weg. Aber was ist dahinter? Da draußen könnten Dinosaurier sein, und wir hätten keine Ahnung.“ Der Rain Forest hat seinen Namen nicht zu Unrecht. Hier kommen jedes Jahr 3400 Millimeter Regen runter – fast das Fünffache des deutschen Durchschnitts. Es tropft fast immer von den Blättern, selbst wenn die Sonne scheint.

Aber viel öfter liegt der Park in der Dämmerung, und es ist ein Heidenlärm: Die Bäume rauschen im Wind, und ziemlich jedes Tier im Park scheint auf sich aufmerksam machen zu wollen. Es ist eine Mischung aus tropischem Dschungel und verzaubertem Märchenwald.

Preston ist Ranger mit Leib und Seele. Jeden Tag ist er im Wald, auch wenn er frei hat. Wenn er die Welt außerhalb des Parks meint, spricht er von „da draußen“. Ein verschrobener Sonderling ist er nicht, er freut sich über Besucher – obwohl er manchmal auch an ihnen verzweifelt. „Da zeigt man einen 800 Jahre alten Baum und die einzige Frage ist: He, Ranger, wie viele Dollar ist der wert?“

Aber es gibt auch andere Erlebnisse: „Eine alte Frau mit Tochter und Enkelin machte vor dem Baum ein Foto. Anschließend zeigte mir die Großmutter ein vergilbtes Bild mit drei Frauen vor dem selben Baum. Auf dem Foto war sie die Kleine, es muss uralt gewesen sein. Das sind Momente, in denen mir klar wird: Wir sind nur ein Teil der Natur. Nur ein ganz kleiner Teil der Natur.“

Reiseziel Washington State

Anreise: Nach Seattle fliegen unter  anderem Lufthansa und Condor. Ein Nonstopflug von Frankfurt/Main aus dauert etwa zehn bis elf Stunden.

Einreise: Deutsche Urlauber brauchen kein Visum, müssen sich unter: esa.cbp.dhs.gov. eine elektronische Einreiseerlaubnis besorgen (Esta). Sie kostet 14 US-Dollar.

Reisezeit: Der Sommer ist zwar schön, dann sind aber auch sehr viele Reisende unterwegs.

Geld: Für einen Euro gibt es rund 1,12 Dollar (Stand: August 2016). Internet: www.nps.gov

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