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Reiseerlebnisse im Internet : Fotografieren, abhaken – und weiter

vom
Aus der Onlineredaktion

Das Internet bringt eigenwillige Reisephänomene hervor: Listen abarbeiten. Und jede Menge Fotos davon zeigen. Wieso tun Leute das?

Europa ist knallrot. Afrika ziemlich grau. Rot bedeutet: Hier war Peter Althaus schon. Grau heißt: hier noch nicht. „Ich habe schon 47 Staaten besucht. Das sind 20,8 Prozent der verzeichneten Länder“, hat der Blogger unter die Landkarte geschrieben. Darüber steht in fetten Lettern: „Diese Länder habe ich bereist – welche habt ihr bisher geschafft?“

Geschafft? Nach Listen zu reisen und die Ziele dann abzuhaken ist eine Passion, die schon vor zehn Jahren populär wurde: Damals stellte der Bestseller „1000 places to see before you die: Die Lebensliste für den Weltreisenden“ einen Kanon für Globetrotter auf. Vom Annapurna-Massiv in Nepal bis zur Ambua Lodge in Papua-Neuguina, von Draculas Schloss in Rumänien bis nach Djerash in Jordanien: Alles sollte man mal gesehen haben.

Das lässt sich natürlich nicht wörtlich nehmen, sicher verstehen die meisten Leser den Band auch eher als Inspiration denn als To-do-Liste. Und doch weckt er ebenso wie seine zahllosen Nachfolger, etwa die „Top 500-Liste“ von Lonely Planet oder National Geographics „400 Reisen, die sie nie vergessen werden“, das Bedürfnis nach Vollständigkeit und die Sehnsucht, so viele der derart heiß angepriesenen Ziele zu sehen wie möglich. Listen wie diese verleiten zu der Frage: Wenn es 1000 tolle Orte gibt – wie viele will ich für mein Glück gesehen haben?

Gerade Reiselustige definieren das oft sehr genau für sich: Auf Reiseblogs findet man persönliche „Travel Bucket Lists“ mit Flecken, die die Blogger unbedingt noch besuchen wollen. Und für alle, die ihre Reiseleistung gern im Blick haben, gibt es Landkarten, auf denen man seine Ziele virtuell markiert oder sie mit einer Geldmünze analog freirubbelt.

„Listenreisen spielt eine Rolle“, weiß der Münchner Tourismusforscher Prof. Dr. Jürgen Schmude. Zwar sei es „kein Massenphänomen; aber es nimmt zu“. Und Prof. Ulrich Reinhardt, Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg, sagt: „Zunehmend mehr Reisende orientieren sich an Listen – getreu dem Motto: Da muss man gewesen sein.“

4700 Ziele in zehn Jahren: Der Extremreisende Frank Grosse-Oetringhaus in Brasilien mit einem Faultier.
4700 Ziele in zehn Jahren: Der Extremreisende Frank Grosse-Oetringhaus in Brasilien mit einem Faultier. Foto: privat

Peter Althaus (33) hat inzwischen 54 Länder der Welt sowie ganz Europa bereist – sein Blog ist nicht aktuell. Dabei ist das noch harmlos. Der Norweger Gunnar Garfors setzte mit 37 Jahren hinter jedes Land der Erde ein Häkchen. Was aber immer noch nichts ist gegen Cassandra de Pecol. Anfang des Jahres stellte die Amerikanerin einen neuen Weltrekord auf: Sie bereiste alle 196 Länder – in nur 18 Monaten und 26 Tagen.

Wieso tut man so etwas?Frank Wigand Grosse-Oetringhaus sagt, er wolle die Welt verstehen. Der 75-Jährige, der bei Köln und in Hamburg aufwuchs, ist einer der extremsten Reisenden der Welt – und einer jener Menschen, die Reisen als Wettbewerb betreiben. Auf Internetseiten wie Most Traveled People oder Travelers’ Century Club arbeiten sich die Globetrotter in Ranglisten hoch. Da geht es von der Couch Potatoe (bis 24 Ziele) über den Touristen (bis 49 Ziele), Gold und Platin in die Hall of Fame. 248 Mitglieder haben es bislang in diesen elitären Zirkel geschafft: Sie weisen mindestens 400 der insgesamt 875 Ziele vor. Die hohe Zahl erklärt sich dadurch, dass nicht nur in Länder, sondern auch in Provinzen und Regionen unterteilt wird – schließlich soll es den Mitgliedern nicht langweilig werden.

