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Westjordanland : Hebrons Hipster und alte Steine

vom
Aus der Onlineredaktion

Nicht nur der Nahostkonflikt: Im Westjordanland sind auch spannende Begegnungen mit jungen Menschen möglich, die auf Tourismus setzen.

svz.de von
erstellt am 02.Dez.2017 | 16:00 Uhr

„Besuchen Sie nicht nur die alten Steine, sondern auch die Menschen“ – so lautete die Empfehlung von Khouloud Daibes, ehemals Tourismusministerin der Palästinensischen Autonomiebehörde und heute Botschafterin in Berlin. Es ist ein guter Ratschlag. Wer sich im Westjordanland mit ehemaligen Studenten der Tourismusfakultät des Dar al-Kalima University College Bethlehem trifft, erlebt dort ein Reiseziel, das immer wieder überrascht.

Vor der Reise sollte man folgendes wissen: Während für Gaza eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes existiert, hält das Ministerium für Besucher des Westjordanlandes ausführliche Sicherheitshinweise bereit. Darin wird die Sicherheitslage in einigen Teilen des Gebiets als „angespannt“ bezeichnet. Immer wieder komme es „zu Anschlägen, Angriffen und Auseinandersetzungen zwischen israelischen Sicherheitskräften, jüdischen Siedlern und palästinensischer Bevölkerung mit Toten und Verletzten auf beiden Seiten“.

Mit diesem Wissen geht es nun also auf die Reise, nach Hebron, Nabi Musa, Ramallah und Bethlehem – und zu Begegnungen besonderer Art.

Cooles Ambiente, freies WLAN und Gäste mit Laptops: Das Café „Q Candy“ könnte sich auch in Berlin befinden. Doch es steht in Hebron, einem Hotspot politischer Konflikte. „Das Café ist ziemlich beliebt bei jungen Leuten“, sagt Ajat, die nach ihrem Tourismusstudium auf einen Job als Reiseführerin hofft. „Wir blenden die angespannte Situation so weit wie möglich aus und versuchen, ein normales Leben zu führen.“ Beim Besuch des Basars wird die 29-Jährige dann allerdings doch emotional: „Hier hat meine Oma ein Geschäft für Bettwäsche betrieben“, sagt sie. Doch damit war es irgendwann vorbei: „Nach der zweiten Intifada, den Aufständen gegen Israel von 2000 bis 2005, sind alle Hauseingänge auf einer Seite verschweißt.“

Das politische Zentrum des Westjordanlandes präsentiert sich als Szenetreff: „Ramallah hat ein lebendiges Nachtleben“, sagt Haneen aus dem zwölf Kilometer entfernten Taybeh. Die 26-Jährige trägt Jeans und einen modischen Kurzhaarschnitt. Zu den Klängen arabischer Popmusik wabern Schwaden süßlichen Dufts über Garten und Pool in der „Snow Bar“. Auch Haneen raucht die Schischa, die hier Nargile heißt. Cafés, Restaurants und Discos sind voll. Der „Freedom Train“ mitten in der Stadt erinnert allerdings auch in Ramallah an die schweren Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern.

Besuchern die Höhepunkte ihrer Heimat zu zeigen, ist das Anliegen der Palästinenserin Noor. Sie hat in Bethlehem Tourismus studiert. Wie Noor emanzipieren sich immer mehr junge Frauen im Westjordanland.

Rund 20 setzen mit der Al-Dschalameh Women’s Cooperative ein Zeichen und bauen auf vier Hektar Gemüse wie Kürbisse und Hopfen an – für den Export und für sich selbst. Auf Bestellung bereiten sie Besuchern Essen aus knackfrischen Zutaten.

Auch junge Männer nutzen als Touristenführer ihre Spezialkenntnisse.

Mohammed ist 28 Jahre alt und ein weiterer College-Absolvent. Er wohnt im Flüchtlingslager Daheische südlich von Bethlehem. Mohammed führt Touristen durch das Lager und zeigt ihnen stolz das Haus, das er für die Familie gebaut und schick eingerichtet hat.

Körperlich fitten Fremden bringt Nasser seine Heimat näher. Der 32-Jährige hat in Hebron englische Literatur studiert und leitet als Angehöriger eines Beduinenstamms Trekking-Touren durch den ausgetrockneten Flusslauf Wadi Kelt in der Wüste um Jericho.

Als eine Oase der Stille erleben Besucher Nabi Musa, das Mausoleum des Propheten Moses, bei Jericho. „Es heißt, dass die Gebeine von Moses, der in Moab im heutigen Jordanien gestorben ist, durch ein Wunder hierher geweht wurden“, erzählt Margo Tarasi, die mit Aschraf Bakri hier die ehemaligen Pilgerunterkünfte zu 58 Gästezimmern mit Lokalkolorit umbaut. „Ich habe Nabi Musa bei Vollmond erlebt. Es war Magie!“ Jetzt will sie die besondere Stimmung dieser Stätte mit Jeep-Safaris und Kamelritten durch die Wüste kombinieren.

Gemeinsam mit seiner italienischen Frau Viviana betreibt der ehemalige IT-Student Aschraf das Airbnb-„Auberg-Inn“ in einem Landhaus mit üppigem Obstgarten. Hier tauchen Gäste tief ein in die Beschaulichkeit rund um Jericho – bei Radtouren, Fahrten im Eselskarren und Besuchen der Ruinen von Hischams Palast.

Und dann besucht man sie doch, die alten Steine, unermüdlich ans Licht befördert vom Archäologen und Architekten Osama Hamdan und in Szene gesetzt in Sebastia in den ungewöhnlichen „Mosaic Guest Houses“. Der Ort soll im Jahr 27 vor Christi Geburt von König Herodes auf dem alten Samaria neu gegründet worden sein. „Ich beziehe viele Menschen in die Arbeit mit ein“, erklärt Osama. „Ich sage ihnen, dass diese Steine sie ernähren.“ Vor Ehrfurcht wagt der Besucher kaum, richtig aufzutreten auf dem dicken Glas über den antiken Ausgrabungen im „Rock Room“.

Die schlimmste Aussicht der Welt als Werbeslogan Tourismus um jeden Preis? „Nein“, findet der Filmemacher Ibrahim. Der 22-Jährige wohnt gleich um die Ecke des neuen „The Walled Off Hotel“ in Bethlehem. Das Haus an der israelischen Sperrmauer wurde vom englischen Street-Art-Künstler Banksy konzipiert und wirbt mit dem Spruch „Das Hotel mit der schlimmsten Aussicht der Welt“. Bei vielen kommt es nicht gut an, auch Ibrahim kritisiert den Kommerz: Rund 1000 US-Dollar kostet die Nacht in der Präsidentensuite, und im angeschlossenen Wall Mart werden Spraydosen und Vorlagen von Banksy-Graffiti verkauft. Dann können sich Sprayer an der Mauer versuchen. An den trostlosen Hauswänden im Flüchtlingslager dürfte dagegen jeder zu Werke gehen – kostenlos.

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