Unterwegs im Libanon : Im Land der Sprüche

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„Den Libanon kannst du nicht verstehen. Und wenn du glaubst, ihn verstanden zu haben, hat man ihn dir falsch erklärt.“

svz.de von
15. November 2015, 08:45 Uhr

Auf der Fahrt mit dem Taxi ins Nationalmuseum von Beirut wird der Fahrer plötzlich sehr laut. Meint er mich? Nein, er ist ganz bei sich. Schreit lauter und lauter. Gestikuliert. Zeigt durchs offene Fenster hierhin und dorthin. Spuckt auf die Straße. Betet er? Predigt er? Verflucht er den Stau? Ist er wahnsinnig? Mir wird zum ersten Mal klar, was einer dieser Sprüche bedeuten könnte, mit denen dieses Land seine Identität zu beschreiben versucht: „Den Libanon kannst du nicht verstehen. Und wenn du glaubst, ihn verstanden zu haben, hat man ihn dir falsch erklärt.“

Der Fahrer hält an, lädt das Gepäck einer muslimischen Familie ein. Die Frau mit Kopftuch klettert hinten ins Taxi, sagt Salem Aleikum, und ich antworte, wie ich es von Karl Mays Hadschi Halef gelernt habe, mit Aleikum Salam. Dann geht es weiter – mit der Fahrt und dem Gebrülle. Weil wir wieder im Stau feststecken, fragt mich der Fahrer freundlich, ob ich nicht zu Fuß gehen will, das Museum sei gleich dort drüben. Ich will, mit mir kann man doch reden.

Im Nationalmuseum sind die archäologischen Schätze der Phönizier, Griechen und Römer zu bewundern. Jener antiken Völker, die in dieser strategisch günstig gelegenen Weltengegend siedelten. Levante nannte man die Länder am östlichen Mittelmeer früher. Heute heißen die Staaten dort Israel und Syrien, der winzige Libanon in der Mitte.

Mir gefallen im Museum besonders die riesigen Marmorsarkophage. Reliefs an diesen antiken Särgen erzählen von Troja, von Trinkgelagen und Liebesspielen. Plötzlich geht das Licht aus. Wie oft in Beirut. Ich bin für 30 Sekunden im Dunkel allein mit 5000 Jahren Geschichte. Als es wieder hell wird, stehe ich vor einem prächtigen Mosaik, das einen Hirten inmitten von Tieren und Pflanzen zeigt. In der linken unteren Ecke klafft ein Loch, Hinterlassenschaft eines Heckenschützen. Eine weise Entscheidung des Museums, diese Wunde im Mosaik nicht zu restaurieren und an die Bürgerkriegsjahre zwischen 1975 und 1990 zu erinnern, die noch immer das Bild des Libanon in der Welt prägen. Bis heute sind Einschusslöcher und Kriegsschäden nicht ganz aus dem Stadtbild verschwunden. Hinter dem exklusiven Phoenicia-Hotel ragt die Ruine des früheren Holiday Inn mit ihren Fensterhöhlen empor. Es muss ein seltsamer Krieg gewesen sein, trotz seiner über 70 000 Toten. DJs drehten die Musik lauter, wenn geschossen wurde und schickten die Gäste während der Waffenruhen nach Hause. Nouchka Abdelnour, die uns temperamentvoll durch Beirut und die verwunschene antike Stadt Byblos führt, erzählt, wie sie mit Radio und Whisky im Keller Partys feierten, während draußen geschossen wurde.

„Achtmal musste ich die Fensterscheiben ersetzen. Na und? Ich lebe. So sind wir Libanesen. Erdbeben, Kriege – wir bauen unser Land immer wieder auf. Ein guter Kaffee – und wir sind glücklich.“ Was bei 300 Sonnentagen im Jahr auch nicht ganz so schwer fallen mag. Im Frühjahr kann man morgens im Meer baden und mittags in die nahen Berge zum Skilaufen fahren.

Nicht zu vergessen die gute, levantinische Küche. Allein die Mezze, die köstlichen Vorspeisen, sind Gedichte. Hunderte soll es geben. Vielleicht 50 von ihnen präsentiert unserer kleinen Journalistengruppe Thomas Figovc, der Herr der Speisen und Getränke im edlen Phoenicia. Das Hotel hat die Rolle eines Kulturbotschafters übernommen, um für den Libanon zu werben und das Land zu erklären – auch in all seiner Widersprüchlichkeit. „Wir haben oft keinen Strom und seit zwei Jahren keinen Präsidenten, weil sich die Parteien nicht einigen, ständig gibt es Verkehrschaos, rund um Beirut leben in Lagern Millionen palästinensischer und syrischer Flüchtlinge – aber so lange wir eine Wasserpfeife rauchen und gut essen können, geht es uns gut“, sagt Figovc. Und stapelt dabei hoch oder tief?

„Für so ein Festmahl“, sagt Figovc, der lustige Lukullus vom Phoenicia, das wie die Tafel vor uns einem Märchen aus 1001 Nacht entsprungen sein könnte, „kocht eine Hausfrau eine Woche lang.“ Schon nach den kalten Mezze möchte man die weiße Flagge schwenken. Aber es kommen noch die warmen Vorspeisen, die Fleischspieße, die Desserts, das Eis… „Das Gesetz der libanesischen Gastfreundschaft: Du kannst beim Essen nicht gewinnen.“ Wieder einer dieser schönen Sprüche.

Ein bisher uneingelöstes Versprechen ist auch das Zentrum Beiruts, das nach dem Krieg in Trümmern lag und einer radikalen Schönheits-OP unterzogen wurde, mit hypermoderner Architektur. Vom alten Beirut sind hier nur noch die Kirchen und Moscheen einer der 18 Glaubensgemeinschaften des Libanon übrig. Ansonsten hat die nicht unumstrittene Aktiengesellschaft „Solidere“ die Souks von Beirut hingeklotzt, entfernt an alte Basare erinnernde Boutiquenstraßen, in denen alle Edelmarken der Welt Hof halten. Ein Shoppingparadies. Seelenlos, oft auch menschenleer und zum Teil mit Stacheldraht versperrt, um das Parlament vor gewaltsamen Protesten gegen Müll- und Regierungsnotstand zu schützen.

Ob ich nach Beirut zurückkehren werde? Bestimmt. Die legendäre Ruinenstadt Baalbek in der Beqaa-Ebene wartet, die alte Hafenstadt Tripoli und das wilde Choufgebirge. Davon abgesehen: Im Libanon verändert sich der Alltag täglich, habe ich im gerade wiedereröffneten Sursock Palast gelesen. Nur ein Spruch?

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