Frühlingserwachen in Spanien : Höllisches Treiben in Valencia

Ein funkenspeiender Drache wird von kleinen Teufeln durch die Straßen getragen - zur Freude von Groß und Klein.
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Ein funkenspeiender Drache wird von kleinen Teufeln durch die Straßen getragen – zur Freude von Groß und Klein.

Im März feiert eine ganze Stadt mit Feuersäulen und Funkenregen das Frühlingsfest „Fallas“ - eines des größten Volksfeste Spaniens.

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03. März 2018, 16:00 Uhr

Menschenmassen, Volksauflauf. Ein Fest, wie es prächtiger nicht sein könnte. Alle, alle sind gekommen, sich am Spektakel zu berauschen: Stolze Falleras in kostbarer Seidentracht, bäuerliche Familien aus der Provinz, Städter im Sonntagsstaat. Wer nicht laufen kann, rollte in Rollstühlen oder Kinderwagen heran. Am Nachmittag hatten sie der turmhohen Jungfrau auf der Plaza de la Virgen andächtig Blumen geopfert. Jetzt wollen die Menschen an der Calle de Colón Feuer sehen.

Die Nacht ist kühl und schwarz, bald wird sie heiß und glühend sein. Von weitem künden leise Trommelwirbel den Feuerlauf, Correfoc, an. Mira, mira, schau, da kommen sie. Ein kleines Mädchen auf den Schultern seines Vaters hat sie als erste entdeckt. Mönche in blutroten Kutten und pechschwarze Teufelinnen rennen voran, lassen schwefelgelben Funkenregen niederprasseln, zeigen ihre Dreizacke wie Folterinstrumente vor. Auf dem Marketenderwagen rumpelt satanischer Hausrat heran: Feuerräder, rostige Ketten, glühende Eisen. Ein wahrlich höllisches Treiben mitten in der katholischen Bischofsstadt Valencia und das am Namenstag des Heiligen Josef.

Doch damit nicht genug. Teufel und Satansweiber sind nur die Vorhut für das Kommende, La Cremá, ein Inferno sonders gleichen. Wenig später schlagen Feuersäulen in die Luft und alle werden brennen: Liebende und Kämpfende, Spaßvögel und Mächtige, Kinder und Kuscheltiere. Glücklicherweise sind es nur bunt bemalte Puppen, rund 800 in monatelanger Arbeit gefertigte Standbilder, die seit Tagen auf den Plätzen der Stadt glänzen. Niemand wird ruhen bis morgens um vier die Letzte zu Asche geworden ist. Als brennende „Fallas“ geben die Figurengruppen dem Frühlingsfest seinen Namen. Was einst als bescheidener Kehraus begann, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem größten spanischen Volksfeste. Die Unesco hat es vor zwei Jahren zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt.

Anmutig: Zwei „Falleras“ in ihren seidenen Festtagskleidern.
Gabriele Derouiche
Anmutig: Zwei „Falleras“ in ihren seidenen Festtagskleidern.
 

Und am Tag danach? Man reibt sich verwundert die Augen. Blankgeputzt liegen Straßen und Plätze der drittgrößten Stadt Spaniens im Sonnenlicht. Wo vor wenigen Stunden noch Ruß den Boden schwärzte, Ascheregen auf Laternen, Brunnen und Plätze niederging, nichts als morgendliche Unschuld und Frische, nur hier und dort ein paar feuchte Stellen vom Wasser der Putzkolonnen. In den Cafés, den Bäckereien, beim Schuster und in all den kleinen Läden klingeln wieder die Kassen. Ein ganz normaler, bunter spanischer Werktag nimmt seinen Lauf.

Seit einigen Jahren wird Valencia als urtümliche Alternative zum tourismusgefluteten Barcelona gehandelt. Ganz zu recht. In der wuseligen Altstadt reihen sich kunsthistorische Perlen wie die Seidenbörse des 15. Jahrhunderts und die monumentale Kathedrale mit ihren romanischen und barocken Portalen aneinander. Im inneren des Doms erzählt der Weinkelch Christi, der Heilige Gral, vom letzten Abendmahl und tiefer Gläubigkeit.