Frank Grosse-Oetringhaus, der, wenn er nicht gerade reist, in Berlin und Phuket lebt, steht momentan mit 723 besuchten Orten auf Platz 22. Im Grunde aber hält er sich für die Nummer eins. Viele der Reisenden seien Abhaker, kritisiert er – ihm dagegen gehe es um Qualität. Statt Regionen hat er deshalb 5000 Höhepunkte auf der ganzen Welt aufgestellt – die er innerhalb von zehn Jahren alle sehen wollte. 4700 hat er geschafft.

4700 Highlights in zehn Jahren, für ein Ziel blieb ihm im Schnitt nicht einmal ein Tag. Und so will er die Welt verstehen? „Wenn man Weltmeister werden will, dann geht das nicht ohne Disziplin“, sagt Grosse-Oetringhaus, der zusammen mit seinem Partner reist.

Und: „Es gibt Menschen, die brauchen Jahre, um das Wesentliche zu verstehen. Wir glauben, dass wir durch sehr gute Ausbildung in der Lage sind, dies wesentlich schneller zu schaffen.“ Das Wesentliche eines Ortes verstehen an nicht einmal einem Tag? „Kennenlernen schafft man durch Langsamkeit, nicht durch Geschwindigkeit“, sagt dazu Prof. Dr. Martin Lohmann, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa. „Einen Sport draus zu machen, möglichst viele Ziele bereist zu haben, erscheint mir ein bisschen merkwürdig.“

Für Grosse-Oetringhaus ist es die einzig wahre Art des Reisens: „Wer keine überlegten Ziele hat, bummelt durch die Gegend“, kritisiert er. „Wer nur nach Lust und Laune fährt, versäumt das Beste. Er reist zum Zeitvertreib.“ Bummeln und Zeitvertreib als Geißel, Versäumnisse als Schwäche. Das Glück liegt für Menschen wie Grosse-Oetringhaus darin, möglichst viel Schönes zu sehen und nicht, sich so lange wie möglich dort aufzuhalten, wo es einem gefällt.

„Die Frage ist, was einem wichtig ist. Ist es die Anerkennung und vielleicht sogar der Neid von Freunden und Kollegen, oder sind es eher der Kontrast zum Alltagsstress, das Eintauchen in die Atmosphäre vor Ort?“, gibt Ulrich Reinhardt zu bedenken. „Das muss jeder für sich entscheiden.“ Er glaubt, dass unter dem Sammeln von Reisezielen Spontaneität und Individualität leiden, „aber auch Erholung und letztendlich das Urlaubsglück.“ Grosse-Oetringhaus sieht das anders: „Mir entgeht überhaupt nichts, im Gegenteil, denen, die nicht so reisen, entgeht etwas“, findet der Extremreisende.

Nicht nur bei ihm stellt sich die Frage: Würde er genauso reisen, wenn niemand davon erführe? „Fast wichtiger als der Urlaub selbst ist hierbei das Berichten hinterher“, sagt Reinhardt über Menschen, die Länder sammeln. Dass er damit nicht ganz falsch liegt, kann man in den sozialen Netzwerken beobachten: Eine Schwemme an Urlaubsfotos dokumentiert auf Facebook & Co. das Glück in der Ferne. Dabei ist es ist normal, dass der eine oder andere Dänemark-Reisende beim Blick auf den karibischen Strand das Gefühl bekommt, etwas zu verpassen. Nicht ohne Grund fahren heute nur noch die wenigsten Menschen zehn, 20 Jahre lang jedes Jahr in denselben Ort. „Man kann heute zu jedem Ort der Welt Informationen finden und reisen. Es gibt wesentlich mehr Optionen“, sagt Jürgen Schmude.

Unter Peter Althaus’ Weltkarte hat ein Nutzer enttäuscht notiert: „Ich war erst in 41 Ländern. Hätte gedacht, dass es mehr sind. Es scheint sich also zu ,rächen’, dass ich immer wieder in die gleichen Länder verreise.“ Althaus würde als nächstes gern nach Japan und Albanien. Allerdings kommt er im Moment wenig zum Reisen. Aber, so sagt er: „Am Ende geht es darum glücklich zu sein und nicht so viel zu sehen, wie man eben kann. Man muss auch mal zufrieden sein mit dem, was man erreicht hat.“

 

Sina Wilke

 

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