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Reise und Tourismus

18. Oktober 2017 | 02:14 Uhr

Lappland : Jenseits der Rentier-Romantik

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zeit der Wanderungen: Bevor der große Schnee kommt, treiben die Ureinwohner Lapplands ihre Rentiere zusammen – mit Hubschraubern und Quads.

In kleinen Schneehuhn-Schritten werden die Tage am Polarkreis kürzer. Jeden Tag etwa sieben Minuten. Für die Samis, Europas einzige Urbevölkerung, beginnt Tjakttja, der Herbst: Der Frost meldet seine Anwesenheit an, das Gras liegt am Morgen wie ergrautes Haar über dem Land. Die Zeit möchte das Erdreich zur Ruhe legen. Doch die Rentierzüchter können dem noch nicht folgen.

Quads schieben sich jaulend durch den regenweichen Torfboden, die Luft wird von Hubschrauber-Rotoren zerschnitten, Hunde bellen und treiben eine große Herde Rens in den Pferch. Jede Menge Autos säumen den schmalen Waldweg. Familien und Freunde sind mit Tom und Lotta Svensson gekommen, um zu helfen. Ein kleines Feuer spendet den Kindern Wärme vor dem frischen Wind und erhitzt schon mal das Wasser für den typisch lappländischen Kochkaffee.

Rund 2000 Tiere zwischen den beiden großen Flüssen Skellefte- und Vindelälven gehören vier Rentierhalter-Familien. Sie haben sich in einer Kooperative zusammengetan, die die Tiere gemeinsam hegen, zu den Futterplätzen bringen und im Herbst Rentierfleisch an die von ihnen betriebenen Wildläden in den Städten liefern.

„Alle Rentiere haben Eigentümer“, erklärt Lotta Svensson. „Man erkennt sie an ihren Ohrmarkierungen.“ Jedes Familienmitglied hat seine eigene. Unter anderem die Polizeistationen besitzen das dicke Buch, in dem alle diese Kerben beschrieben sind, um im Falle eines Autounfalls mit Rentieren den Eigentümer informieren zu können. Ohrmarken wie bei Schafen und Kühen haben sich nicht bewährt, weil die Tiere zu oft an Ästen oder Gestrüpp hängen bleiben.

Einige Rens im Pferch tragen farbige Halsringe, eine Glocke oder einen GPS-Sender. „So wissen wir immer in etwa, wo sich unsere Herden aufhalten“, erklärt die Sami – wie die Einwohner sich nennen. Wo übrigens die alte Bezeichnung Lappe herrührt, die dem sich über vier Länder erstreckenden Lappland ihren Namen gab, ist nicht endgültig geklärt. Man vermutet, vom altfinnischen „Lappeea - Randgebiet“. Fremde, die von „Lappen“ sprechen, werden als respektlos angesehen, es gilt als Schimpfwort.

Es ist noch früh am Morgen, als der Heli abdrehen und der Pferch geschlossen werden kann. Die Quads stehen gesichert und die vierbeinigen Helfer der Rentierzüchter, Elchhunde, Arbeits-Kelpies oder Shepards, sind herangerufen. Fika – Kaffeepause am Feuer.

Hinter den Männern und Frauen liegen schon die farbigen Lassos. Sobald die Tiere im Pferch zur Ruhe gekommen sind, werden sie geworfen.

„Ein paar Kälbchen sind uns im Juni bei der Ohrmarkierung durchgerutscht“, erklärt Tom Svensson. Noch laufen sie neben ihren Müttern – die übrigens wie die männlichen Tiere Geweihe tragen, um ihre im Mai geborenen Jungen schützen zu können. Die männlichen verlieren ihr Gehörn im Frühjahr, die weiblichen im Herbst vor der Brunft.

Die kleinen Rens werden als erstes von ihren Besitzern herausgefangen und markiert. Und dann sind mehrere drei- bis fünfjährige Bullen dran. Die sollen den Weg zum Schlachtbetrieb nehmen. „Zu viele männliche Tiere in den Herden ergäben zu viele Rangkämpfe“, so der Sami. Aber Kraft, Wahnsinnskraft haben sie. Bis zu vier Männer müssen halten und kämpfen, um ein Tier mit einem Kopfschuss betäuben und in den Rentierhimmel schicken zu können. Der Kühl-LKW steht schon am Waldweg.

Die anderen Tiere werden wieder in die freie Natur entlassen. In den nächsten Tagen wird die Brunft in vollem Gange sein und die Samis haben – wie alle Schweden – andere Tiere im Kopf: Elche. Herbst ist Elchjagdzeit. Ab Mittelschweden aufwärts kann es durchaus vorkommen, dass Behörden und Ämter zwei Wochen lang herren- und frauenlos sind: Alle im Elchfieber!

Bevor im November mit dem Frühwinter, Tjakttjadálvie, die Sonne weiter davon wandert, um zur Wintersonnenwende nur noch für vier Stunden über die schneebedeckten Wipfel der Taigafichten zu schauen, beginnt für Samis die Zeit der Wanderungen: Die Rentiere müssen mit Hubschraubern und Quads zusammengetrieben werden, bevor der große Schnee kommt. Kühe, Kälber und die stärksten Bullen werden rund 200 Kilometer an die Küste gebracht, weil sie dort mehr Gras, Moos und Flechten sowie Schutz vor Raubtieren finden. In Gasa – gelegen zwischen Arjeplog, Sorsele und Arvisdjaur – kann im Winter durchaus zwei Meter hoch Schnee liegen, Temperaturen unter -30 Grad fallen. Vor allem die Rentierkälber werden dann leichte Beute für Raubtiere. Bist zu 50 Prozent der Jungen überleben ihr erstes Jahr wegen der Wölfe, Luchse, Bären und Vielfraße nicht.

Wenn sich später im Dálvvie, dem samischen Winter, Millionen glitzernder Schneekristalle über die Rentierweiden gelegt haben, bleibt nur noch eine kleine, etwa 20 Tiere umfassende Herde bei Tom und Lotta – für Besucher, die mehr über das Leben der Samis und ihrer Rentiere erfahren möchten. Die beiden organisieren Führungen und laden ein in ihr samisches Dorf, das vor hundert Jahren ihre nomadischen Vorfahren errichteten. In der Kota, der Hütte, kann man mit ihnen am Feuer sitzen und lauschen: Der Stille, dem Gesang, der Geschichte ihres Volkes oder den Geschichten über Kultur und Bräuche. Wie der von den acht Jahreszeiten, die für Samis das Wechselspiel der Natur verdeutlichen. Zwischen die vier bekannten schieben sich vier weitere – der Spätwinter, Frühsommer, Spätsommer und bald beginnende Frühwinter. „In dem die Sterne in klaren Mustern leuchten, so dass wir den Weg in das neue Jahr finden, das auf uns wartet“, heißt es.

Kontakt: www.batsuoj.se


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