Hinterland der Côte d'Azur : Hier ticken die Uhren anders

Der alte Bahnhof von Thorame ist Haltepunkt der Pinienbahn, die das Haute Verdon mit Nizza verbindet.
Der alte Bahnhof von Thorame ist Haltepunkt der Pinienbahn, die das Haute Verdon mit Nizza verbindet.

Wer im Hinterland der Côte d'Azur durch die Berglandschaft streift, schläft in Dörfern, die es eigentlich nicht mehr gibt.

svz.de von
11. Juni 2016, 16:00 Uhr

Jean-Luc Rouquet schiebt seine Brille auf die Nase und lächelt. Der 60-jährige Franzose mit dem schneeweißen Haar und der Förster-Uniform steht mit einer Gruppe Wanderer vor der Steinfassade der Gite de Rabioux. Gemeinsam betrachten sie die imposanten Flügeltüren des hübsch renovierten Refugiums auf 1300 Metern Höhe inmitten der südfranzösischen Haute-Provence. Rechts und links ragt dunkelgrüner Lärchenwald hervor. Daneben erinnern Mauerreste an eine Schule, eine Kirche, an längst vergangenes Leben. Nur die bombastischen Gipfel der Aurouze-Berge wachen noch immer über den friedvollen Flecken im Hinterland der Côte d'Azur.

„Dies ist das letzte erhaltene Wohnhaus des einstigen Dorfs Rabioux. In mühevoller Kleinarbeit haben wir es instand gesetzt. Jetzt steht es Wanderern auf einem schönen Rundpfad als Unterkunft zur Verfügung“, erklärt Jean-Luc. Mit „wir“ meint er den ONF, den Office National des Forêts, die staatliche französische Forstbehörde, die mit ih-rem Projekt Retrouvance – was so viel heißt wie Wiederentdeckung – die Erinnerung an die alten provenzalischen Siedlungen am Leben halten will. „Vor über hundert Jahren hat hier eine ganze Dorfgemeinschaft gelebt, mit spektakulärem Blick auf das Tal.“ Rabioux ist eines der zahlreichen, bereits im letzten Jahrhundert von seinen Bewohnern verlassenen Bergdörfer in der Provence. Wären da nicht der ONF und der unermüdliche Monsieur Rouquet, die Dörfer wären längst in Vergessenheit geraten – und die gesamte Region dazu.

In Agnielles, zwei Wanderetappen von Rabioux entfernt, sitzen heute Touristen im ehemaligen Gutshaus einer Großfamilie und genießen Enten-schenkel mit Ratatouille. Über den Pass Lauteret sind sie gewandert, durch den scheinbar leblosen Weiler La Cluse und das spektakuläre Aurouze-Massiv. In Peyresq, dem schönsten der einst verlassenen Provence-Bergdörfer, ragen steinerne Hausfassaden aus den Bergwänden, grasumrandete Schotterpisten führen durch mittelalterliche Gassen. Es gibt keine Straße, keine Bank, nur die grandiose Natur fernab der Zivilisation.

Was entfernt klingt, ist schnell erreicht. In zwei Stunden bahnt sich die Pinienbahn den Weg vom mondänen Nizza an der Côte d'Azur hinauf in die Berge zum Bahnhof Thorame, wo die Reise in die Vergangenheit beginnt.

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