In der Kathedrale der Genüsse hingegen, dem nahen Mercado Central, wetteifern die Händler wie gewohnt um die saftigsten Orangen, die frischesten Gambas, die feinste Pata Negra. Reis, Safran und Kaninchenfleisch stehen bei vielen auf der Einkaufsliste – in der 1928 erbauten Markthalle kaufen Köche und Familien die Zutaten für die berühmte valencianische Paella ein.

Bunte Standbilder gibt es auf den Plätzen der Stadt zu bewundern.
Gabriele Derouiche
Bunte Standbilder gibt es auf den Plätzen der Stadt zu bewundern.

Doch vor dem Genuss kommt die Pflicht. In den Bürotürmen am Stadtrand arbeitet man sich nach der langen Nacht durch einen Achtstundentag. Der Besucher aber schnappt sich eines der vielen Mietfahrräder und radelt den Grüngürtel entlang, der die Stadt wie ein blütenbuntes Schmuckband durchzieht. Er ist das ehemalige Flussbett des Turia, das man vor sechzig Jahren wegen gewaltiger Überschwemmungen trockenlegte und in der letzten Dekade in einen großartigen Freizeitpark verwandelte.

Fast acht Kilometer ziehen sich die Anlagen quer durch die Stadt bis zum Mittelmeer hin. Hier tummeln sich am Wochenende Tausende, doch heute haben die Radler das Terrain fast für sich allein. In erstaunlicher Ruhe, durch einen Wall abgeschirmt vom brausenden Verkehr, gelangt man unter Pinien und Palmen dahinrollend bis zum Hafen. Nur die alten Brücken erinnern daran, dass hier einst ein Fluss entlangströmte.

Vorbei geht es an Santiago Calatravas Stadt der Künste und der Wissenschaften, die allein einen Tagesausflug wert ist. Die in weiß gehaltene Anlage mit dem eleganten, etwas überdimensionierten Opernhaus und dem spektakulären L'Oceanogràfic, dem größten Aquarium Europas, feiert die Extravaganz des Stararchitekten. Stilecht sind auf den künstlichen Teichen nur weiße Ruderboote zugelassen. Höhepunkt des Staunens ist der Glastunnel des L'Oceanogràfic, wo Rochen, Haie, Wale, Seekühe nur so um den Betrachter herumrauschen, oben, unten, seitwärts, bis einem fast schwindelig wird.

Weiter geht es per Rad in östlicher Richtung bis zum Hafen, der Pforte zu den kilometerlangen, breiten Stadtstränden. Der Blick schweift bis zum Horizont. Das Auge findet Ruhe. Nur die fernen Rufe der Volleyballspieler mischen sich in das Meeresrauschen. Langsam senkt sich die Sonne.

Von den Strandrestaurants weht der Duft garender Paella herüber. In großen Pfannen schmurgelt der würzige Reis wahlweise mit Bohnen, Kaninchenstücken oder Gambas bedeckt vor sich hin. Fleisch und Meeresgetier im Traditionsgericht zu mischen sei eine schlechte Angewohnheit der Ausländer erklärt der Ober. Typisch Valencia, könnte man auch sagen. Hier findet der Besucher eine authentische Esskultur, Kompromisse für die Gäste macht man nur ungern.

Der Frühsommer ist die ideale Jahreszeit, wenn die Temperaturen nicht zu heiß und die Strände noch wenig bevölkert sind. Wer freilich für die Fallas brennt, der streicht die Woche um den 19. März dick im Kalender an. In der Nacht des Heiligen Josef wird er die Funken sprühen und die Flammen schlagen sehen. In den Werkstätten wird schon heute wieder an den haushohen Figuren gebaut. Denn nach dem Fest ist vor dem Fest. Das wahre Valencia freilich findet man in den 51 Wochen zwischen den Feiertagen.

Reiseziel Valencia

Anreise: Ab Hamburg fliegt Ryain Air nonstop nach Valencia. Andere Airlines legen einen Zwischenstopp ein.
Fallas: In diesem Jahr werden die Fallas vom 15. bis zum 19. März gefeiert.
Informationen: www.spain.info, www.visitvalencia.com

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