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Die Wohnung von Astrid Lindgren : Hier ist die Zeit stehen geblieben

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Aus der Onlineredaktion

Mehr als 60 Jahre hat Kinderbuchautorin Astrid Lindgren in ihrer Stockholmer Wohnung gelebt – die Räume sind bis heute unverändert.

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2017 | 16:00 Uhr

Das aufschlussreichste Detail in der Wohnung von Astrid Lindgren in Stockholm ist ein Stück abgewetzter Teppich. Genau vor ihrem Bett ist der billige braune Belag an einer Stelle komplett ausgetreten – da, wo sie morgens immer ihre Füße hinsetzte. Drei Dinge lassen sich daraus ableiten: Astrid Lindgren lebte sehr lange hier. Sie war ein Gewohnheitsmensch. Und sie war sehr bescheiden – sonst hätte sie den Teppich wohl irgendwann erneuert.

Seit einiger Zeit kann man das Heim der berühmten Kinderbuchautorin besichtigen. Man muss etwas suchen, bis man den Eingang gefunden hat. Auf dem Weg in den ersten Stock kommt ein anderer Mieter die Treppe hinunter und grüßt. An der fast etwas schäbigen Wohnungstür ein unscheinbares Schild: „A Lindgren“. Kurzes Klingeln, die Tür wird geöffnet. „Guten Morgen, gut gefunden?“ Man tritt ein, hängt den Mantel auf. Auf dem Weg durch den Flur knarren die Dielenbretter. Im Esszimmer steht eine Tasse Tee auf dem Tisch. Ist Astrid Lindgren vielleicht gar nicht  ...  ? Apfelsinen und ein halb gefülltes Marmeladenglas deuten darauf hin, dass die Küche hin und wieder noch benutzt wird. Zugleich wirkt vieles wie aus einer anderen Zeit: Die Gläschen im Gewürzregal gibt es heute so nicht mehr zu kaufen.

Der Vasapark vor Astrid Lindgrens Haus (links), in dem sie oft spazierenging. 1944 verstauchte sie sich hier in einem Schneesturm den Fuß. Daraufhin begann sie, im Bett „Pippi Langstrumpf“ zu schreiben.
Der Vasapark vor Astrid Lindgrens Haus (links), in dem sie oft spazierenging. 1944 verstauchte sie sich hier in einem Schneesturm den Fuß. Daraufhin begann sie, im Bett „Pippi Langstrumpf“ zu schreiben. Foto: dpa
 

In den übrigen Räumen ist dieses Gefühl noch wesentlich stärker: Man wähnt sich 30, 40, 50 Jahre zurückversetzt. Es ist ungefähr so, als würde man noch einmal die Wohnung seiner lang verstorbenen Großeltern betreten. Gleichzeitig machen die Zimmer einen belebten Eindruck, weil hier hin und wieder noch die Tochter und die Enkel von Astrid Lindgren zusammenkommen. Die Wohnung hat dadurch überhaupt nichts Museales. Man hat den Eindruck, Astrid Lindgren wäre nur mal eben raus, Milch holen.

„Als Astrid 2002 starb, war sich die Familie darüber im Klaren, dass viele Leute gerne sehen würden, wo und wie sie gelebt hat“, erzählt Cilla Nergårdh, Sprecherin der Lindgren-Erben. Das Problem war, dass Lindgrens Tochter Karin Nyman – heute ist sie über 80 – den Ort ihrer Kindheit und Jugend nicht in fremde Hände geben wollte. „Schließlich hat die Familie gesagt: ,Lasst uns einfach ganz klein anfangen mit Gruppen von maximal zwölf Personen.‘  “ Über eine Website kann man sich anmelden. Und dann eintreten in eine Zeitkapsel.

Die Vierzimmerwohnung im ersten Stock des Altbaus Dalagatan 46 liegt im Stockholmer Vasaviertel, Lindgren-Kennern vertraut aus „Karlsson vom Dach“. Astrid Lindgren bezog die Wohnung 1941, gemeinsam mit ihrem Mann Sture, ihrem 15 Jahre alten Sohn Lars und ihrer damals sieben Jahre alten Tochter Karin. Es gefiel ihr so gut, dass sie ein richtig schlechtes Gewissen hatte, ein so schönes Zuhause zu haben, während in Europa der Zweite Weltkrieg wütete. Mehr als 60 Jahre lebte sie hier, bis zu ihrem Tod 2002 im Alter von 94 Jahren. Die Wohnung ist der Entstehungsort all ihrer Bücher. Sie schrieb sie im Bett – ausschließlich morgens direkt nach dem Wachwerden. Gegen Mittag fuhr sie in den Verlag, in dem sie als Kinderbuchlektorin arbeitete, auch noch, als sie schon weltberühmt war. Die mechanische Schreibmaschine im Arbeitszimmer nutzte sie nur, um ihre in Stenoschrift verfassten Manuskripte abzutippen.

Astrid Lindgrens Bett mit der in vielen Jahren ausgetretenen Teppichstelle.
Astrid Lindgrens Bett mit der in vielen Jahren ausgetretenen Teppichstelle. Foto: dpa
 

Ein anderes Bett ist ebenfalls legendär: Es steht im Gästezimmer und gehörte einst ihrer Tochter Karin. 1941 musste sie darin eine Lungenentzündung auskurieren, und weil sie sich langweilte, sagte sie zu ihrer Mutter: „Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf.“ Damit ging es los. Als Astrid Lindgren 1944 auf einem der vereisten Wege im Vasapark ausrutschte, sich den Fuß verstauchte und selbst das Bett hüten musste, begann sie, die Geschichten aufzuschreiben.

Millionen Menschen sind mit den ländlichen Paradiesen Bullerbü, Lönneberga und Birkenlund aufgewachsen – Orten, an denen Kinder noch Kinder sein durften. Sie verbinden den Namen Lindgren vor allem mit ländlicher Idylle. Doch die Autorin selbst hat ihr ganzes langes Erwachsenenleben in der Großstadt verbracht. Mit 18 Jahren verließ sie ihren kleinen Heimatort Vimmerby, weil sie unverheiratet ein Kind erwartete, ging nach Stockholm und zog dort nie wieder weg. In den stillen Räumen gibt es viele kleine Entdeckungen zu machen. Die Wände hängen voller Bilder, viele davon Original-Zeichnungen aus ihren Büchern. Herumliegende Lupen und ein Telefon mit riesigen Tasten verraten, dass die Autorin im Alter schlecht sehen konnte. In einer Ecke steht eine blauweiße Schüssel: ein Geschenk des russischen Präsidenten Boris Jelzin, der sie 1997 besuchte. Der Mittelpunkt der Wohnung ist das Wohnzimmer. Dort stehen ihre Bücher in vielen Sprachen im Schrank, darunter eine Erstausgabe von „Pippi Langstrumpf“. Vor allem aber gibt es viele Sofas, alle ganz unterschiedlich, wie improvisiert. Journalisten haben mehrfach berichtet, wie Astrid Lindgren darauf bestand, dass sie sich direkt neben sie setzten. Dann ergriff sie die Hand des Besuchers oder knuddelte ihm sogar die Wange. Diese Erfahrung lässt sich natürlich nur noch nachlesen. Astrid Lindgren ist nicht mehr da. Finden kann man sie nur noch in ihren Büchern.

Den Besuch in Astrid Lindgrens Wohnung kann man buchen auf der Website www.astridlindgrenshem.se/in-
english.
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